Gerechtigkeit und Brüderlichkeit

Die ökonomische Schule steht in sehr vielen Punkten in Opposition zu den zahlreichen sozialistischen Schulen. Sie geben sich als fortschrittlicher aus und sind — wie ich gerne zugebe — aktiver und populärer. Wir haben zu Gegnern (ich will nicht sagen Verleumdern) die Kommunisten, die Fourieristen, die Owener, Cabet, L.Blanc, Proudhon, P.Leroux und manch andere.

Bemerkenswert ist aber, dass sich diese Schulen untereinander mindestens ebenso sehr unterscheiden wie sie sich von uns unterscheiden. Sie müssen daher einerseits alle ein gemeinsames Prinzip anerkennen, dass wir nicht anerkennen. Andererseits muss dieses Prinzip zu der unendlichen Vielfalt führen, die wir unter ihnen sehen.

Ich glaube, was uns radikal unterscheidet, ist dieses:

Die politische Ökonomie kommt zu dem Schluss, VOM GESETZ nichts zu fordern als die allgemeine Gerechtigkeit.

Der Sozialismus, in seinen verschiedenen Zweigen, und durch Maßnahmen von naturgemäß unbeschränkter Zahl, fordert außerdem VOM GESETZ die Verwirklichung des Dogmas der Brüderlichkeit.

Nun, wie sieht es aus? Der Sozialismus nimmt mit Rousseau an, dass die ganze gesellschaftliche Ordnung im Gesetz liegt. Bekanntlich lässt Rousseau die Gesellschaft auf einem Vertrag basieren. Louis Blanc sagt schon auf der ersten Seite seines Buches über die Revolution: „Das Prinzip der Brüderlichkeit ist dasjenige, welches die Mitglieder der Volksgemeinschaft als solidarisch betrachtet und eines Tages die Gesellschaften, die Menschenwerk sind, nach dem Modell des menschlichen Körpers organisieren will, der ein Gottes Werk ist.“

Wenn die Gesellschaft Menschenwerk ist, das Werk des Gesetzes, müssen die Sozialisten daraus folgern, dass es in der Gesellschaft nichts gibt, was nicht vorher vom Gesetzgeber angeordnet und arrangiert worden ist.

Als sie also sahen, dass die politische Ökonomie sich darauf beschränkt, VON DEM GESETZ immer und für alle allgemeine Gerechtigkeit zu fordern, dachten sie, dass sie keine Brüderlichkeit in gesellschaftlichen Beziehungen gelten lasse.

Die Überlegung ist schlüssig. „Da die Gesellschaft ganz im Gesetz liegt“, sagen sie, „und da Ihr vom Gesetz nur Gerechtigkeit fordert, verbannt Ihr also die Brüderlichkeit aus dem Gesetz, und folglich aus der Gesellschaft.“

Daher diese Unterstellungen der Starrheit, der Kälte, der Härte, der Trockenheit, die man auf die ökonomische Wissenschaft und ihre Anhänger gehäuft hat.

Aber kann man den Vordersatz zugestehen? Ist es wahr, dass die ganze Gesellschaft im Gesetz enthalten ist? Man wird in Folge sehen, dass wenn das nicht so ist, alle diese Anschuldigungen in sich zusammenfallen.

Wie! Wenn wir sagen, dass das positive Recht, das immer mit Autorität handelt, durch Gewalt, gestützt auf Zwang, das als Sanktion das Bajonett zeigt oder das Verlies, das auf eine Strafandrohung hinausläuft, wenn wir sagen, dass das Gesetz, das weder Neigung, noch Freundschaft, noch Liebe, noch Entsagung, noch Hingabe, noch Opfer verordnet, erst recht nicht das verordnen kann, was all dies zusammenfasst: die Brüderlichkeit, vernichten oder leugnen wir diese edlen Eigenschaften unserer Natur? Wahrlich nicht. Wir sagen nur, dass die Gesellschaft mehr umfasst als das Gesetz, dass außerhalb und jenseits des Gesetzes sehr viele Taten vollbracht werden und eine Flut von Gefühlen strömt.

Ich meinerseits protestiere im Namen der Wissenschaft entschieden gegen diese erbärmliche Auslegung, wonach wir, weil wir im Gesetz eine Grenze sehen, damit alles leugnen, was außerhalb dieser Grenze ist. Ah! Glaubt nur, auch wir begrüßen dies Wort Brüderlichkeit begeistert, das einmal vor achtzehnhundert Jahren von der Höhe des heiligen Berges gefallen ist und für immer auf unsere republikanische Fahne geschrieben bleibt. Auch wir wünschen uns zu sehen, dass die Individuen, die Familien, die Nationen sich vereinigen, füreinander einstehen, sich untereinander helfen auf der mühsamen Reise des sterblichen Lebens. Auch wir fühlen bei der Erzählung großmütiger Taten unser Herz schlagen und unsere Tränen fließen, sei es, dass sie im Leben einfacher Bürger glänzen, sei es, dass sie verschiedene Klassen vereinigen, sei es vor allem, dass sie die Völker beflügeln, die zur Vorhut des Fortschritts und der Zivilisation berufen sind.

Und will man uns nur auf uns selbst verweisen? Nun gut! Möge man unsere Taten prüfen. Ja, wir wollen gerne zugestehen, dass die zahlreichen Publizisten, die in unseren Tagen im Menschenherzen sogar das Gefühl des Eigeninteresses ersticken wollen, die sich so unbarmherzig gegen das wenden, was sie Individualismus nennen, deren Mund sich unaufhörlich mit den Worten: Hingabe, Opfer, Brüderlichkeit füllt; wir wollen gerne zugestehen, dass sie ausschließlich diesen hehren Motiven folgen, die sie anderen empfehlen; dass sie als Vorbild so gut wie als Ratgeber taugen, dass sie dafür gesorgt haben, ihr Verhalten in Einklang zu ihren Lehren zu bringen. Wir wollen ihnen gerne glauben, auf ihr Wort voll Selbstlosigkeit und Wohltätigkeit; aber es soll uns doch erlaubt sein zu sagen, dass wir auf diesem Gebiet den Vergleich nicht scheuen.

Ein jeder solche Decius hat einen Plan, das Glück der Menschheit herbeizuführen, und alle stellen es so dar, als ob wir sie nur bekämpfen, weil wir entweder um unser Vermögen oder um andere gesellschaftliche Vorteile fürchten. Nein, wir bekämpfen sie, weil wir ihre Ideen für falsch halten, ihre Projekte für ebenso kindisch wie verderblich. Wäre uns gezeigt worden, dass man das Glück durch eine künstliche Organisation oder, indem man Brüderlichkeit verordnet, auf ewig auf die Erde herabbringen kann, so gäbe es unter uns Leute, die — obwohl Ökonomen — dieses Dekret mit Freuden mit ihrem letzten Blutstropfen unterzeichnen würden.

Doch es wurde uns nicht gezeigt, dass sich Brüderlichkeit auferlegen lässt. Eben wenn sie überall, wo sie auftritt, so lebhaft unsere Sympathie erregt, dann gerade weil sie außerhalb gesetzlichen Zwanges handelt. Brüderlichkeit ist spontan oder es gibt sie nicht. Sie verordnen heißt sie zerstören. Das GESETZ kann wohl den Menschen zwingen, gerecht zu sein. Vergeblich würde es versuchen, ihn zu zwingen, hingebungsvoll zu sein.

Nicht ich bin es im Übrigen, der diese Unterscheidung erfunden hat. So wie ich es gerade sagte, sind diese Worte vor achtzehnhundert Jahren dem Munde des göttlichen Gründers unserer Religion gekommen:

Das Gesetz sagt euch: Fügt nicht anderen zu, was ihr nicht wollt, dass man es euch tue.
Und ich, ich sage euch: Tut anderen, was ihr wollt, dass andere für euch tun.

Ich denke, diese Worte ziehen die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Brüderlichkeit. Ich denke, sie zeichnen eine Trennungslinie, die zwar nicht absolut und unüberwindlich, aber theoretisch und vernünftig ist, zwischen dem Bereich, der vom Gesetz umschrieben wird und dem unendlichen Reich menschlicher Spontaneität.

Wenn sehr viele Familien, die alle, um zu leben, sich zu entwickeln und sich zu vervollkommnen, allein oder zusammen arbeiten müssen, einen Teil ihrer Kräfte zusammenlegen, was können sie von dieser gemeinsamen Macht anderes fordern, als den Schutz aller Personen, aller Arbeiten, aller Besitztümer, aller Rechte, aller Interessen? Was ist dies anderes als die allgemeine Gerechtigkeit? Offensichtlich hat das Recht eines jeden das ganz gleiche Recht aller anderen zur Grenze. Das Recht kann also nichts anderes tun, als diese Grenze anzuerkennen und ihr Respekt zu verschaffen. Wenn sie einigen zugesteht, sie zu brechen, wäre es zum Schaden einiger anderer. Das Gesetz wäre ungerecht. Mehr noch, wenn es diesen Eingriff vornähme statt ihn nur zuzulassen.

Nehmen wir zum Beispiel das Eigentum: Das Prinzip ist, dass jedem gehört, was er mit seiner Arbeit geschaffen hat, mag diese Arbeit auch vergleichsweise mehr oder weniger geschickt, ausdauernd, glücklich, und folglich mehr oder weniger produktiv gewesen sein. Wenn zwei Arbeiter ihre Kräfte vereinigen wollen, um das Produkt dann nach vereinbarten Anteilen zu teilen, oder wenn sie ihre Produkte untereinander tauschen wollen, oder wenn der eine dem anderen eine Gefälligkeit oder ein Geschenk machen will, was hat das Gesetz damit zu tun? Nichts, scheint mir, als nur, die Ausführung der Übereinkünfte zu überwachen, Diebstahl, Gewalt und Betrug zu hindern oder zu bestrafen.

Heißt dies, dass es einen Akt der Hingabe und der Großzügigkeit verbieten würde? Wer könnte einen solchen Gedanken hegen? Aber ginge es so weit, ihn zu verordnen? Hier ist genau der Punkt, wo sich Ökonomen von Sozialisten scheiden.

Wenn die Sozialisten sagen wollten, dass der Staat für außergewöhnliche Umstände, für dringende Fälle gewisse Ressourcen bereitstellen muss, bei manchem Unglück helfen, bei manchem Umbruch beistehen muss, mein Gott, wir würden einverstanden sein. Das ist geschehen, wir wünschten, dass es besser gemacht würde. Es gibt aber einen Punkt auf diesem Wege, den man nicht überschreiten darf. Es ist der, wo die Vorsorge der Regierung die individuelle Vorsorge zunichte macht und sie ersetzt. Ganz offensichtlich schafft die organisierte Wohltätigkeit in diesem Falle mehr andauerndes Übel als vorübergehendes Wohl.

Aber es handelt sich hier nicht um Ausnahmemaßnahmen. Was wir untersuchen ist: Hat das Gesetz, allgemein und theoretisch betrachtet die Aufgabe der Grenze der  vorherbestehenden gegenseitigen Rechte Respekt zu verschaffen, oder vielmehr direkt den Menschen Glück zu verschaffen, indem es Taten der Hingabe, der Entsagung und gegenseitiger Opfer anregt?

Was mir an diesem letzteren System auffällt (und deshalb werde ich in dieser in Eile verfassten Schrift oft darauf zurückkomme), ist die Unsicherheit, die es über die menschliche Tätigkeit und ihre Ergebnisse verbreitet, ist das Dunkel, vor das es die Gesellschaft stellt, ein Dunkel, das alle ihre Kräfte lähmen kann.

Gerechtigkeit: da weiß man, was sie ist, wo sie ist. Sie ist ein Fixpunkt, unverrückbar. Nehme das Gesetz sie zum Führer, dann weiß jeder, woran er sich halten soll und kann sich folglich danach einrichten.

Aber Brüderlichkeit: wo ist ihr Fixpunkt? Wo ist ihre Grenze? Was ist ihre Form? Offensichtlich ist sie unendlich. Die Brüderlichkeit besteht darin, ein Opfer für jemand anderen zu bringen, für jemand anderen zu arbeiten. Wenn sie frei ist, spontan, freiwillig, erkenne ich sie an und spende ihr Beifall. Ich bewundere das Opfer um so mehr, je vollständiger es ist. Aber wenn man es zum inneren Prinzip der Gesellschaft macht, dass Brüderlichkeit per Gesetz auferlegt wird, das heißt auf gut deutsch, dass die Früchte der Arbeit über das Gesetz verteilt werden, ohne Rücksicht auf die Rechte aus der Arbeit selbst: Wer kann dann vorhersagen, in welchem Maße dieses Prinzip wirken, in welche Form eine Laune des Gesetzgebers es kleiden kann, in welchen Einrichtungen ein Dekret es von heute auf morgen verwirklichen kann? Nun, ich frage, ob unter diesen Bedingungen eine Gesellschaft existieren kann.

Man bemerke wohl, dass das Opfer von Natur aus nicht wie die Gerechtigkeit eine Grenze hat. Es reicht vom Almosen, den man in die Schale eines Bettlers wirft, bis zur Hingabe des Lebens, usque ad mortem, mortem autem crucis. Das Evangelium, das die Menschen die Brüderlichkeit gelehrt hat, lehrte sie durch seine Ratschläge. Es hat uns gesagt: „Wenn man euch auf die rechte Backe schlägt, bietet auch die linke Backe dar. Wenn euch jemand den Rock nimmt, gebt ihm auch den Mantel.“ Es hat uns die Brüderlichkeit nicht nur erklärt, es hat uns das vollständigste, bewegendste und erhabenste Beispiel dafür auf dem Gipfel von Golgatha gegeben.

Also gut! Wird man sagen, dass die Gesetzgebung wirklich bis zur Verwirklichung des Dogmas der Brüderlichkeit auf administrativem Wege vorstoßen muss? Oder wird sie auf halbem Wege stehen bleiben? Aber bei welchem Punkt wird sie halt machen und nach welcher Regel? Das wird heute von einer Wahl abhängen, morgen von einer anderen.

Gleiche Unsicherheiten bei der Form. Handelt es sich darum Opfer Einiger für Alle einzuführen, oder Aller für Einige? Wer kann mir sagen, wie das Gesetz das machen wird? Denn man kann nicht leugnen, dass die Zahl der brüderlichen Verhaltensweisen unendlich ist. Es vergeht kein Tag, wo mir nicht fünf oder sechs mit der Post zugehen, und alle wohlgemerkt vollkommen verschieden. Ist es nicht wirklich töricht zu glauben, dass eine Nation nur etwas moralische Ruhe und materiellen Wohlstand genießen kann, wenn es im Prinzip zugelassen ist, dass der Gesetzgeber sie von heute auf morgen ganz und gar in eine der hunderttausend brüderlichen Gussformen gießen kann, die er augenblicklich bevorzugt?

Sei es mir erlaubt, das ökonomische und das sozialistische System in ihren ins Auge fallenden Konsequenzen zu vergegenwärtigen.

Stellen wir uns zunächst eine Nation vor, die zur Grundlage ihrer Gesetzgebung die Gerechtigkeit nimmt, die allgemeine Gerechtigkeit.

Nehmen wir an, die Bürger sagten zu der Regierung: „Wir nehmen selbst die Verantwortung für unsere Existenz auf uns. Wir kümmern uns um unsere Arbeit, um unsere Geschäfte, um unsere Bildung, um unseren Fortschritt, um unseren Glauben. Was Euch betrifft, Eure einzige Aufgabe wird sein, uns alle, und unter allen Umständen in den Grenzen unseres Rechtes zu halten.“

Man hat nun wirklich so vieles versucht, ich wollte, dass man eines Tages die Phantasie aufbrächte, dies in meiner Heimat oder in irgendeinem Land der Erde zumindest zu versuchen. Man wird sicher nicht leugnen, dass der Mechanismus wunderbar einfach ist. Jeder übt alle seine Rechte aus, wie er mag, wenn er nur nicht in die Rechte anderer eingreift. Der Versuch wäre um so interessanter, als tatsächlich die Völker, die sich diesem System am ehesten nähern, die anderen an Sicherheit, Wohlstand, Gleichheit und Würde übertreffen. Ja, wenn mir zehn Jahre zu leben bleiben, würde ich gerne neun dafür geben, während eines Jahres einem solchen Experiment in meiner Heimat beizuwohnen. Denn von folgendem, scheint mir, würde ich glücklicher Zeuge sein:

Zunächst wäre jeder seiner Zukunft sicher, soweit sie vom Gesetz beeinflusst ist. Wie ich klar gemacht habe ist die genaue Gerechtigkeit eine so klar bestimmte Sache, dass die Gesetzgebung, die nur sie im Sinne hätte, nahezu unveränderlich bliebe. Sie kann nur in den Mitteln variieren, dieses einzige Ziel mehr und mehr zu erreichen: Personen und ihren Rechten Respekt zu verschaffen. So könnte jeder sich ehrenhaften Unternehmungen aller Art ohne Furcht und Unsicherheit widmen. Alle Laufbahnen stünden allen offen. Jeder könnte seine Fähigkeiten frei so ausüben, wie er durch sein Interesse, seine Neigung, Geschicklichkeit oder durch die Umstände bestimmt wäre. Es gäbe weder Privilegien, noch Monopole, noch Regulierungen irgendeiner Art.

Weiterhin, weil die Regierung alle Kraft darauf wenden würde, Diebstahl, Betrug, Strafdelikte, Verbrechen, Gewalttaten zu hindern und sie unterdrücken, wird sie dies Ziel sicherlich umso besser erreichen, als sie sich weniger, wie heute, in einer unzählbaren Menge von Aufgaben verzetteln würde, die ihren wesentlichen Zuständigkeiten fremd sind. Selbst unsere Gegner werden nicht leugnen, dass die erste Aufgabe des Staates ist, Ungerechtigkeit zu hindern und zu unterdrücken. Warum hat dann diese wertvolle Kunst der Vorbeugung und Unterdrückung bei uns so wenig Fortschritt gemacht? Weil der Staat sie vernachlässigt wegen der tausend anderen Funktionen, für die man ihn in Anspruch nimmt. Auch ist Sicherheit nicht der charakteristische Zug der französischen Gesellschaft — weit entfernt. Sie wäre unter der Regierung, die ich im Augenblick untersuche, vollkommen. Sicherheit in Zukunft, denn keine Utopie könnte sich durchsetzen und die öffentliche Gewalt für sich vereinnahmen. Sicherheit in der Gegenwart, da die Gewalt ausschließlich der Bekämpfung und Vernichtung der Ungerechtigkeit gewidmet wäre.

Hier muss ich ein Wort über die Konsequenzen der Sicherheit sagen. Sei also das Eigentum in seinen unterschiedlichen Formen, Grundeigentum, bewegliches, industrielles, geistiges, handwerkliches Eigentum vollkommen garantiert. Geschützt vor den Angriffen der Übeltäter und, mehr noch, vor den Angriffen des Gesetzes. Welcher Art auch die Dienste wären, die die Arbeiter der Gesellschaft oder sich gegenseitig leisten oder die sie nach außen tauschen, diese Dienste hätten immer ihren natürlichen Wert. Dieser Wert wäre wohl noch von Ereignissen beeinflusst — niemals aber von den Launen des Gesetzes, von den Auswirkungen der Steuer, von Intrigen, von parlamentarischem Ehrgeiz und Einfluss. Der Preis der Dinge und der Arbeit wird sich also so wenig wie möglich bewegen, und unter all diesen Bedingungen muss sich insgesamt gewiss die Industrie entwickeln, die Reichtümer sich vermehren, das Kapital sich mit unglaublicher Schnelligkeit akkumulieren.

Nun, wenn die Kapitalien sich vervielfachen, machen sie sich gegenseitig Konkurrenz, ihre Vergütung sinkt, oder, mit anderen Worten, der Zinssatz sinkt. Er macht weniger und weniger von dem Preis des Produktes aus. Der proportionale Anteil des Kapitals am Sozialprodukt wird unaufhörlich sinken. Dieses verbreitetste Arbeitsmittel wird mehr Menschen zugänglich. Der Preis der Verbrauchsgegenstände sinkt um den Teil, den das Kapital weniger beansprucht; das Leben ist billig, und dies ist eine erste wesentliche Bedingung für die Entlastung der Arbeiterklassen.

Gleichzeitig und als eine Wirkung der gleichen Ursache (das schnelle Anwachsen des Kapitals) erhöhen sich die Löhne ganz notwendig. Das Kapital bringt nämlich in Wahrheit absolut nichts, wenn man es nicht arbeiten lässt. Je größer und beschäftigter dieser Fond von Löhnen relativ zu einer festen Zahl von Arbeitern ist, desto mehr steigt der Lohn.

So ist das notwendige Ergebnis dieser Herrschaft der exakten Gerechtigkeit, und folglich der Freiheit und der Sicherheit, die leidenden Klassen auf zweierlei Art zu heben, zunächst gibt sie ihnen billigen Lebensunterhalt, dann hebt sie die Löhne.

Wenn sich das Los der Arbeiter so natürlich und doppelt verbessert, muss sich notwendig auch ihre moralische Verfassung heben und reinigen. Wir sind also auf dem Weg zur Gleichheit. Ich spreche nicht nur von der Gleichheit vor dem Gesetz, die das System schon offensichtlich einschließt, da es jede Ungerechtigkeit ausschließt, sondern die tatsächliche physische und moralische Gleichheit, die daher kommt, dass der Ertrag der Arbeit im gleichen Maß steigt wie der des Kapitals sinkt.

Wenn wir einen Blick auf die Beziehungen dieses Volkes zu den anderen Nationen werfen, finden wir, dass sie alle den Frieden begünstigen. Sich gegen jede Aggression im vorhinein zu wappnen, ist seine einzige Politik. Es droht weder noch ist es bedroht. Es hat keine Diplomatie und erst recht keine bewaffnete Diplomatie. Dank dem Prinzip universeller Gerechtigkeit könnte kein Bürger das Gesetz in seinem Interesse eingreifen lassen, um einen anderen Bürger zu hindern, im Ausland zu kaufen oder zu verkaufen; so wären die Geschäftsbeziehungen dieses Volkes frei und sehr ausgedehnt. Niemand wird abstreiten, dass diese Beziehungen zur Erhaltung des Friedens beitragen. Sie werden für es ein wahrhaftes und wertvolles System der Verteidigung sein, das die Militärarsenale, die Festungen, die Marine, die stehenden Armeen nahezu unnütz macht. So wären alle Kräfte des Volkes produktiven Tätigkeiten zugewandt, ein weiterer Grund für das Anwachsen von Kapital mit allen Konsequenzen, die daraus folgen.

Es ist leicht zu sehen, dass innerhalb dieses Volkes die Regierung auf sehr begrenzte Ausmaße beschränkt ist und die Verwaltungswege auf große Einfachheit. Worum handelt es sich? Darum, der öffentlichen Gewalt als einzige Aufgabe anzuvertrauen, unter den Bürgern Gerechtigkeit herrschen zu lassen. Nun, dies lässt sich billig machen und kostet selbst heute in Frankreich nur sechsundzwanzig Millionen. Also wird eine solche Nation sozusagen keine Steuern zahlen. Es ist sogar sicher, dass die Zivilisation und der Fortschritt die Regierung dort tendenziell immer einfacher und billiger machen. Je mehr nämlich die Gerechtigkeit zum Ergebnis guter gesellschaftlicher Gepflogenheiten wird, umso mehr ist es angebracht, die Gewalt, die benötigt wird, um sie durchzusetzen, zu reduzieren.

Wenn eine Nation von Steuern erdrückt ist, ist nichts schwieriger und ich möchte sagen unmöglicher, als sie gleich zu verteilen. Die Statistiker und Finanzpolitiker erstreben es nicht mehr. Noch unmöglicher ist jedoch, sie auf die Reichen zu beschränken. Der Staat kann nicht viel Geld haben, wenn er nicht bei allen und vor allem bei den Massen abschöpft. Aber bei der so einfachen Staatsordnung, der ich dieses nutzlose Plädoyer widme, eine Ordnung, die nur einige zehn Millionen erfordert, ist nichts einfacher als eine gleiche Verteilung. Ein einziger Beitrag, proportional zum Einkommen, erhoben pro Familie und ohne Gemeindeabgaben, reicht dafür. Weg mit den Kletten des Finanzamts, dieser gefräßigen Bürokratie, dem schmarotzenden Ungeziefer am Gesellschaftskörper; keine indirekten Steuern mehr, dieses mit Gewalt und List geraubte Geld, diese fiskalischen Fallen auf allen Pfaden der Arbeit, diese Fesseln, die uns mehr noch schaden durch die Freiheiten, die sie uns nehmen, als durch die Mittel, die sie uns rauben.

Muss ich zeigen, dass Ordnung das unfehlbare Ergebnis einer solchen Staatsform wäre? Woher sollte Unordnung kommen? Nicht aus dem Elend. Es wäre wahrscheinlich in dem Lande unbekannt, zumindest als chronischer Zustand, und wenn sich schließlich doch ab und dann vorübergehend Leiden zeigt, dächte keiner daran, sich an den Staat zu wenden, an die Regierung, an das Gesetz. Heute, wo man im Prinzip davon ausgeht, dass der Staat die Aufgabe hat, den Reichtum an alle zu verteilen, fordert man von ihm natürlich eine Einlösung dieser Zusage. Um es zu halten, vervielfältigt er die Steuern und schafft mehr Elend, als er heilt. Neue Forderungen von der Seite der Öffentlichkeit, neue Steuern von Seiten des Staates, und wir können nur von Revolution zu Revolution schreiten. Aber wenn anerkannt wäre, dass der Staat von den Arbeitern nur nehmen darf, was strikt unentbehrlich ist, um sie gegen jeden Betrug und jede Gewalt zu bewahren, so wüsste ich nicht, wie es zur Unordnung kommen sollte.

Manche werden glauben, dass unter einer so einfachen, so leicht zu führenden Regierung, die Gesellschaft recht düster und traurig wäre. Was würde aus der großen Politik? Wozu dienten die Staatsmänner? Und würde die Nationalversammlung, wenn sie darauf beschränkt wäre, das Bürgerliche und das Strafgesetzbuch zu vervollkommnen, noch der Neugier der Öffentlichkeit das Schauspiel ihrer leidenschaftlichen Debatten und dramatischen Kämpfe bieten?

Diese seltsame Besorgnis kommt von der Idee, dass die Regierung und die Gesellschaft ein und dasselbe sind; die falscheste und unheilvollste Idee die es je gab. Bestünde diese Einheit, so hieße, die Regierung zu vereinfachen tatsächlich, die Gesellschaft einzuschränken.

Aber wenn die öffentliche Gewalt sich nur darauf beschränkte, die Gerechtigkeit herrschen zu lassen, beschneidet das in irgendeiner Art die Initiative der Bürger? Ist ihr Handlungsspielraum, selbst heute, auf gesetzlich festgelegte Grenzen beschränkt? Stünde es ihnen nicht frei — vorausgesetzt sie verlassen nicht die Grenzen der Gerechtigkeit — unbegrenzt Organisationen zu bilden, Vereinigungen aller Art, religiös, wohltätig, industriell, landwirtschaftlich, intellektuell, und sogar kommunistische Produktionsgemeinschaften und ikarische? Ist nicht vielmehr sicher, dass der Überfluss an Kapital all solche Unternehmungen begünstigen wird? Nur wird jeder freiwillig auf seine Gefahr und sein Risiko beitreten. Was man durch das Eingreifen des Staates erreichen will, ist, dass man auf öffentliche Kosten und öffentliches Risiko beitritt.

Man wird zweifellos sagen: „Unter dieser Herrschaft sehen wir wohl Gerechtigkeit, Ökonomie, Freiheit, Reichtum, Frieden, Ordnung und Gleichheit, aber wir sehen dort keine Brüderlichkeit.“

Noch einmal, gibt es im Menschenherzen nichts als was der Gesetzgeber dort hineingelegt hat? Musste die Brüderlichkeit, damit sie auf Erden erscheine, der Wahlurne entsteigen? Verbietet Ihnen das Gesetz Wohltätigkeit allein dadurch, dass es Ihnen nur Gerechtigkeit auferlegt? Glaubt man, dass die Frauen aufhören werden, ihr Herz hingebungsvoll vom Mitleid rühren zu lassen, weil die Selbstaufopferung und das Mitleid ihnen nicht von dem Gesetzbuch verordnet würden. Und wo ist denn der Paragraph des Gesetzbuches, der das junge Mädchen den Liebkosungen seiner Mutter entreißt und es in traurige Unterkünfte stößt, wo es sich abstoßende Wunden des Körpers und noch abstoßenderen Wunden des Geistes holt? Welcher Paragraph des Gesetzbuches diktiert die Berufung des Priesters? Auf welches geschriebene Gesetz, auf welchen Eingriff der Regierung muss man die Gründung des Christentums zurückführen, den Eifer der Apostel, den Mut der Märtyrer, die Wohltätigkeit von Fénelon oder Franziscus von Paula, die Entsagung so vieler Menschen, die in unseren Tagen tausendfach ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben für den Triumph der Sache des Volkes?

Jedes Mal, wenn wir eine Handlung gut und schön finden, wünschen wir uns natürlich, dass sie allgemein wird. Nun sehen wir inmitten der Gesellschaft eine Gewalt, der alles weicht, und unser erster Gedanke ist, sie zur Hilfe zu nehmen, um die gewünschte Handlung vorzuschreiben und aufzuerlegen. Aber die Frage ist, ob man nicht sowohl die Natur dieser Gewalt als auch die Natur dieser Handlung erniedrigt, wenn man obligatorisch macht, was freiwillig war. Mir meinerseits könnte es nicht in den Kopf kommen, dass das Gesetz, das die Gewalt ist, sinnvoll für etwas anderes anzuwenden ist, als Unrecht zu unterdrücken und Rechte zu erhalten.

Ich habe gerade eine Nation beschrieben, wo es so wäre. Nehmen wir jetzt an, dass in diesem Volke die Meinung vorwiegt, dass das Gesetz sich nicht mehr darauf beschränken soll, die Gerechtigkeit durchzusetzen; dass es auch erstreben soll, die Brüderlichkeit durchzusetzen.

Was wird geschehen? Ich brauche das nicht lange auszuführen, denn der Leser braucht nur das vorhergehende Szenario in Umkehrung zu wiederholen.

Zunächst wird sich eine entsetzliche Unsicherheit, eine tödliche Unsicherheit über den ganzen Bereich der privaten Aktivität ausbreiten. Denn die Brüderlichkeit kann Milliarden unbekannter Formen annehmen, und folglich Milliarden unvorhergesehene Dekrete hervorbringen. Unzählige Entwürfe werden täglich alle erprobten Beziehungen bedrohen. Im Namen der Brüderlichkeit wird Einer die Gleichheit der Löhne fordern — und schon sind die Arbeiterklassen auf das Niveau der indischen Kasten gedrückt. Weder Geschicklichkeit, noch Mut, noch Beharrlichkeit, noch Intelligenz können sie heben, ein Gesetz aus Blei lastet auf ihnen. Diese Welt wird für sie sein wie Dantes Hölle: Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate. Im Namen der Brüderlichkeit wird ein Anderer fordern, dass die Arbeit auf zehn, acht, vier Stunden beschränkt wird, und schon stockt die Produktion. Weil es kein Brot mehr gibt, den Hunger zu stillen, kein Tuch gegen die Kälte, wird ein dritter anregen, das Brot und Tuch durch Zwangspapiergeld zu ersetzen. Kaufen wir nicht die Dinge mit Talern? Taler zu vervielfältigen, wird er sagen, heißt Brot und Tuch vervielfältigen, Papier vervielfältigen heißt Taler vervielfältigen. Na also! Ein Vierter wird fordern, dass man die Konkurrenz, ein Fünfter, dass man den Eigennutz abschaffe. Dieser will, dass der Staat für Arbeit sorgt, Jener für Ausbildung, wieder ein Anderer die Grundrente aller Bürger. Hier ist ein Anderer, der alle Könige von der Erdoberfläche vertreiben und im Namen der Brüderlichkeit den totalen Krieg erklären will. Ich höre auf. Ganz offensichtlich ist auf diesem Wege die Quelle der Utopien unerschöpflich. Sie werden abgelehnt werden, sagt man. Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht, und das genügt, Unsicherheit zu erzeugen, die schlimmste Geißel der Beschäftigung.

Unter dieser Herrschaft kann sich kein Kapital bilden. Es wird rar sein, teuer, konzentriert. Das bedeutet, dass die Löhne fallen, dass die Ungleichheit zwischen den Klassen einen immer tieferen Abgrund wachsen lässt.

Die öffentlichen Finanzen werden schnell vollkommen in Unordnung geraten. Wie könnte es anders sein, wenn der Staat auf sich nimmt, alle mit allem zu versorgen? Das Volk wäre erdrückt von Steuern, man emittiert eine Anleihe nach der anderen, nachdem man die Gegenwart erschöpft hat, verschlingt man die Zukunft.

Schließlich, da es im Prinzip einmal anerkannt ist, dass der Staat zu Gunsten der Bürger Brüderlichkeit ausüben soll, wird man das ganze Volk in Bittsteller verwandelt sehen. Grundeigentum, Landwirtschaft, Industrie, Handel, Seefahrt, Industrieunternehmen, alles eifert, Vergünstigungen des Staates zu fordern. Der Staatshaushalt wäre buchstäblich zur Plünderung freigegeben. Jeder hätte gute Gründe zu beweisen, dass die gesetzliche Brüderlichkeit in diesem Sinne interpretiert werden muss: „Die Vorteile für mich und die Lasten für die anderen.“ Alle Anstrengung wird sich darauf richten, der Gesetzgebung einen Fetzen des brüderlichen Privilegs zu entreißen. Die leidenden Klassen hätten wohl die meisten Rechtstitel, doch nicht immer den meisten Erfolg. So wird ihre Menge sich unaufhörlich erhöhen, mit der Folge, dass man nur von Revolution zu Revolution schreiten kann.

Mit einem Wort, man wird sich das ganze düstere Schauspiel entfalten sehen, dessen Vorspiel uns manche moderne Gesellschaften bieten, die die verhängnisvolle Idee der gesetzlichen Brüderlichkeit angenommen haben.

Ich brauche es nicht zu betonen: Dieser Gedanke entspringt aus großzügigen Gefühlen, aus reinen Absichten. Gerade dadurch hat er so schnell die Sympathie der Massen gewonnen, und dadurch reißt er auch einen Abgrund unter unseren Füßen auf, wenn er falsch ist.

Im Übrigen wäre ich für mein Teil glücklich, wenn man mir beweisen würde, dass er nicht falsch ist. Ach, mein Gott, wenn man die allgemeine Brüderlichkeit verordnen und diese Verordnung wirksam mit der Sanktion der öffentlichen Gewalt ausstatten kann, wenn man, wie es Louis Blanc will, den Antrieb des Eigennutzes durch Handaufzeigen aus der Welt verschwinden lassen kann, wenn man gesetzlich als Artikel des Programmes der pazifistischen Demokratie verwirklichen kann: kein Egoismus mehr, wenn man erreichen kann, dass der Staat allen alles gibt, ohne von jemandem etwas zu erhalten: Dann nur zu! Ja, ich würde für die Verordnung stimmen und mich freuen, dass die Menschheit auf so kurzem und leichtem Wege zu Vollkommenheit und Glück gelangt.

Aber ehrlich gesagt scheinen uns solche Konzepte schimärenhaft und wertlos, ja geradezu kindisch. Dass sie in der Klasse, die arbeitet, leidet und keine Zeit hat nachzudenken, Hoffnungen erregt haben, ist nicht überraschend. Aber wie konnten sie Publizisten von Verdienst irreleiten?

Im Angesicht der Leiden, die eine große Zahl unserer Brüder drücken, dachten diese Publizisten, dass die Freiheit, das heißt die Gerechtigkeit, daran schuld ist. Sie gingen davon aus, dass das System der Freiheit, der exakten Gerechtigkeit, gesetzlich auf die Probe gestellt und dass es gescheitert ist. Daraus schlossen sie, es sei an der Zeit, in der Gesetzgebung einen Schritt weiter zu gehen, sie müsse sich endlich das Prinzip der Brüderlichkeit zu eigen machen. Daher diese Saint-Simon’schen, Fourier’schen, Kommunistischen, Owen’schen Schulen; daher diese Versuche, die Arbeit zu organisieren; diese Erklärungen, dass der Staat allen Bürgern Unterhalt, Wohlstand, Bildung schulde; dass er großzügig, wohltätig, allgegenwärtig, allen ergeben sein muss; dass seine Aufgabe ist, Kinder zu stillen, die Jugend auszubilden, den Starken Arbeit zu garantieren, den Schwachen Renten — mit einem Wort, dass er direkt einzugreifen hat, um alle Leiden zu lindern, alle Bedürfnisse zu befriedigen und für sie vorzusorgen, dass er alle Unternehmungen mit Kapital ausstatten und alle Geister aufklären soll, dass er Balsam für alle Wunden, Asyl für alle Unglücklichen und sogar Hilfe und französisches Blut für alle Unterdrückten auf Erden bieten soll.

Noch einmal, wer wollte nicht, dass sich diese Wohltaten per Gesetz über die Welt ausgießen wie aus unversiegbarer Quelle? Wer wäre nicht glücklich, alle Mühe, alle Vorsehung, alle Verantwortung, alle Pflicht, alles, was die Vorsehung in undurchschaubarer Absicht an Plage und Last dem menschlichen Los auferlegt hat, den Staat auf sich nehmen zu sehen, und den Individuen vorzubehalten, was die anziehende und leichte Seite ausmacht, die Befriedigungen, die Genüsse, die Sicherheit, die Ruhe, die Erholung, eine immer sichere Gegenwart, eine immer lächelnde Zukunft, ein Glück ohne Sorgen, eine Familie ohne Lasten, Kredit ohne Garantien, eine Existenz ohne Anstrengung?

Sicher, all dies wünschten wir, wenn es möglich wäre. Aber ist es möglich? Das ist die Frage. Wir können nicht recht verstehen, was man mit dem Staat meint. Wir glauben, dass sich unter dieser beständigen Personifizierung des Staates die merkwürdigste, demütigendste Mystifikation verbirgt. Was also ist dieser Staat, der alle Tugenden, alle Pflichten, alle Freiheiten auf seine Rechnung nimmt? Woher nimmt er diese Ressourcen, die er in Wohltaten über die Individuen ausgießen soll? Etwa nicht von den Individuen selbst? Wie können sich also die Ressourcen dadurch vermehren, dass sie durch die Hände eines parasitären und gefräßigen Vermittlers gehen? Hat dieses Räderwerk nicht offensichtlich die gegenteilige Wirkung, viel nützliche Kraft zu schlucken und um ebensoviel den Anteil der Arbeiter zu vermindern? Sieht man denn nicht, dass sie dabei mit einem Teil ihres Wohlstandes einen Teil ihrer Freiheit lassen?

Aus welchem Blickwinkel ich auch das menschliche Gesetz betrachte, ich sehe nicht, dass man von ihm vernünftigerweise etwas anderes fordern kann als die Gerechtigkeit.

Nehmen wir zum Beispiel die Religion. Sicher, es wäre zu wünschen, dass es nur einen Glauben, ein Bekenntnis, einen Kult auf der Welt gäbe, wenn es denn der wahre Glauben wäre. Aber so wünschenswert die Einheit ist — die Vielfalt, dass heißt Forschung und Diskussion, sind noch mehr wert, solange nicht für jedermanns Verstand das unfehlbare Zeichen erscheint, an dem sich der wahre Glaube erkennen lässt. Der Eingriff des Staates, selbst wenn er Brüderlichkeit zum Vorwand nimmt, wäre also Unterdrückung, Ungerechtigkeit, wenn er vorgäbe, die Einigkeit zu begründen; denn wer garantiert uns, dass der Staat nicht, unbewusst vielleicht, daran arbeitet, die Wahrheit zu Gunsten des Irrtums zu ersticken? Die Einigkeit muss aus allgemeinem Zusammenstimmen freier Überzeugungen kommen und aus der natürlichen Anziehungskraft, die die Wahrheit auf den menschlichen Geist ausübt. Alles, was man also von dem Gesetz fordern kann, ist die Freiheit aller Glaubensrichtungen, was für eine Anarchie daraus auch in der Welt des Denkens entstehen mag. Denn was beweist diese Anarchie? Dass Einigkeit nicht am Anfang sondern am Ende der intellektuellen Entwicklung steht. Sie ist kein Ausgangspunkt, sondern ein Ergebnis. Das Gesetz, das sie erzwingt, wäre ungerecht, und wenn die Gerechtigkeit nicht notwendig Brüderlichkeit einschließt, wird man zumindest zugeben, dass die Brüderlichkeit Ungerechtigkeit ausschließt.

Ebenso bei der Bildung. Freilich, wenn man über den nach Inhalt und Methode bestmöglichen Unterricht einer Meinung sein könnte, so wäre der gleichartige oder staatliche Unterricht vorzuziehen, da er nach Voraussetzung von Gesetz wegen nur den Irrtum ausschließen könnte. Aber solange dieses Kriterium nicht gilt, solange der Gesetzgeber, der Bildungsminister nicht auf ihrer Stirn ein unwiderlegbares Mal der Unfehlbarkeit tragen, besteht die beste Chance, dass sich die wahre Methode enthüllt und die anderen verdrängt, in der Vielfalt, den Versuchen, der Erfahrung, in individuellen Bemühungen geleitet von dem Interesse am Erfolg, mit einem Wort, in der Freiheit. Das Schlechteste ist die verordnete und uniformierte Erziehung. Denn unter diesem System ist der Irrtum beständig, universell und unheilbar. Wer also aus dem Gefühl der Brüderlichkeit heraus die Erziehung durch Gesetz geregelt und verordnet haben will, müsste sich denken, dass er Gefahr läuft, dass das Gesetz nur den Irrtum regelt und verordnet, dass das gesetzliche Verbot die Wahrheit treffen kann, wenn es die Geister trifft, die sie innezuhaben glauben. Nun frage ich: Ist es wahre Brüderlichkeit, die zur Gewalt greift, um den Irrtum durchzusetzen, oder die das doch zumindest riskiert? Man fürchtet die Vielfalt, man beschimpft sie unter dem Namen Anarchie. Aber sie geht zwingend aus der Vielfalt der Geister und Überzeugungen selbst hervor, eine Vielfalt, die übrigens dazu neigt, durch Diskussion, Studium und Erfahrung zu verschwinden. Welche Berechtigung hat unterdes ein System mittels Gesetz oder die Gewalt vor anderen den Vorrang zu haben? Auch hier finden wir, dass die vorgebliche Brüderlichkeit, die das Gesetz anruft, oder den gesetzlichen Zwang, im Widerspruch zur Gerechtigkeit steht.

Ich könnte dieselben Überlegungen für die Presse anstellen, und in der Tat verstehe ich nicht recht, warum diejenigen, die die einheitliche Erziehung durch den Staat fordern, nicht auch die einheitliche Presse durch den Staat fordern. Die Presse ist auch eine Unterrichtung. Die Presse lässt Diskussion zu, da sie davon lebt. Es gibt dort also auch Vielfalt, Anarchie. Warum nach diesen Ideen nicht ein Ministerium für Öffentlichkeitsarbeit schaffen und es beauftragen, alle Bücher und Journale Frankreichs in Auftrag zu geben? Entweder ist der Staat unfehlbar und wir könnten also nichts besseres tun, als ihm den gesamten intellektuellen Bereich unterzuordnen oder er ist es nicht, und in diesem Fall ist es nicht rationaler, ihm die Erziehung zu überlassen als die Presse.

Betrachte ich unsere Beziehungen mit dem Ausland, so sehe ich auch keine andere kluge, solide, für alle annehmbare Regel — eine Regel also, die ein Gesetz werden könnte — als die Gerechtigkeit. Diese Beziehungen dem Prinzip der gesetzlichen, erzwungenen Brüderlichkeit zu unterwerfen, heißt den beständigen universellen Krieg zu erklären, denn es heißt unsere Kraft, das Blut und das Glück von Bürgern zwangsweise jedem dienstbar zu machen, der sie anfordert, um einer Sache zu dienen, die die Sympathie des Gesetzgebers erregt. Sonderbare Brüderlichkeit. Schon vor langer Zeit hat Cervantes ihre lächerliche Eitelkeit personifiziert.

Aber besonders auf dem Gebiet der Arbeit scheint mir das Dogma der Brüderlichkeit gefährlich, wenn man im Widerspruch zur wesentlichen Idee, die dies geheiligte Wort ausdrückt, daran denkt, ihm in unsere Gesetzbücher Eingang zu verschaffen mit der Strafdrohung, die jedes positive Gesetz begleitet.

Die Brüderlichkeit enthält immer die Idee der Hingabe, des Opfers und darin offenbart sie sich und entlockt uns Tränen der Bewunderung. Wenn man wie gewisse Sozialisten sagt, dass ihre Taten dem Täter nützen, braucht man sie nicht zu verordnen. Die Menschen brauchen kein Gesetz, um veranlasst zu werden, Gewinn zu machen. Im Übrigen erniedrigt und trübt dieser Gesichtspunkt die Idee der Brüderlichkeit sehr.

Belassen wir ihr also ihren Charakter, der in diesen Worten eingeschlossen ist: Ein freiwilliges Opfer aus brüderlichem Gefühl.

Wenn Ihr aus der Brüderlichkeit eine gesetzliche Vorschrift macht, deren Taten vom Industriegesetzbuch vorgesehen und zwingend wären, was bleibt dann von dieser Definition? Nur eines: das Opfer; aber das unfreiwillige, erzwungene Opfer, ausgelöst durch Furcht vor Strafe. Und, Hand aufs Herz, was ist ein Opfer dieser Natur, dem einen auferlegt zum Nutzen des anderen? Ist das Brüderlichkeit? Nein, das ist Ungerechtigkeit. Man muss es aussprechen, das ist gesetzlicher Raub, der schlimmste Raub, denn er ist systematisch, permanent und man kann ihm nicht entgehen.

Was tat Barbès, als er in der Sitzung vom 15. Mai eine Steuer von einer Milliarde zu Gunsten der leidenden Klassen verordnete? Er setzte Euer Prinzip in die Praxis um. Dies ist so wahr, dass der Aufruf von Sobrier, der die Rede von Barbès abschließt, mit diesen Worten eingeleitet wird: „Damit die Brüderlichkeit kein leeres Wort mehr sei, sondern sich in Taten offenbart, wird verordnet: Die Kapitalisten, die als solche bekannt sind, zahlen … etc.“

Ihr, die Ihr Euch lauthals beschwert, mit welchem Recht beschuldigt Ihr Barbès und Sorbrier? Was haben sie getan, als ein bisschen konsequenter zu sein als Ihr, und Ihr eigenes Prinzip ein bisschen weiter zu treiben?

Ich behaupte, dass dieses Prinzip, sobald es in die Gesetzgebung gelangt ist, auch wenn es dort zunächst nur schüchtern in Erscheinung tritt, das Kapital und die Arbeit mit Trägheit schlägt. Denn nichts garantiert, dass es sich nicht unbeschränkt entwickelt. Muss man denn so viel argumentieren, um zu zeigen, dass die Menschen, wenn sie nicht mehr die Sicherheit haben, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen, weniger oder gar nicht mehr arbeiten? Die Unsicherheit, wohlgemerkt, ist das erste Mittel zur Auflösung des Kapitals. Sie verjagt es, sie hindert es daran, sich zu bilden. Und was wird dann aus eben den Klassen, deren Leiden man zu lindern vorgibt? Ich glaube ernsthaft, diese Ursache genügt allein, um in kurzer Zeit die reichste Nation auf ein Niveau unter dem der Türkei absteigen zu lassen.

Das Opfer, das den einen zu Gunsten anderer über die Steuern auferlegt wird, verdirbt offensichtlich den Charakter der Brüderlichkeit. Wer hat das Verdienst daran? Der Gesetzgeber? Es kostet ihn nichts als eine Kugel in die Urne zu legen. Der Steuereinnehmer? Er gehorcht aus Furcht entlassen zu werden. Der Steuerzahler? Er zahlt, um seine Haut zu retten. Wem wird man also das Verdienst zurechnen, das das Opfer mit sich bringt? Wo wird man die Moral darin suchen?

Der außergesetzliche Raub ruft allgemeinen Abscheu hervor, er wendet alle Macht der öffentlichen Meinung gegen sich und setzt sie in Übereinstimmung mit ihrem Verständnis von Gerechtigkeit. Der gesetzliche Raub vollzieht sich im Gegensatz dazu, ohne das Gewissen zu belasten, was das moralische Gefühl innerhalb des Volkes schwächen muss.

Mit Mut und Umsicht kann man sich vor dem gesetzeswidrigen Raub schützen. Nichts kann dem gesetzlichen Raub widerstehen. Was ist das betrübliche Schauspiel, das sich der Gesellschaft bietet, wenn jemand es doch versucht? Ein Räuber bewappnet mit dem Gesetz, ein Opfer, das dem Gesetz Widerstand leistet.

Wenn das Gesetzbuch den Bürgern unter dem Vorwand der Brüderlichkeit gegenseitige Opfer auferlegt, ändert sich die menschliche Natur dadurch nicht. Die Mühe eines jeden richtet sich dann darauf, zur Masse der Opfer wenig beizutragen und viel herauszuholen. Nun, sind in diesem Kampf etwa die Unglücklichsten diejenigen, die gewinnen? Sicherlich nicht, sondern die Einflussreichsten und Intrigantesten.

Sind Einigkeit, Eintracht, Harmonie zumindest die Frucht einer so verstandenen Brüderlichkeit? Ach! Ohne Zweifel, die Brüderlichkeit ist die göttliche Kette, die auf die Dauer Individuen, Familien, Nationen und Rassen zur Einigkeit führen wird — aber nur wenn sie bleibt, was sie ist, nämlich das freieste, spontanste, freiwilligste, verdienstvollste, religiöseste der Gefühle. Nicht ihre Maske wird das Wunder vollbringen, und der gesetzmäßige Raub mag den Namen Brüderlichkeit annehmen, ihre Form, ihre Ausdrucksweisen, ihre Wahrzeichen. Er wird immer nur ein Prinzip der Zwietracht, der Unordnung, ungerechter Ansprüche, des Schreckens, des Elends, der Faulheit und des Hasses sein.

Man macht uns einen schweren Vorwurf. Man sagt uns: Es ist wohl wahr, dass die Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz die Gerechtigkeit ist. Aber die genaue Gerechtigkeit bleibt neutral zwischen Reichen und Armen, Starken und Schwachen, Wissenden und Unwissenden, Eigentümern und Proletariern, Landesgenossen und Fremden. Nun sind die Interessen natürlicherweise entgegengesetzt, und den Menschen ihre Freiheit zu lassen, zwischen ihnen nur gerechte Gesetze eingreifen zu lassen, heißt, den Armen zu opfern, den Schwachen, den Unwissenden, den Proletarier, den Athleten, der sich unbewaffnet dem Kampf stellt.

Was kann man von der industriellen Freiheit erwarten,

sagt Herr Considérant,

auf die man so gezählt hat, von dem berühmten Prinzip der freien Konkurrenz, dem man so entschieden einen demokratischen Charakter der Organisation zutraute?  Es kann nur die allgemeine Versklavung, die kollektive Auslieferung der Massen ohne Kapital, ohne industrielle Waffen, ohne Arbeitsmittel und schließlich ohne Ausbildung an die vorbereitete und gut bewaffnete industrielle Klasse daraus hervorgehen. Man sagt: „Der Ring ist offen, alle Individuen sind zum Kampf aufgerufen, die Bedingungen sind für alle Kämpfer gleich.“ Gut, man vergisst nur eines, nämlich dass auf dem großen Schlachtfeld die einen unterrichtet, kriegserfahren, ausgestattet, bis an die Zähne bewaffnet sind, dass sie einen großen Tross mit Verpflegung, Material, Munition und Kriegsmaschinen haben, dass sie alle Positionen besetzen, und dass die anderen entblößt, nackt, unwissend, verhungert, gezwungen sind, von Tag zu Tag zu leben und ihre Frauen und Kinder zu unterhalten und von ihren Gegnern selbst eine beliebige Arbeit und einen mageren Lohn anzunehmen.

Was! Man vergleicht die Arbeit mit dem Krieg! Diese Waffen, die man Kapital nennt, die aus Ausstattung aller Art bestehen, und die niemals zu etwas anderem verwendet werden können, als dazu, die widerspenstige Natur zu besiegen, vergleicht man in einem bedauerlichen Sophismus mit den blutigen Waffen, die die Menschen in Kämpfen gegeneinander wenden! Wahrhaftig es ist zu einfach, die industrielle Ordnung in Verruf zu bringen, indem man, um sie zu beschreiben, das ganze Kriegsvokabular entleiht.

Die grundsätzliche, unversöhnliche Meinungsverschiedenheit zwischen Sozialisten und Ökonomen über diesen Punkt besteht in Folgendem: die Sozialisten glauben an den wesentlichen Gegensatz der Interessen. Die Ökonomen glauben an die natürliche Harmonie, oder vielmehr an die notwendige und zunehmende Harmonisierung der Interessen. Das ist alles.

Unter der Voraussetzung, dass die Interessen von Natur entgegengesetzt sind, werden die Sozialisten in zwingender Logik dazu geführt, für die Interessen eine künstliche Organisation zu suchen, oder vielmehr, wenn möglich, im Herzen des Menschen das Empfinden von Interesse zu ersticken. Das hat man in Luxemburg versucht. Aber wenn sie auch verrückt genug sind, sind sie doch nicht stark genug, und man braucht nicht eigens zu erwähnen, dass sie, nachdem sie in ihren Büchern gegen den Individualismus gepredigt haben, ihre Bücher verkaufen und sich genau wie das gemeine Volk dem gewöhnlichen Lauf des Lebens überlassen.

Ah! zweifellos, wenn die Interessen natürlicherweise entgegengesetzt sind, muss man die Gerechtigkeit, die Freiheit, die Gleichheit vor dem Gesetz mit Füßen treten. Man muss die Welt neu schaffen, oder wie sie sagen, die Gesellschaft nach einem der zahlreichen Pläne neu ordnen, die sie unablässig erfinden. Das Interesse, als Prinzip der Unordnung, muss man durch die gesetzliche Hingabe ersetzen, auferlegt, unfreiwillig, erzwungen, mit einem Wort, durch den organisierten Raub; und weil dieses neue Prinzip unendlichen Widerwillen und Widerstand erregen muss, wird man zunächst versuchen, es unter dem verlogenen Namen der Brüderlichkeit annehmbar zu machen; danach wird man sich auf das Gesetz berufen, das die Gewalt ist.

Aber wenn die Vorsehung sich nicht getäuscht hat, wenn sie die Dinge so eingerichtet hat, dass die Interessen unter dem Gesetz der Gerechtigkeit natürlicherweise zu überaus harmonischer Verbindung gelangen; wenn sie sich — nach den Worten von Herrn Lamartine — durch Freiheit eine Gerechtigkeit schaffen, die ihnen Willkür nicht geben kann; wenn die Gleichheit der Rechte der sicherste, direkteste Weg zur tatsächlichen Gleichheit ist, oh!, dann können wir vom Gesetz nur Gerechtigkeit fordern, Freiheit, Gleichheit, wie man nur die Beseitigung der Hindernisse fordert, damit jeder Wassertropfen des Ozeans sein Niveau erreicht.

Und dies ist der Schluss, zu dem die politische Ökonomie kommt. Diesen Schluss sucht sie nicht, sie findet ihn; aber sie ist glücklich ihn zu finden, denn erfüllt es nicht den Geist mit tiefer Befriedigung, in der Freiheit Harmonie zu sehen, wenn anderen nur übrig bleibt, sie von Willkür zu fordern?

Die hasserfüllten Parolen, die Sozialisten häufig gegen uns richten, sind in Wahrheit ziemlich merkwürdig! Ei was! Wenn wir leider Unrecht hätten, müssten sie es nicht bedauern? Was sagen wir? Wir sagen: Nach gründlicher Prüfung muss man anerkennen, dass Gott es gut eingerichtet hat, dass die beste Bedingung für Fortschritt Gerechtigkeit und Freiheit ist.

Die Sozialisten glauben uns im Irrtum — das ist ihr Recht. Aber sie sollten zumindest darüber betrübt sein. Wenn erwiesen ist, dass wir irren, so ist es folglich notwendig, das Natürliche durch das Künstliche zu ersetzen, die Freiheit durch Willkür, die ewige göttliche Einrichtung durch zufällige menschliche Erfindung.

Stellen wir uns vor, dass ein Chemieprofessor sagte: „Die Welt ist von einer großen Katastrophe bedroht; Gott hat nicht gut vorgesorgt. Ich habe die Luft analysiert, die den menschlichen Lungen entströmt, und festgestellt, dass sie nicht mehr zur Atmung geeignet ist; so dass ich, wenn ich das Volumen der Atmosphäre berechne, den Tag vorhersagen kann, wo sie ganz verdorben sein wird, und wo die Menschheit an Schwindsucht zugrunde gehen wird, zumindest wenn sie nicht eine künstliche Art der Atmung annimmt, die ich erfunden habe.“

Ein anderer Professor tritt auf und sagt: „Nein, die Menschheit wird nicht so zugrunde gehen. Es ist wahr, dass die Luft, die dem tierischen Leben gedient hat, für diesen Zweck verdorben ist, aber sie ist für das pflanzliche Leben geeignet, und was die Pflanzen ausatmen ist günstig für die Atmung des Menschen. Eine unvollständige Untersuchung hat dazu geführt zu glauben, dass Gott sich getäuscht habe, eine genauere Forschung zeigt, dass er Harmonie in seine Werke gelegt hat. Die Menschen können fortfahren zu atmen, wie die Natur es gewollt hat.“

Was würde man sagen, wenn der erste Professor den zweiten mit Beleidigungen überhäufte und sagte: „Sie sind ein hartherziger Chemiker, trocken und kalt; Sie predigen das grauenhafte Laissez-faire; Sie lieben die Menschheit nicht, denn sie zeigen die Nutzlosigkeit meines Atmungsapparates?“

Da hat man unsere ganze Querele mit den Sozialisten. Alle beide wollen wir die Harmonie. Sie suchen sie in unzähligen Kombinationen, die das Gesetz den Menschen auferlegen soll; wir finden sie in der Natur der Menschen und der Dinge.

Hier wäre der Ort zu zeigen, dass die Interessen zur Harmonie streben, denn das ist die ganze Frage. Aber das erforderte einen Kurs in politischer Ökonomie, und der Leser wird mir das im Augenblick erlassen. Ich sage nur soviel: „Wenn die politische Ökonomie es schafft, die Harmonie der Interessen zu erkennen, liegt es daran, dass sie nicht wie der Sozialismus bei den unmittelbaren Folgen der Phänomene Halt macht, sondern bis zu den letzten und entscheidenden Wirkungen geht.“ Das ist das ganze Geheimnis. Die zwei Schulen unterscheiden sich genau wie die zwei Chemiker von denen ich sprach. Die eine sieht ein Teil, die andere den ganzen Zusammenhang. Wenn sich die Sozialisten zum Beispiel die Mühe machen wollten, die Wirkung der Konkurrenz bis zum Ende, das heißt bis zum Konsumenten zu verfolgen, anstatt beim Produzenten stehen zu bleiben, so werden sie sehen, dass die Konkurrenz die mächtigste Triebfeder der Gleichheit und des Fortschritts ist, ob sie im Inland stattfindet oder von außen kommt. Und eben weil die politische Ökonomie in dieser letztendlichen Wirkung die Harmonie findet, sagt sie: „In meinem Bereich gibt es viel zu lernen und wenig zu tun. Viel zu lernen, denn die Wirkungskette kann man nur mit großem Aufwand verfolgen; wenig zu tun, denn aus der letztendlichen Wirkung folgt die Harmonie des gesamten Phänomens.“

Ich diskutierte diese Frage einmal mit dem bedeutenden Mann, den die Revolution so hoch erhoben hat. Ich sagte ihm: „Das Gesetz operiert durch Zwang, man kann vom ihm nur Gerechtigkeit verlangen.“ Er meinte, dass die Völker außerdem von ihm die Brüderlichkeit erwarten können. Letzten August schrieb er mir: „Wenn ich jemals zu einer Krisenzeit ans Ruder komme, wäre Ihre Idee die Hälfte meiner Ideologie.“ Ich antworte ihm hier: „Die zweite Hälfte Ihrer Ideologie wird die erste ersticken, denn Sie können nicht die Brüderlichkeit gesetzlich verankern ohne die Ungerechtigkeit gesetzlich zu machen.“

Abschließend möchte ich den Sozialisten sagen: „Wenn Ihr glaubt, dass die politische Ökonomie die Vereinigung, die Organisation, die Brüderlichkeit ablehnt, irrt Ihr Euch.“

Die Vereinigung! Wissen wir etwa nicht, dass dies die Gesellschaft selbst ist, die sich unaufhörlich vervollkommnet?

Die Organisation! Wissen wir etwa nicht, dass sie den ganzen Unterschied zwischen einer Anhäufung heterogener Elemente und den Meisterwerken der Natur ausmacht?

Die Brüderlichkeit! Wissen wir etwa nicht, dass sie zur Gerechtigkeit so steht wie der Drang des Herzens zu den kalten Kalkülen des Geistes?

Wir sind mit Euch darin einig, wir spenden Euren Bemühungen Beifall, auf dem Feld der Menschheit eine Saat zu auszusäen, die in Zukunft Ihre Früchte tragen wird.

Aber wir widersetzen uns Euch von dem Augenblick an, wo Ihr das Gesetz und die Steuer eingreifen lasst, das heißt Zwang und Raub. Denn abgesehen davon dass dieser Griff zur Gewalt bezeugt, dass Ihr mehr Vertrauen in Euch selbst als in das Genie der Menschheit setzt, genügt dies unserer Meinung nach, um die Natur selbst und das Wesen des Dogmas zu entstellen, das Ihr verwirklichen wollt.
 

Eigentum und Gesetz

Das Vertrauen meiner Mitbürger hat mir den Titel Gesetzgeber verliehen.

Diesen Titel hätte ich sicherlich abgelehnt, wenn ich ihn so verstanden hätte wie Rousseau.

Wer es zu unternehmen wagt, einem Volk Verfassungseinrichtungen zu geben“, sagt er, „muss sich in der Lage fühlen, sozusagen die menschliche Natur zu ändern, jedes Individuum, das für sich ein vollkommenes und für sich stehendes Ganzes ist, in einen Teil eines größeren Ganzen zu verwandeln, von dem dieses Individuum gewissermaßen sein Leben und seine Existenz empfängt; die körperliche Verfassung des Menschen zu ändern um sie zu stärken, etc., etc… Wenn es wahr ist, dass ein großer Fürst selten ist, wie selten ist dann erst ein großer Gesetzgeber! Der erstere muss nur dem Entwurf folgen, den der andere vorlegen muss. Der eine ist der Ingenieur, der die Maschine entwirft, der andere nur der Arbeiter, der sie montiert und zum laufen bringt.

Rousseau, überzeugt, dass der gesellschaftliche Zustand eine menschliche Erfindung ist, musste das Gesetz und den Gesetzgeber sehr hoch ansiedeln. Zwischen dem Gesetzgeber und dem Rest der Menschen sah er den Abstand oder vielmehr den Abgrund, der den Ingenieur von der trägen Materie trennt, aus der die Maschine gemacht ist.

Nach ihm muss das Gesetz die Personen ändern, Eigentum schaffen oder nicht schaffen. Nach mir existiert die Gesellschaft, die Personen und das Eigentum vor dem Gesetz, und — um mich auf ein spezielles Thema zu beschränken — ich würde sagen: Nicht weil es Gesetze gibt, gibt es Eigentum, sondern weil es Eigentum gibt, gibt es Gesetze.

Der Gegensatz zwischen diesen beiden Systemen ist fundamental. Die Konsequenzen, die sich daraus ableiten, bilden eine unendliche Folge; es sei mir daher erlaubt, die Frage einigermaßen zu präzisieren.

Ich mache zunächst darauf aufmerksam, dass ich das Wort Eigentum in seinem allgemeinen Sinne nehme und nicht im beschränkten Sinne des Grundeigentums. Ich bedaure, und wahrscheinlich bedauern alle Ökonomen mit mir, dass dies Wort unwillkürlich in uns die Vorstellung des Grundeigentums weckt. Ich verstehe unter Eigentum das Recht, das der Arbeiter auf den Wert hat, den er mit seiner Arbeit geschaffen hat.

Dann frage ich mich, ob dieses Recht vom Gesetz geschaffen ist, oder ob es nicht im Gegenteil älter als das Gesetz ist und über ihm steht. Ob das Gesetz das Recht auf Eigentum erst schaffen musste, oder ob vielmehr das Eigentum als Tatsache und Recht vorherbestand, und das Gesetz hervorgebracht hat? Im ersten Falle hat der Gesetzgeber die Aufgabe, das Eigentum zu organisieren, zu modifizieren, selbst zu beseitigen, wenn er es für gut hält; im zweiten Falle beschränkt sich sein Beitrag darauf, es zu garantieren, ihm Achtung zu verschaffen.

In der Präambel eines Verfassungsentwurfs, der von einem der größten Denker der Neuzeit veröffentlicht wurde,  Herrn Lamennais, lese ich die Worte:

Das französische Volk erklärt, dass es die Rechte und Pflichten anerkennt, die älter als alle positiven Gesetzen sind, über ihnen stehen und von ihnen unabhängig sind. Diese Rechte und Pflichten, die direkt von Gott ausgehen, lassen sich in dem dreifachen Dogma zusammenfassen, das diese heiligen Worte ausdrücken: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit.

Ich frage mich, ob das Recht auf Eigentum nicht zu den Dingen gehört, die weit entfernt sich aus dem positiven Gesetz abzuleiten, dem Gesetz vorhergehen und Grund seiner Existenz sind. Dies ist nicht, wie man glauben könnte, eine spitzfindige und müßige Frage. Sie ist ungeheuer wichtig, sie ist fundamental. Ihre Lösung ist für die Gesellschaft von höchstem Interesse. Davon wird man — hoffe ich — überzeugt sein, wenn ich die beiden vorliegenden Systeme in ihrem Ursprung und in ihren Wirkungen verglichen habe.

Die Ökonomen glauben, dass das Eigentum von der Vorsehung geschaffen ist wie die Person. Das Bürgerliche Gesetzbuch schafft weder das eine noch das andere. Das Eigentum ist eine notwendige Folge der menschlichen Natur.

In der ganzen Bedeutung des Wortes wird der Mensch als Eigentümer geboren, denn er wird mit Bedürfnissen geboren, deren Befriedigung für das Überleben unentbehrlich ist, mit Organen und Fähigkeiten, deren Ausübung unentbehrlich ist, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Fähigkeiten sind nur die Ausprägung der Person, das Eigentum nur die Ausprägung der Fähigkeiten. Den Menschen von seinen Fähigkeiten zu trennen, heißt, ihn sterben zu lassen, den Menschen von dem Ergebnis seiner Fähigkeiten zu trennen, heißt wiederum, ihn sterben zu lassen.

Es gibt Publizisten, die sich sehr damit beschäftigen, herauszufinden, wie Gott den Menschen hätte machen müssen: Wir hingegen studieren den Menschen, wie Gott ihn gemacht hat; wir stellen fest, dass er nicht leben kann ohne für seine Bedürfnisse zu sorgen; dass er nicht für seine Bedürfnisse sorgen kann ohne Arbeit, und dass er nicht arbeiten kann, wenn er nicht SICHER ist, dass die Frucht seiner Arbeit seinen Bedürfnissen zugute kommt.

Darum eben glauben wir, dass das Eigentum eine göttliche Einrichtung ist, und dass es seine Sicherheit oder Gesichertheit ist, die Gegenstand des menschlichen Gesetzes ist.

Es ist so wahr, dass das Eigentum älter ist als das Gesetz, dass es sogar unter den Wilden anerkannt wird, die keine Gesetze haben, oder zumindest keine geschriebenen Gesetze. Wenn ein Wilder seine Arbeit dazu verwendet hat, sich eine Hütte zu bauen, macht ihm niemand ihren Besitz oder ihr Eigentum streitig. Ohne Zweifel kann ein stärkerer Wilder ihn daraus verjagen, aber nicht ohne den ganzen Stamm in Unwillen zu versetzen und aufzubringen. Dieser Missbrauch der Gewalt ist es gerade, der die Vereinigung, die Konvention, das Gesetz hervorbringt, das die öffentliche Gewalt dem Eigentum zu Diensten stellt. Also entsteht das Gesetz aus dem Eigentum, weit entfernt davon, dass das Eigentum aus dem Gesetz hervorginge.

Man könnte sagen, dass das Prinzip des Eigentums sogar geradezu bei den Tieren anerkannt ist. Die Schwalbe versorgt friedlich ihre junge Familie in dem Nest, das sie mit eigener Mühe gebaut hat.

Selbst die Pflanze lebt und entwickelt sich durch Aneignung, durch Erwerb. Sie eignet sich Substanzen an, Gase, Salze, die in ihrer Reichweite sind. Es reicht, dies Phänomen zu unterbinden, um sie vertrocknen und vergehen zu lassen.

Ebenso lebt und entwickelt sich der Mensch durch Erwerb. Der Erwerb ist ein natürliches Phänomen der Vorsehung, nötig für das Leben, und das Eigentum ist nur der Erwerb, der durch die Arbeit zum Recht geworden ist. Wenn die Arbeit Substanzen verwertbar, erwerbbar gemacht hat, die es nicht waren, sehe ich wirklich nicht, wie man annehmen könnte, dass der Erwerb mit Recht einem anderen zugute kommen kann als dem, der die Arbeit ausgeführt hat.

Infolge dieser grundlegenden Tatsachen, notwendigen Folgen der menschlichen Natur selbst, greift das Gesetz ein. Da der Trieb nach Leben und Entwicklung den starken Menschen dazu bringen kann, den schwachen auszuplündern, und so das Recht der Arbeit zu verletzen, kam man überein, dass die Kraft aller dem gewidmet sein soll, der Gewalt vorzubeugen und sie zu hindern. Die Aufgabe des Gesetzes ist demnach, dem Eigentum Achtung zu verschaffen. Nicht das Eigentum beruht auf Übereinkunft sondern das Gesetz.

Untersuchen wir jetzt den Ursprung des entgegengesetzten Systems.

Alle unsere vergangenen Verfassungen verkünden, dass das Eigentum heilig ist, was als Ziel für eine allgemeine Vereinigung die freie Entwicklung durch die Arbeit vorauszusetzen scheint, sei es der Individuen, sei es der Teilvereinigungen. Dies schließt ein, dass das Eigentum ein Recht ist, das dem Gesetz vorangeht, weil das Gesetz nur die Aufgabe hätte, das Eigentum zu garantieren.

Aber ich frage mich, ob diese Erklärung nicht sozusagen instinktiv in unsere Grundgesetze eingeführt worden ist, als Phraseologie, als tote Buchstaben, und vor allem, ob sie grundlegende allgemeine gesellschaftliche Überzeugung ist.

Nun, wenn es wahr ist, wie man behauptet hat, dass die Literatur der Ausdruck der Gesellschaft ist, darf man in dieser Hinsicht Zweifel haben. Denn die Publizisten haben stets, nachdem sie sich respektvoll vor dem Prinzip des Eigentums verbeugt haben,  gleichwohl den Eingriff des Gesetzes gefordert — nicht um dem Eigentum Achtung zu verschaffen, sondern um das Eigentum, den Kredit und die Arbeit zu modifizieren, zu ändern, zu verwandeln, anzugleichen, zu belasten und zu organisieren.

Nun, dies setzt voraus, dass man dem Gesetz und folglich dem Gesetzgeber, absolute Macht über Personen und Eigentum zugesteht.

Wir können darüber betrübt, aber sollten darüber nicht überrascht sein.

Woher schöpfen wir unsere Ideen über diese Dinge bis hin zu der Vorstellung vom Recht? Aus lateinischen Büchern, aus dem römischen Recht.

Ich habe nicht Jura studiert, aber es reicht mir zu wissen, dass dies die Quelle unserer Theorien ist, um sicher zu sein, dass sie falsch sind. Die Römer mussten das Eigentum als eine lediglich konventionelle Tatsache betrachten, als ein Produkt, als ein künstliches Erzeugnis des geschriebenen Gesetzes. Offensichtlich konnten sie nicht, wie es die politische Ökonomie macht, bis zur Natur des Menschen selbst zurückgehen und die Beziehung und die notwendige Verkettung zwischen den folgenden Phänomenen wahrnehmen: Bedürfnisse, Fähigkeiten, Arbeit, Eigentum. Dies wäre widersinnig und Selbstmord gewesen. Wie hätten sie, die vom Raub lebten, deren ganzes Eigentum aus Plünderung kam, die ihre Existenzmittel auf die Arbeit der Sklaven gegründet haben ohne die Grundfesten ihrer Gesellschaft zu erschüttern in ihre Gesetzgebung den Gedanken einführen können, dass der wahre Anspruch auf Eigentum die Arbeit ist, die es produziert hat? Nein, sie konnten es weder sagen noch denken. Sie mussten sich auf die empirische Definition des Eigentums zurückziehen: jus utendi et abutendi, eine Definition, die nur auf die Wirkungen Bezug nimmt und nicht auf die Ursachen, nicht auf die Ursprünge; denn die Ursprünge mussten sie Wohl oder Übel im Dunkeln halten.

Der Gedanke ist traurig, dass die Rechtswissenschaft bei uns im neunzehnten Jahrhundert bei den Ideen stehen geblieben ist, die die Existenz der Sklaverei in der Antike aufbringen musste. Aber man kann es erklären. Die Rechtslehre ist in Frankreich monopolisiert, und das Monopol verhindert den Fortschritt.

Freilich beherrschen die Juristen die öffentliche Meinung nicht ganz und gar. Doch muss man zugeben, dass die klerikale und die Universitätsausbildung die französische Jugend wunderbar vorbereiten, in all diesem die falschen Vorstellungen der Juristen anzunehmen, da sie — als ob sie sicherer gehen wollte — uns alle während der zehn schönsten Jahre unseres Lebens in die Atmosphäre von Krieg und Sklaverei eintaucht, die die römische Gesellschaft umgibt und durchdringt.

Wundern wir uns also nicht, im achtzehnten Jahrhundert die römische Idee wiederkehren zu sehen, dass das Eigentum ein konventionelles Faktum ist  und eine gesetzliche Einrichtung, dass keineswegs das Gesetz aus dem Eigentum kommt sondern vielmehr das Eigentum aus dem Gesetz. Man weiß, dass nach Rousseau nicht nur das Eigentum sondern die gesamte Gesellschaft das Resultat eines Vertrages ist, einer aus dem Kopfe des Gesetzgebers hervorgegangenen Erfindung.

„Die gesellschaftliche Ordnung ist ein heiliges Recht, das allen anderen zur Grundlage dient. Gleichwohl kommt dieses Recht nicht aus der Natur. Also beruht es auf Konventionen.“

Also ist das Recht, das allen anderen zur Grundlage dient, ganz und gar konventionell. Folglich ist das Eigentum, das ein abgeleitetes Recht ist, ebenfalls konventionell. Es kommt nicht aus der Natur.

Robespierre war von den Ideen Rousseaus durchdrungen. In dem, was der Schüler über das Eigentum sagt, erkennt man bis zur Formulierung die Theorien des Meisters wieder.

Bürger, ich werde euch zunächst einige nötige Artikel vorlegen, um eure Vorstellung vom Eigentum zu vervollständigen. Dieses Wort soll niemand beunruhigen. Schmutzige Seelen, die nur am Golde hängen, ich will nicht an eure Schätze rühren, wie unrein ihre Quelle auch sei… Ich meinerseits wäre lieber in der Hütte des Fabricius als im Palast des Lucullus geboren, etc., etc.

Ich weise hier darauf hin, dass es, wenn man die Vorstellung vom Eigentum analysiert, irrational und gefährlich ist, dies Wort gleichbedeutend mit Überfluss und vorallem mit unredlich erworbenem Überfluss zu setzen. Die Hütte des Fabricius ist ebenso Eigentum wie der Palast des Lucullus. Aber es sei mir erlaubt, die Aufmerksamkeit des Lesers auf den folgenden Satz zu lenken, der das ganze System in sich schließt:

Als wir die Freiheit definierten, dieses erste Bedürfnis des Menschen, das heiligste Recht, das er von Natur hat, haben wir mit gutem Grund gesagt, dass es das Recht des anderen zur Grenze hat. Warum haben wir dies Prinzip nicht auf das Eigentum angewandt, das eine gesellschaftliche Einrichtung ist, als ob die ewigen Gesetze der Natur weniger unverletzlich wären als die menschlichen Konventionen?

Nach dieser Einleitung legt Robespierre die Prinzipien in diesen Termini fest:

Artikel 1. Das Eigentum ist das Recht jedes Bürgers, den Anteil an Gütern zu genießen und darüber zu verfügen, der ihm von dem Gesetz garantiert ist.
Artikel 2. Das Recht auf Eigentum ist, wie alle anderen, beschränkt durch die Verpflichtung die Rechte anderer zu achten.

So stellt Robespierre Freiheit und Eigentum gegeneinander. Dies sind zwei Rechte unterschiedlichen Ursprungs: Eines kommt von der Natur, das andere ist eine gesellschaftliche Einrichtung. Das erste ist natürlich, das zweite konventionell.

Dass Robespierre beiden Rechten die gleiche Schranke setzt, hätte ihn wohl zu der Auffassung führen sollen, dass beide die gleiche Quelle haben. Ob es sich um Freiheit handelt oder um Eigentum, das Recht des Anderen zu achten heißt nicht, das Recht zu zerstören oder zu ändern, sondern es zu achten und zu bestätigen. Eben weil das Eigentum ein Recht ist, das älter als das Gesetz ist, so gut wie die Freiheit, existieren sie beide nur unter der Bedingung, das Recht des Anderen zu achten. Das Gesetz hat die Aufgabe, dieser Grenze Achtung zu verschaffen, wodurch das Prinzip selbst anerkannt und aufrechterhalten wird.

Wie dem auch sei, es ist sicher, dass Robespierre — nach dem Vorbild von Rousseau — das Eigentum als eine gesellschaftliche Einrichtung betrachtete, als eine Konvention. Er verbindet es in keiner Weise mit seinem wirklichen Rechtstitel — der Arbeit. Es ist das Recht, sagt er, über den Anteil von Gütern zu verfügen, die vom Gesetz garantiert werden.

Ich brauche hier nicht zu wiederholen, dass über Rousseau und Robespierre die römische Vorstellung vom Eigentum sich auf alle unsere sogenannten sozialistischen Schulen übertragen hat. Bekanntlich ist der erste Band von Louis Blancs Werk über die Revolution eine Dithyrambe auf den Philosophen aus Genf und den Vorsitzenden des Konvents.

Also, dass das Recht auf Eigentum von der Gesellschaft eingerichtet ist, dass es eine Erfindung des Gesetzgebers ist, vom Gesetz geschaffen — mit anderen Worten, dass es dem Menschen im Naturzustand unbekannt ist — diese Idee, sage ich, hat sich von den Römern bis zu uns  fortgeerbt: über die Rechtslehre, über die klassischen Studien, die Publizisten des achtzehnten Jahrhunderts, die Revolutionäre von 1793 und die modernen Organisatoren.
 

Kommen wir nun zu den Folgen der beiden Systeme, die ich einander gegenübergestellt habe, und beginnen wir mit dem juristischen System.

Die erste Folge ist, dass es der Phantasie der Utopisten ein grenzenloses Feld eröffnet.

Das ist offensichtlich. Wenn man einmal zum Prinzip erhebt, dass das Eigentum seine Existenz aus dem Gesetz hat, gibt es ebenso viele mögliche Organisationen der Arbeit, wie es mögliche Gesetze im Kopf von Phantasten gibt. Wenn man einmal zum Prinzip erhebt, dass der Gesetzgeber damit betraut ist, Personen und ihr Eigentum zuzuordnen, zu kombinieren und nach seinem Gusto zu formen, gibt es keine Grenzen mehr für die vorstellbaren Arten nach denen die Personen und Eigentümer zugeordnet, kombiniert und geformt werden könnten. Derzeit sind sicherlich in Paris mehr als fünfhundert Entwürfe über die Organisation der Arbeit im Umlauf, eine gleiche Anzahl von Entwürfen über die Organisation des Kredits nicht zu rechnen. Ohne Zweifel widersprechen sich diese Pläne untereinander, aber allen ist gemeinsam, dass sie auf dem Gedanken ruhen: Das Gesetz schafft das Recht auf Eigentum. Der Gesetzgeber verfügt als absoluter Herrscher über die Arbeiter und die Früchte der Arbeit.

Unter diesen Entwürfen haben die von Fourier,  von Saint-Simon,  von Owen,  von Cabet,  von Louis Blanc am meisten die öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Aber es wäre töricht zu glauben, dass es nur diese fünf möglichen Organisationsformen gibt. Ihre Anzahl ist unbeschränkt. Jeder Morgen kann eine neue aufblühen lassen, verführerischer als die des Vortages — und man stelle sich vor, wie es der Menschheit erginge, wenn ihr eben eine dieser Erfindungen aufgezwungen würde und sich unterdes plötzlich eine andere noch blendendere enthüllte. Sie wäre vor die Wahl gestellt, entweder jeden Morgen ihre Existenzbedingungen zu ändern, oder für immer auf einem als falsch anerkannten Weg zu verharren, nur weil er einmal eingeschlagen ist.
 

Eine zweite Folge ist, bei allen Phantasten den Durst nach Macht zu wecken. Ich denke mir eine Organisation der Arbeit aus. Mein System vorzustellen und darauf zu warten, dass die Menschen es annehmen, wenn es gut ist, hieße ja anzunehmen, dass die Initiative bei ihnen liege. Aber in meinem System liegt die Initiative beim Gesetzgeber. „Der Gesetzgeber“, wie Rousseau sagt, „muss sich in der Lage fühlen, die menschliche Natur zu ändern.“ Also muss ich anstreben, Gesetzgeber zu werden, um der Gesellschaft die von mir erfundene gesellschaftliche Ordnung  aufzuzwingen.

Weiterhin werden offenbar alle Systeme, die auf der Idee gründen, dass das Recht auf Eigentum eine gesellschaftliche Einrichtung ist, entweder bei konzentriertesten Privilegien enden oder bei vollständigstem Kommunismus — je nach den schlechten oder guten Absichten des Erfinders. Wenn er finstere Absichten hat, wird er sich des Gesetzes bedienen, um einige auf Kosten aller zu bereichern. Wenn er philanthropischen Gefühlen folgt, wird er das Wohlergehen angleichen wollen, und hierzu wird er daran denken, zu Gunsten von jedem einen gesetzlichen und gleichen Anteil an den geschaffenen Produkten festzusetzen. Bleibt zu untersuchen, ob unter dieser Voraussetzung die Schaffung von Produkten möglich ist.

In dieser Hinsicht hat uns die Luxemburg Kommission kürzlich ein sehr außerordentliches Schauspiel geboten. Hat man nicht, mitten im neunzehnten Jahrhundert, einige Tage nach der Februarrevolution, die im Namen der Freiheit ausbrach, einen Mann, höherstehend als ein Minister, ein Mitglied der provisorischen Regierung, einen Beamten bekleidet mit einer revolutionären und unbeschränkten Autorität, kalt fragen hören, ob es in der Verteilung der Löhne gut sei, die Kraft, das Talent, die Tätigkeit, die Geschicklichkeit des Arbeiters zu berücksichtigen, das heißt den produzierten Reichtum; oder ob es nicht besser wäre, ohne die persönliche Tauglichkeit oder ihre nützliche Wirkung zu beachten, allen gleichen Lohn zu geben? Eine Frage, die darauf hinausläuft: Kostet ein Meter Tuch, das von einem Faulen zu Markte getragen wird, dasselbe wie zwei Meter, die von einem fleißigen Mann geboten werden? Und was ganz unglaublich ist, dieser Mann hat verkündet, dass er gleichen Gewinn vorzöge, was auch immer die zum Verkauf gebotene Arbeit sei, und er hat also in seiner Weisheit entschieden,  dass zwar zwei von Natur zwei seien, per Gesetz aber nur eines.

Seht, wo man hinkommt, wenn man davon ausgeht, dass das Gesetz stärker ist als die Natur.

Das Auditorium hat, wie es scheint, verstanden, dass die Natur des Menschen selbst sich gegen eine solche Willkür wenden würde; dass man niemals erreichen wird, dass ein Meter Tuch Anrecht auf die gleiche Entlohnung gibt, wie zwei Meter. Dass wenn es so wäre, man die Konkurrenz, die man abschaffen wollte, durch eine andere viel verhängnisvollere Konkurrenz ersetzen würde; dass nämlich alle wetteifern, wer am wenigsten arbeitet, wer sich am wenigsten regt, denn die Entlohnung wäre ja doch nach dem Gesetz stets garantiert und für alle gleich.

Aber der Bürger Blanc hat den Einwand vorhergesehen. Um diesem sanften far-niente  vorzubeugen, das ach! dem Menschen so natürlich ist, wenn die Arbeit nicht entlohnt wird, hat er sich ausgedacht, in jeder Kommune eine Säule aufstellen zu lassen, wo die Namen der Faulen angeschrieben wären. Aber er hat nicht gesagt, ob es Inquisitoren geben wird, um die Sünde der Faulheit zu enthüllen, Gerichte, um darüber zu urteilen und Polizisten, um den Gerichtsspruch zu vollstrecken. Es ist bemerkenswert, dass sich die Utopisten niemals mit der gewaltigen Regierungsmaschine befassen, die allein erst ihre gesetzliche Mechanik in Bewegung setzen kann.

Als sich die Delegierten der Luxemburg Kommission ein bisschen ungläubig zeigten, erschien der Bürger Vidal, Sekretär des Bürgers Blanc, der die Gedanken des Meisters zu Ende geführt hat. Nach dem Beispiel von Rousseau beabsichtigt der Bürger Vidal nichts weniger als die Natur des Menschen und die Gesetze der Vorsehung zu ändern.

Es hat der Vorsehung gefallen, in das Individuum Bedürfnisse zu legen und ihre Folgen, die Fähigkeiten und ihre Folgen, und so das persönliche Interesse zu schaffen, anders gesagt, den Instinkt der Selbsterhaltung und das Streben nach Fortschritt als die große Triebfeder der Menschheit. Herr Vidal wird all das ändern. Er sah das Werk Gottes, und er sah dass es schlecht war. Folglich wird er, nach dem Prinzip, dass das Gesetz und der Gesetzgeber alles vermögen, per Dekret das persönliche Interesse unterdrücken. Er ersetzt es durch die Ehre. Nicht mehr, um zu leben, ihre Familie zu unterhalten und aufzuziehen, arbeiten die Menschen, sondern um der Ehre zu genügen, um der fatalen Säule zu entgehen, als ob dies neue Vehikel nicht wieder das persönliche Interesse auf einem anderen Gebiet wäre.

Herr Vidal zitiert unaufhörlich, was die Ehre bei Armeen ausrichtet. Aber, ach! man muss alles sagen, und wenn man die Arbeiter einberufen will, sage man uns also, ob das Militärgesetz mit seinen dreißig Vergehen, auf die die Todesstrafe steht, das Arbeitsgesetz werden wird?

Noch auffälliger an dem unheilvollen Prinzip, das ich hier mit aller Entschiedenheit bekämpfe, ist die Unsicherheit, die es fortwährend wie ein Damokles-Schwert über der Arbeit, dem Kapital, dem Handel und der Industrie hängen lässt. Und dies ist so schwerwiegend, dass ich alle Aufmerksamkeit des Lesers zu fordern wage.

In einem Land wie den Vereinigten Staaten, wo man das Recht auf Eigentum über das Gesetz stellt, wo die öffentliche Gewalt nur die Aufgabe hat, diesem natürlichen Recht Achtung zu verschaffen, kann jeder in vollem Vertrauen sein Kapital und seine Arbeit der Produktion widmen. Er braucht nicht zu fürchten, dass seine Pläne und Überlegungen von einem Augenblick auf den anderen von der Macht des Gesetzgebers umgeworfen werden.

Aber wenn man dagegen zum Prinzip erhebt, dass nicht die Arbeit sondern das Gesetz die Grundlage des Eigentums ist, und zulässt, dass alle Utopisten ihre Überlegungen überall jedem mit der Autorität von Dekreten aufzwingen, — wer sieht dann nicht, dass man alles, was die Natur an Voraussicht und Klugheit in das Herz des Menschen gelegt hat, gegen den industriellen Fortschritt wendet?

Wo findet sich dann noch der kühne Spekulant, der wagt, eine Fabrik aufzubauen oder sich einer Unternehmung zu widmen? Gestern dekretiert man, dass man nur ein bestimmte Anzahl an Stunden arbeiten darf. Heute dekretiert man, dass der Lohn für eine solche Art Arbeit festgelegt ist — wer kann das Dekret von morgen vorhersehen, das von übermorgen, die der folgenden Tage? Wenn sich der Gesetzgeber einmal in diese unmessbare Distanz von den anderen Menschen gestellt hat, dass er allen Ernstes glaubt, über ihre Zeit, ihre Arbeit, ihre Transaktionen, all das was eben Eigentum ausmacht, verfügen zu können, welcher Mensch draußen im Lande weiß dann im Geringsten, in was für eine Zwangslage ihn das Gesetz morgen bringen wird, ihn und seinen Beruf? Und wer kann und will unter solchen Bedingungen irgendetwas unternehmen?

Ich leugne gewiss nicht, dass unter den unzählbaren Systemen, die dieses falsche Prinzip hervorsprießen lässt, viele und sogar die meisten aus wohlwollenden und edlen Absichten hervorgehen. Aber das Furchtbare ist das Prinzip selbst. Das erklärte Ziel jeder einzelnen Maßnahme ist, den Wohlstand gleich zu verteilen. Aber die offenbarste Wirkung schon des Prinzips, auf dem diese Maßnahmen beruhen, ist, das Elend gleich zu verteilen. Ich sage nicht genug: Es bedeutet, die wohlhabenden Familien auf das Niveau der elenden absinken zu lassen, und die armen Familien durch Krankheit und Unterernährung zu dezimieren.

Ich gebe zu, dass ich um die Zukunft meiner Heimat besorgt bin, wenn ich an unsere bedenklichen finanziellen Schwierigkeiten denke, die dieses gefährliche Prinzip noch erschweren wird.

Am 24. Februar haben wir ein Budget verabschiedet, dass alle Proportionen überschreitet, die Frankreich vernünftigerweise tragen kann; und außerdem nach dem jetzigen Finanzminister beinahe eine Milliarde direkt fälliger Schulden. In dieser bereits für sich alarmierenden Situation sind dazu die Ausgaben immer gewachsen und die Einnahmen immer geschrumpft.

Das ist nicht alles. Man hat zwei Sorten Versprechen mit einer maßlosen Freigebigkeit in die Öffentlichkeit geworfen. Nach den einen wird man ihr eine unzählbare Menge wohltätiger aber teurer Institutionen geben. Nach den andern wird man alle Steuern senken. So wird man einerseits die Kinderheime, die Obdachlosenstätten, die Elementarschulen, die kostenlosen weiterführenden Schulen, die Genossenschaftswerkstätten, die Renten vervielfachen. Man wird die Eigentümer von Sklaven und auch die Sklaven selbst entschädigen. Der Staat wird Kreditinstitute gründen, den Arbeitern Arbeitsmittel zur Verfügung stellen. Er verdoppelt die Armee, reorganisiert die Marine, etc., etc., und andererseits schafft er die Salzsteuer ab, den Stadtzoll und alle Abgaben, die am unpopulärsten sind.

Welche Idee man sich auch von den Ressourcen Frankreichs macht, man wird sicher zumindest zugeben, dass sich die Ressourcen entwickeln müssen, um diesem doppelten Unternehmen gewachsen zu sein, das so gigantisch ist und so widersprüchlich erscheint.

Aber hört, wie sich inmitten dieser außerordentlichen Bewegung, die vielleicht über menschliche Kräfte ginge, sogar wenn alle Energien des Landes auf produktive Arbeit gelenkt würden, ein Ruf erhebt: Das Recht auf Eigentum ist ein Erzeugnis des Gesetzes. Folglich kann der Gesetzgeber jederzeit und nach den systematischen Theorien von denen er erfüllt ist, Dekrete erlassen, die alle Planungen der Industrie durcheinander bringen. Der Arbeiter ist nicht Eigentümer einer Sache oder eines Wertes, weil er ihn durch Arbeit geschaffen hat, sondern weil das Gesetz von heute es ihm garantiert. Das Gesetz von morgen kann diese Garantie zurückziehen und dann ist das Eigentum nicht mehr legitim.

Ich frage, wo führt das hin? Kapital und Arbeit werden scheu, sie können nicht mehr auf die Zukunft zählen. Das Kapital wird unter dem Stoß einer solchen Lehre davonlaufen, sich verstecken und verflüchtigen. Und was wird dann aus den Arbeitern, diesen Arbeitern für die Ihr eine so lebhafte, so ernsthafte, aber so wenig aufgeklärte Liebe bekundet? Werden sie besser ernährt sein, wenn die bäuerliche Produktion stockt? Werden sie besser gekleidet sein, wenn niemand wagt, eine Fabrik zu gründen? Werden sie besser beschäftigt sein, wenn das Kapital verschwindet?

Und die Steuer, woher werden Sie sie nehmen? Und die Finanzen, wie werden sie sich wieder konsolidieren? Wie werden Sie die Armee bezahlen? Wie werden Sie Ihre Schulden begleichen? Mit welchem Gelde werden Sie die Arbeitsmittel bereitstellen? Mit welchen Ressourcen werden Sie die wohltätigen Institutionen unterhalten, die so leicht zu verordnen sind?

Ich beeile mich, diese traurigen Betrachtungen zu verlassen. Es bleibt mir noch übrig, das dem heute vorherrschenden entgegengesetzte Prinzip in seinen Folgen zu untersuchen: das ökonomische Prinzip, das Prinzip, welches das Recht auf Eigentum aus der Arbeit und nicht aus dem Gesetz ableitet, das Recht auf Eigentum, das Prinzip, das sagt: Das Eigentum existiert vor dem Gesetz, das Gesetz hat nur die Aufgabe, dem Eigentum überall, wo es ist, überall wo es sich bildet, Achtung zu verschaffen, wie auch immer der Arbeiter es schafft, allein oder gemeinsam, vorausgesetzt er achtet das Recht des anderen.

Zunächst, genau wie das Prinzip der Juristen die Sklaverei nicht ausschließt, enthält das der Ökonomen die Freiheit. Das Eigentum, das Recht, die Frucht seiner Arbeit zu genießen, das Recht zu arbeiten, sich zu entwickeln, seine Fähigkeiten auszuüben wie man will, ohne dass der Staat anders als durch seinen Schutz eingreift, das ist die Freiheit. ­ Und ich verstehe immer noch nicht, warum die zahlreichen Partisanen gegensätzlicher Systeme auf der Fahne der Republik das Wort Freiheit stehen lassen. Man sagt, einige von ihnen hätten es ausgelöscht, um es durch das Wort Solidarität zu ersetzen. Die sind ehrlicher und konsequenter. Nur hätten sie Kommunismus sagen müssen, und nicht Solidarität; denn die Solidarität der Interessen, wie das Eigentum, existiert außerhalb des Gesetzes.

Es impliziert auch die Einigkeit. Das haben wir bereits gesehen. Wenn der Gesetzgeber das Recht auf Eigentum schafft, gibt es für das Eigentum so viele Daseinsformen, wie Irrtümer in die Köpfen von Utopisten passen, das heißt unendlich viele. Wenn im Gegenteil das Recht auf Eigentum ein Tatbestand der Vorsehung ist, der jeder menschlichen Gesetzgebung vorhergeht; und die menschliche Gesetzgebung zum Ziel hat, ihm Achtung zu verschaffen, gibt es keinen Raum für ein anderes System.

Es ist auch die Sicherheit, und das ist völlig klar: Wenn innerhalb eines Volkes wohl anerkannt ist, dass jeder für seine Existenzmittel sorgen muss, dass aber auch jeder auf die Früchte seiner Arbeit ein Recht hat, das dem Gesetz voran und voraus geht, dass das menschliche Gesetz nur nötig war und nur eingegriffen hat, um allen die Freiheit der Arbeit und das Eigentum an ihren Früchten zu garantieren, dann ist es ganz offensichtlich, dass sich der menschlichen Tätigkeit eine Zukunft der vollständigen Sicherheit eröffnet. Sie braucht nicht mehr zu fürchten, dass der Gesetzgeber Dekret für Dekret ihre Bemühungen hemmt, ihre Überlegungen umwirft, ihre Vorausplanung aus dem Gleis wirft. Unter dem Schutz dieser Sicherheit wird sich schnell Kapital bilden. Das schnelle Anwachsen des Kapitals wiederum ist allein Ursache für das Anwachsen des Wertes der Arbeit. Die Arbeiterklassen werden also wohlhabend sein; sie selbst werden dazu beitragen, neues Kapital zu bilden. Sie werden eher in der Lage sein, sich vom Lohn zu befreien, sich zu Unternehmungen zu vereinigen; sie auf ihre Rechnung zu gründen, sich ihre Würde zurück zu erobern.

Schließlich zieht das ewige Prinzip, dass der Staat nicht Produzent sein darf, sondern den Produzenten Sicherheit bieten soll, notwendig Sparsamkeit und Ordnung in den öffentlichen Finanzen nach sich; folglich macht es alleine das gute Maß und die gerechte Verteilung der Steuerlast möglich.

In der Tat — vergessen wir das niemals — hat der Staat keine Ressourcen, die ihm zu eigen sind. Er hat nichts, er besitzt nichts als was er den Arbeitern nimmt. Also setzt er, wenn er sich in alles einmischt, die erbärmliche und teure Aktivität seiner Agenten an die Stelle der privaten Aktivität. Wenn man — wie in den Vereinigten Staaten — dahin kommt zu erkennen, dass die Aufgabe des Staates ist, allen vollständige Sicherheit zu bieten, könnte man diese Aufgabe mit einigen hundert Millionen erfüllen. Dank solcher Sparsamkeit, verbunden mit wirtschaftlichen Aufschwung, wäre es schließlich möglich, eine direkte Steuer einzurichten — eine einzige, die nur den Gewinn jeder Art besteuert.

Aber dafür muss man nur abwarten, bis — vielleicht grausame — Erfahrungen unseren Glauben an den Staat ein wenig vermindert und unseren Glauben an die Menschheit vermehrt haben.

Ich schließe mit einigen Worten über die Vereinigung für den Freihandel. Man hat ihr diesen Namen sehr übel genommen. Ihre Gegner haben sich an dem erfreut, ihre Partisanen sich an dem gestoßen, was die einen wie die anderen für einen Fehler halten.

„Warum schlafende Hunde wecken?“, sagen diese Letzteren. „Warum ein Prinzip auf Ihre Fahne schreiben? Warum beschränken Sie sich nicht darauf, für die Zolltarife die kluge und vernünftige Mäßigung zu fordern, die die Zeit nötig gemacht hat und deren Günstigkeit die Erfahrung bestätigt?“

Warum? Weil zumindest in meinen Augen der Freihandel niemals eine Frage von Zöllen und Tarifen gewesen ist, sondern eine Frage des Rechts, der Gerechtigkeit, der öffentlichen Ordnung, des Eigentums. Weil das Privileg, in welcher Form es sich auch darstellt, die Negation oder die Verachtung des Eigentums einschließt. Weil das Eingreifen des Staates, um die Vermögen anzugleichen, um den Anteil der Einen auf Kosten der anderen zu vergrößern, Kommunismus ist, so wie ein Tropfen Wasser ebenso Wasser ist wie der ganze Ozean. Weil ich vorhersah, dass das Prinzip des Eigentums, wenn es einmal in einer Form erschüttert würde, unaufhörlich in tausenderlei Weise angegriffen würde. Weil ich nicht aus meiner Zurückgezogenheit hervorgekommen bin, um eine teilweise Ermäßigung der Zölle zu erreichen —  das hätte meine Zustimmung zu dieser falschen Vorstellung, dass das Gesetz dem Eigentum vorhergeht enthalten, sondern um dem entgegengesetzten Prinzip zur Hilfe zu eilen, das unter der Herrschaft der Protektionisten gefährdet worden ist, weil ich überzeugt war, dass die Grundeigentümer und die Kapitalisten selbst im Zoll den Keim zum Kommunismus gelegt haben, der sie jetzt erschreckt, denn sie verlangten von dem Gesetz  eine Vermehrung ihres Gewinns auf Kosten der Arbeiterklassen. Ich sah wohl, dass diese Klassen nicht zögern auch im Namen der Gleichheit Gesetzeshilfe zu fordern, um das Wohlstand anzugleichen, was genau der Kommunismus ist.

Lese man den ersten Artikel, der von unserer Vereinigung ausgegangen ist, das Programm, das in einer Vorbereitungssitzung, am 10. Mai 1846, herausgegeben wurde, man wird sehen, dass dies unser vorherrschender Gedanke war.

… Der Handel ist ein natürliches Recht wie das Eigentum. Jeder Bürger, der ein Produkt geschaffen oder erworben hat, muss die Wahl haben, es entweder sofort… zu seinem Gebrauch zu verwenden, oder es irgend jemand auf dem Erdboden abzutreten, der zustimmt, ihm dafür den Gegenstand seiner Wünsche im Tausch zu geben. Ihn dieser Fähigkeit zu berauben — wenn er davon … keinen Gebrauch macht, der der öffentlichen Ordnung und den guten Sitten zuwider ist — nur um einen anderen Bürger zufrieden zu stellen, heißt einen… Raub zu legitimieren, heißt das Gesetz der Gerechtigkeit zu verletzen.

… Es heißt weiterhin, die Grundlagen der Ordnung zu verletzen. Denn welche Ordnung kann innerhalb einer Gesellschaft bestehen, wo jede Industrie mit Hilfe des Gesetzes und der … öffentlichen Gewalt, ihren Erfolg in der Unterdrückung aller anderen sucht?

Wir stellen die Frage so hoch über die der Zölle, dass wir hinzufügen:

Die Unterzeichnenden streiten der Gesellschaft nicht das Recht ab, auf die Waren, die die Grenze überschreiten, Zölle für öffentliche .. Ausgaben zu erheben, vorausgesetzt sie sind durch den Bedarf der Staatskasse begründet.

…Aber sobald der Zoll seinen fiskalen Charakter verliert und zum Ziel hat, das fremde Produkt zum Schaden des Fiskus selbst abzuweisen, um … künstlich den Preis eines ähnlichen nationalen Produktes zu heben und so die Gemeinschaft zum Nutzen einer Klasse zu schädigen, von diesem Augenblick an manifestiert sich die Protektion, oder eher der Raub, und DIES ist das Prinzip, das die Vereinigung in den Geistern auszumerzen und völlig aus unseren Gesetzen zu entfernen hofft.

Sicherlich, hätten wir nur eine unmittelbare Ermäßigung der Zölle angestrebt, wären wir die Agenten irgendwelcher wirtschaftlichen Interessen, wie man es behauptet hat, so hätten wir uns wohl gehütet, auf unsere Fahne ein Wort zu schreiben, das ein Prinzip enthält. Habe ich vielleicht nicht die Hindernisse vorausgesehen, die uns diese Kriegserklärung an die Ungerechtigkeit eingetragen hat? Habe ich nicht sehr wohl gewusst, dass wir, wenn wir das Ziel verschleiern und verbergen, die Hälfte unserer Gedanken verstecken, eher zu der einen oder anderen partiellen Eroberung kommen? Aber inwieweit hätten diese Triumphe, die im Übrigen Scheintriumphe sind, das große Prinzip des Eigentums freigelegt und beschützt, das wir selbst ins Dunkle und außer Betracht gestellt hätten?

Ich wiederhole: Wir fordern die Abschaffung der protektionistischen Herrschaft — nicht als eine gute Regierungsmaßnahme, sondern als Gerechtigkeit, als Verwirklichung der Freiheit, als strikte Konsequenz aus einem Recht, das höher steht als das Gesetz. Was wir im Grunde wollen, können wir nicht in der Form verbergen.

Die Zeit naht, in der man erkennen wird, dass wir zu Recht nicht übereingekommen sind, in den Namen unserer Vereinigung einen Köder, eine Falle, eine Überraschung , eine Doppeldeutigkeit zu legen, sondern vielmehr den ehrlichen Ausdruck eines ewigen Prinzips der Ordnung und der Gerechtigkeit, denn nur Prinzipien haben Macht, nur sie sind die Fackel der Intelligenzen, der Brennpunkt irregeleiteter Überzeugungen.

In letzter Zeit ist ein allgemeines Zittern, wie ein Schüttelfrost, durch ganz Frankreich gelaufen. Bei dem bloßen Wort Kommunismus sind alle in Unruhe geraten. Man sah am helllichten Tage und beinahe offiziell die merkwürdigsten Systeme entstehen, sah subversive Verordnungen sich gegenseitig ablösen, denen noch subversivere Dekrete folgen können, und jeder fragte sich, wohin wir gehen. Das Kapital ist in Schrecken versetzt, der Kredit hat sich verflüchtigt, die Arbeit wurde niedergelegt, die Säge und der Hammer haben mitten in ihrem Werk innegehalten, als hätte ein verhängnisvoller allgegenwärtiger elektrischer Schlag plötzlich alle Intelligenzen und alle Arme lahmgelegt. Und warum? Weil das Prinzip des Eigentums ­ bereits ernsthaft von der protektionistischen Herrschaft gefährdet ­ neue Stöße empfängt, Folgen des ersten; denn der Eingriff des Gesetzes in die Angelegenheiten der Industrie und als Mittel, Werte zu belasten und den Reichtum anzugleichen, ein Eingriff der sich zuerst als Protektionismus zeigte, droht sich unter tausend bekannten und unbekannten Formen zu manifestieren. Ja, ich sage es frei heraus, es sind die Grundeigentümer, die man für Eigentümer an sich hält, die das Prinzip des Eigentums erschüttert haben, denn sie haben das Gesetz angerufen, um ihren Ländereien und Produkten einen künstlichen Wert zu geben. Es sind die Kapitalisten, die die Idee der Angleichung des Vermögens durch das Gesetz nahegelegt haben. Der Protektionismus war Vorläufer des Kommunismus; ich sage noch mehr, er war seine erste Manifestation. Denn was fordern heute die notleidenden Klassen? Sie fordern nichts anderes, als was die Kapitalisten und Grundeigentümer gefordert und erhalten haben. Sie fordern den Eingriff des Gesetzes, um den Reichtum anzugleichen, zu belasten, gleich zu verteilen. Was sie über die Zölle erreicht haben, wollen jene durch andere Einrichtungen tun. Aber das Prinzip ist immer dasselbe, gesetzlich von den einen zu nehmen, um den anderen zu geben. Und da Sie es sind, Eigentümer und Kapitalisten, die dieses verhängnisvolle Prinzip eingesetzt haben, werden Sie doch sicherlich nicht schreien, wenn Unglücklichere als Sie solchen Vorteil fordern. Sie haben zumindest eine Rechtfertigung, die Sie nicht hatten.

Aber man öffnet endlich die Augen, man sieht in welchen Abgrund uns dieser erste Angriff gegen die wesentlichen Bedingungen jeder gesellschaftlichen Sicherheit stößt. Ist dies nicht eine schreckliche Lehre, ein deutlicher Beweis der Kette von Ursache und Wirkung, durch die sich auf die Dauer die gerechte Strafe der Vorsehung zeigt, die Reichen sich heute vor dem Eindringen einer falschen Lehre fürchten zu sehen, deren ungerechte Grundlagen sie selbst gelegt haben, und von der sie glaubten, die Folgen still zu ihrem alleinigen Nutzen wenden zu können? Ja, Prohibitionisten, Sie waren die Vorreiter des Kommunismus! Ja, Eigentümer, Sie haben in den Köpfen die wahre Anschauung vom Eigentum zerstört!

Diese Einsicht gibt die politische Ökonomie, und Sie haben die politische Ökonomie verschrieen, denn sie bekämpft im Namen des Eigentums Ihre ungerechten Privilegien. ­ Und als Sie die Macht ergriffen haben, was war auch der erste Gedanke der modernen Schulen, die Sie erschrecken? Er war, die politische Ökonomie zu unterdrücken, denn die ökonomische Wissenschaft ist ein beständiger Protest gegen die gesetzliche Angleichung, die Sie erstrebt haben, und die heute andere erstreben nach Ihrem Beispiel. Sie haben von dem Gesetz etwas anderes und mehr als man vom Gesetz fordern darf verlangt, etwas anderes und mehr als das Gesetz geben kann. Sie haben von ihm nicht Sicherheit verlangt (das wäre Ihr Recht gewesen), sondern den Mehrwert dessen, was Ihnen gehört, was nicht zugestanden werden kann, ohne die Rechte des anderen zu verletzen. Und jetzt ist der Wahnsinn Ihrer Ansprüche der allgemeine Wahnsinn geworden. ­ Und wenn Sie den Sturm beschwichtigen wollen, der Sie zu verschlingen droht, bleibt Ihnen nur eines: Erkennen Sie Ihren Irrtum, verzichten Sie auf Ihre Privilegien! Lassen Sie das Gesetz in seine Schranken zurückkehren! Beschränken Sie den Gesetzgeber auf seine Rolle! Sie haben uns im Stich gelassen, Sie haben uns angegriffen, weil Sie uns ohne Zweifel nicht verstanden haben. Im Angesicht des Abgrundes, den Sie mit eigener Hand geöffnet haben, beeilen Sie sich, sich mit uns zu vereinigen in unserer Propaganda für das Recht auf Eigentum. Dabei — ich wiederhole es — ist diesem Wort seine weiteste Bedeutung zu geben, es sind darunter die Fähigkeiten des Menschen zu verstehen und alles, was man mit ihnen produzieren kann, sei es durch Arbeit oder durch Tausch.

Die Lehre, die wir verteidigen, erregt ein gewisses Misstrauen. weil sie sehr einfach ist. Sie beschränkt sich darauf, von dem Gesetz SICHERHEIT für alle zu fordern. Man mag kaum glauben, dass der Mechanismus der Regierung darauf reduziert werden kann. Weiterhin wirft man dieser Lehre vor, die Brüderlichkeit auszuschließen, da sie das Gesetz auf die Grenzen der allgemeinen Gerechtigkeit beschränkt. Die politische Ökonomie lehnt diesen Angriff ab. Dies wird Gegenstand eines künftigen Artikels (*) sein.
 

(*) Gemeint ist der Artikel Brüderlichkeit und Gerechtigkeit,

Die klassischen Studien und der Sozialismus

BÜRGER, REPRÄSENTANTEN,

Ich habe der Versammlung einen Antrag unterbreitet, welcher die Abschaffung der Universitätsabschlüsse anstrebt. Mein Gesundheitszustand gestattet mir nicht, ihn auf der Tribüne zu entwickeln. Erlaubt mir, meine Zuflucht zur Feder zu nehmen.

Die Frage ist außerordentlich ernst. Wie mangelhaft auch das von Eurer Kommission ausgearbeitete Gesetz sein mag, so glaube ich doch, dass es einen für den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts wichtigen Fortschritt herbeiführen würde, wenn es so verbessert wird, wie ich vorschlage.

Die Universitätsabschlüsse haben den dreifachen Nachteil, den Unterricht einförmig (die Einförmigkeit ist nicht die Einheit) und starr zu machen, nachdem sie ihm die verderblichste Richtung gegeben haben.

Wenn es irgend etwas in der Welt gibt, was von Natur aus progressiv ist, so ist es der Unterricht. Werden durch ihn nicht die von der Gesellschaft erworbenen Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben, also ein Schatz, der sich von Tag zu Tag läutert und vermehrt?

Wie ist es gekommen, das in Frankreich der Unterricht vom finsteren Mittelalter an einförmig und statisch geblieben ist? Weil er monopolisiert und in einen unüberschreitbaren Zirkel gebannt war.

Es gab eine Zeit, wo es, um irgendwelche Kenntnisse zu erlangen, ebenso notwendig war, latein und griechisch zu lernen, wie es für die Basken und Nieder-Bretagner unerläßlich ist, französisch zu lernen. Die lebenden Sprachen waren nicht verschriftlicht. Die Buchdruckerkunst war nicht erfunden, der menschliche Geist hatte sich nicht angelegen sein lassen, in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Unterrichtet sein hieß wissen, was Epikur und Aristoteles gedacht hatten. In den höheren Ständen rühmte man sich damit, nicht lesen zu können. Eine einzige Klasse beherrschte den Unterricht und erteilte ihn, nämlich die Geistlichen. Was konnte damals dieser Unterricht sein? Offenbar musste er sich auf die Kenntnis der toten Sprachen, namentlich Latein beschränken. Es gab nur lateinische Bücher; man schrieb nur Latein; Latein war die Sprache der Religion; die Geistlichen konnten nur lehren, was sie gelernt hatten: Latein.

Verständlicherweise war also im Mittelalter der Unterricht auf das Studium der alten Sprachen, die sehr unpassend gelehrte Sprache hießen, beschränkt.

Ist es natürlich, ist es gut, das es im neunzehnten Jahrhundert ebenso ist? Ist Latein ein notwendiges Instrument, um Kenntnisse zu erwerben? Kann man aus den Schriften, welche uns die Römer hinterlassen haben, Religion, Physik, Chemie, Astronomie, Physiologie, Geschichte, Recht, Moral, wirtschaftliche Technologie oder Gesellschaftswissenschaft lernen?

Eine Sprache können, ebenso wie lesen können, heisst ein Instrument besitzen. Ist es nicht sonderbar, das wir unsere ganze Jugend damit hinbringen, uns zu Meistern eines Instruments zu machen, was zu gar nichts — oder nur zu wenigem taugt, da man doch, wenn man anfängt es zu beherrschen, nichts Dringenderes kennt, als es zu vergessen? — Ach! warum kann man nicht ebenso schnell die Eindrücke vergessen, die dies verderbliche Studium hinterlässt!

Was würden wir sagen, wenn man zu Saint-Cyr die Jugend , um sie für die moderne Militärkunde vorzubereiten, ausschließlich lehrte, Steine mit der Schleuder zu werfen?

Das Gesetz unseres Landes bestimmt, dass die ehrenvollsten Karrieren allen denen verschlossen sein sollen, die nicht Bacheliers sind. Es bestimmt außerdem, dass man, um Bachelier zu werden, seinen Kopf so mit Latein vollgepfropft haben muss, dass nichts anderes hineingeht. Was geschieht dann, wie alle Welt zugibt? Die jungen Leute haben das genaue, absolut notwendige Minimum, um den Grad zu erlagen, austariert und begnügen sich damit. Ihr klagt hierüber, Ihr seufzt. Ach! begreift Ihr nicht, dass es die Stimme des gesunden Menschenverstandes ist, der sich nicht eine nutzlose Anstrengung aufbürden lassen will?

Ein Instrument lehren, welches, sobald man es kann, keinen Ton mehr gibt, das ist eine wunderliche Anomalie! die Erklärung liegt in dem einzigen Worte: MONOPOL. Das Monopol hat die Eigenschaft, dass es alles, was es berührt, zum Erstarren bringt.

Eben darum hätte ich gewünscht, das die gesetzgebende Versammlung die Freiheit verwirklichte, das heisst den Fortschritt des Unterrichts. Es ist jetzt entschieden, dass es nicht sein soll. Wir werden die Freiheit nicht vollständig haben. Lassen Sie mich zumindest versuchen, einen Fetzen davon zu retten.

Die Freiheit kann vom Gesichtspunkt der Personen und bezüglich der Materien betrachtet werden —  ratione personae et ratione materiae, wie die Rechtsgelehrten sagen; denn die Konkurrenz der Methoden zu unterdrücken ist kein geringerer Angriff auf die Freiheit als die Konkurrenz der Menschen zu unterdrücken.

Es gibt Leute, die sagen: „Die Lehre wird frei sein, denn jeder wird darein eintreten können. “ Dies ist eine große Täuschung.

Der Staat, oder um es richtiger zu sagen, die Partei, die Faktion, die Sekte, der Mann, welcher sich für einen Augenblick und selbst in sehr gesetzlicher Weise des Regierungs-Einflusses bemächtigt, kann dem Unterricht die Richtung geben, welche ihm gefällt und nach seinem Belieben durch den blossen Mechanismus der Abschlüsse alle Intelligenzen formen.

Gebt einem Menschen die Verleihung der Abschlüsse und, wenn er Euch auch ganz frei unterrichten läßt, so wird das Unterrichten doch faktisch unter seiner Herrschaft stehen.

Ich, als Familienvater, und der Lehrer, mit dem ich mich über die Erziehung meines Sohns verständige, wir können glauben, dass die wahre Bildung darin besteht, zu wissen, was die Dinge sind und wie sie entstehen, sowohl im physischen als auch im moralischen Sinne. Wir mögen denken, dass der am besten unterrichtet ist, welcher sich die richtige Vorstellung von den Erscheinungen verschafft und die Verkettung der Ursachen und Wirkungen kennt. Wir möchten diese Annahme dem Unterricht zum Grunde legen. — Aber der Staat hat eine andere Vorstellung. Er denkt, gebildet sein bestünde darin, die Verse des Plautus skandieren und über das Feuer und die Luft die Meinungen von Thales und Phythagoras anführen zu können.

Was tut nun der Staat? Er sagt uns: Lehrt Euren Schüler, was Ihr wollt; aber wenn er zwanzig Jahr alt ist, werde ich ihn über die Meinung von Phythagoras und Thales befragen lassen; ich werde ihn die Verse von Plautus skandieren lassen und wenn er in diesen Materien nicht gut genug ist, um mir zu beweisen, dass er seine ganze Jugend darauf verwendet hat, so wird er weder Arzt, noch Advokat, noch Richter, noch Konsul, noch Diplomat, noch Professor werden können.

Danach bin ich wohl gezwungen, mich zu fügen, denn ich werde nicht die Veranwortung übernehmen, meinem Sohn so viele schöne Karrieren zu verschließen. Ihr werdet mir umsonst sagen, das ich frei bin; ich versichere, dass ich es nicht bin, weil Ihr mich zwingt, aus meinem Sohn, wenigstens in meinen Augen, einen Pedanten — vielleicht einen abscheulichen kleinen Rhetor — und sicherlich einen wilden Aufwiegler zu machen.

Wenn noch die für das Baccalaureat verlangten Kenntnisse irgendeinen Bezug zu den Bedürfnissen und Interessen unserer Zeit hätten! wenn sie wenigstens nur unnütz wären! aber sie sind in beklagenswerter Weise verderblich. Dem menschlichen Geist eine falsche Richtung zu geben, das ist die Aufgabe, welche die Körperschaften, denen das Monopol des Unterrichts überliefert worden ist, sich gestellt zu haben scheinen und wofür sie sich entscheiden haben. Dies will ich nun zu beweisen suchen.

Seit Anfang dieses Streits bombardieren die Universität und der Klerus sich gegenseitig mit Vorwürfen. Ihr verderbt die Jugend mit Eurem philosophischen Rationalismus, sagt der Klerus; Ihr verdummt sie mit Eurem religiösen Dogmatismus, sagt die Universität.

Dann kommen die Vermittler und sagen: Die Religion und die Philosophie sind Schwestern. Verschmelzen wir die freie Forschung und die Autorität. Universität, Klerus, Ihr habt abwechselnd das Monopol gehabt; teilt Euch darein und damit abgemacht.

Wir hörten, wie der ehrwürdige Bischof von Langres so gegen die Universität ausfiel: „Ihr habt uns die sozialistische Generation von 1848 geschaffen“

Und der Herr Cremieux beeilte sich den Ausfall mit den Worten zurückzugeben:  „Ihr habt die revolutionäre Generation von 1793 erzogen.“

Wenn Wahres in diesen Behauptungen liegt, was muss man daraus schließen? Dass die beiden Unterrichte verderblich gewesen sind, nicht durch das, was sie unterscheidet, sondern durch das, was ihnen gemeinsam ist.

Ja, es ist meine Überzeugung: es gibt zwischen diesen beiden Lehren einen gemeinsamen Punkt, nämlich den Missbrauch der klassischen Studien, und dadurch haben alle beide das Urteil und die Moral des Landes verdorben. Darin unterscheiden sie sich, dass der eine das religiöse Element, der andere das philosophische Element überwiegen lässt; aber diese Elemente, statt dass sie das Übel hervorgebracht haben, wie man sich vorwirft, haben es gemildert. Ihnen haben wir zu danken, dass wir nicht ebenso Barbaren sind, wie die Barbaren, die uns durch den Latinismus fortwährend zur Nachahmung empfohlen wurden.

Man gestatte mir eine Annahme, die zwar etwas gezwungen ist, aber meinen Gedanken verständlich machen wird.

Ich nehme also an, dass es irgendwo, bei den Antipoden, eine Nation gibt, welche die Arbeit hasst und verachtet und alle ihre Existenzmittel auf die fortwährende Beraubung aller benachbarten Völker und auf die Sklaverei gründet. Diese Nation hat sich eine Politik, eine Moral, eine Religion und eine öffentliche Meinung geschaffen, die mit dem brutalen Prinzip, durch welches sie sich erhält und entwickelt, im Einklang sind. Nachdem Frankreich dem Klerus das Monopol der Erziehung erteilt  hat, weiß dieser nichts Besseres zu tun, als die ganze französische Jugend zu diesem Volk zu schicken, um nach seiner Lebensweise zu leben, um sich seine Gesinnungen anzueignen, um sich an seinen Kulten zu begeistern und um seine Ideen wie die Luft einzuatmen. Er trägt nur Sorge, dass jeder Schüler bei seinem Abgange mit einem kleinen Buch ausgestattet wird, welches heißt: das Evangelium. Die in dieser Weise erzogenen Generationen kehren auf den Boden des Vaterlandes zurück; es bricht eine Revolution aus: ich gebe zu bedenken, welche Rolle sie dabei spielen.

In Anbetracht dessen entzieht der Staat dem Klerus das Monopol des Unterrichts und übergibt es der Universität. Auch die Universität schickt die Jugend wie es Tradition ist zu den Antipoden, zu dem räuberischen und sklavenbesitzenden Volk und gibt ihr auch ein kleines Buch mit, mit dem Titel: Philosophie. Fünf oder sechs auf diese Weise erzogenen Generationen haben kaum das Vaterland wiedergesehen, als eine zweite Revolution ausbricht. In derselben Schule gebildet wie ihre Vorgänger, zeigen sie sich als würdige Nachfolger.

Darauf gibt es Krieg zwischen den Monopolisten. Euer kleines Buch ist es, was alles Übel herbeigeführt hat, sagt der Klerus. Das Eurige ist es, entgegnet die Universität.

Ach nein, Ihr Herren, Eure kleinen Bücher kommen bei diesem allem nicht in Betracht. Was das Übel herbeigeführt hat, ist die wunderliche Idee, die Ihr beide ausgeheckt und ausgeführt habt, die für die Arbeit, für den Frieden, für die Freiheit bestimmte französische Jugend fortzuschicken, um sich mit den Gesinnungen und den Ansichten eines Volks von Räubern und Sklaven zu erfüllen, sie in sich aufzunehmen und sich damit zu übersättigen.

Das behaupte ich: Die subversiven Doktrinen, denen man den Namen Sozialismus oder Kommunismus gegeben hat, sind die Frucht der klassischen Studien, mögen sie vom Klerus oder von der Universität präsentiert werden. Ich füge hinzu, dass das Baccalaureat den klassischen Unterricht sogar den vermeintlich freien Schulen aufzwingen wird, die, wie man sagt, aus dem Gesetz hervorgehen müssen. Eben deshalb beantrage ich die Abschaffung der Abschlüsse.

Man rühmt vielfach das Lateinstudium als ein Mittel, um den Geist zu entwickeln; das ist reiner Konventionalismus. Den Griechen, welche nicht Latein lernten, fehlte es nicht an Geist und er scheint auch den französischen Frauen nicht zu fehlen, ebenso so wenig wie der gesunde Menschenverstand. Es wäre auch sonderbar, wenn der menschliche Geist nur an Stärke gewinnen könnte, indem er eine falsche Richtung nimmt; und begreift man nicht, dass der sehr zweifelhafte Vorteil, den man postuliert, wenn er vorhanden ist, sehr teuer erkauft wird durch das schreckliche Übel, in das Herz Frankreichs mit der Sprache der Römer ihre Ideen, ihre Gesinnungen, ihre Ansichten und die Karikatur ihrer Sitten eindringen zu lassen?

Seitdem Gott über die Menschen Ausspruch getan hat: Ihr werden Euer Brot im Schweiße Eures Angesichts essen, ist die Existenzsicherung für sie eine so wichtige, so drängende Angelegenheit, dass je nach den Mitteln, die sie zu diesem Zweck ergreifen, ihre Sitten, Gewohnheiten, Ansichten, ihre Moral und ihre sozialen Einrichtungen sehr verschieden sein müssen.

Ein Jägervolk kann nicht einem Fischervolk ähnlich sehen, noch eine Hirtennation einer Seefahrernation.

Aber diese Verschiedenheiten sind jedoch nichts im Vergleich zu dem Unterschied, der zwei Völker charakterisieren muss, von denen das eine von Arbeit lebt und das andere vom Diebstahl.

Denn zwischen Jägern, Fischern, Hirten, Ackerbauern, Handeltreibenden, Fabrikanten besteht das Gemeinsame, dass alle ihre Bedürfnisbefriedigung aus der Beherrschung von Dingen erlangen. Was sie ihrer Herrschaft unterwerfen wollen, ist die Natur.

Die Menschen aber, welche ihre Existenzmittel auf Plünderung gründen, üben ihre Wirksamkeit auf andere Menschen aus; das, worüber zu herrschen sie eifrig streben, sind ihres Gleichen.

Dass Menschen existieren, ist es notwendig, dass die Einwirkung auf die Natur, welche man Arbeit nennt, erfolgt.

Es kann sein, dass die Früchte dieser Einwirkung der Nation, welche sich ihr widmet, Vorteil bringen; es ist auch möglich, dass sie im zweiten Schritt, durch Gewalt, zu einem anderen Volk, das über das Arbeitsvolk gestellt ist, gelangen.

Ich kann hier nicht diesen ganzen Gedanken entwickeln; aber man möge recht darüber nachdenken und man wird sich überzeugen, dass zwischen zwei Menschenansammlungen, die sich in so entgegengesetzten Stellungen befinden, alles verschieden sein muss: Sitten, Gewohnheiten, Urteile, Organisation, Moral, Religion und zwar derartig, dass selbst die Worte zur Bezeichnung der allerwesentlichsten Beziehungen, wie die Worte Familie, Eigentum, Freiheit, Tugend, Gesellschaft, Regierung, Republik, Volk nicht dieselben Ideen bei der einen und bei der andern hervorrufen können.

Ein Kriegervolk sieht bald, dass Familie die militärische Hingabe schwächen kann (wir fühlen das selbst, da wir sie unseren Soldaten versagen). Aber die Bevölkerung darf nicht schrumpfen. Wie diese Aufgabe lösen? Wie es Plato in Theorie und Lykurg in Praxis taten: durch Promiskuität. Dennoch sind Plato und Lykurg Namen, die man uns gewöhnt, nur mit Ehrfurcht auszusprechen.

Für das, was Eigentum darstellt, möchte ich bestreiten, das man im ganzen Altertum eine leidliche Definition findet. Wir unsererseits sagen: der Mensch ist Eigentümer seiner selbst, folglich seiner Fähigkeiten und demgemäß des Produkts seiner Fähigkeiten. Konnten aber die Römer einen solchen Begriff fassen? Konnten sie, als Besitzer von Sklaven, sagen: der Mensch gehört sich? Die Arbeit verachtend, konnten sie sagen: der Mensch ist Eigentümer des Produkts seiner Fähigkeiten? Das hieße, den kollektiven Selbstmord zu institutionalisieren.

Worauf ließ also das Altertum das Eigentum begründet sein? Auf dem Gesetz — eine verderbliche Vorstellung, die verderblichste, die jemals in die Welt gekommen sein mag, da sie den Gebrauch und den Missbrauch von allem rechtfertigt, was dem Gesetz beliebt, als Eigentum zu erklären, selbst Früchte des Diebstahls, selbst den Menschen.

In diesen Zeiten der Barbarei konnte die Freiheit nicht besser begriffen werden. Was ist die Freiheit? Es ist die Gesamtheit der Freiheiten. Frei sein, unter seiner Verantwortlichkeit, zu denken und zu handeln, zu sprechen und zu schreiben, zu arbeiten und zu tauschen, zu lehren und zu lernen, das allein ist frei sein. Kann so eine Nation, die mit Hinblick auf eine Schlacht ohne Ende in der Zucht gehalten ist, die Freiheit begreifen? Nein, die Römer missbrauchten dies Wort für eine gewisse Kühnheit in den inneren Kämpfen, welche die Teilung der Beute unter ihnen hervorrief. Die Anführer wollten alles; das Volk forderte seinen Teil. Daher die Stürme auf das Forums, die Rückzüge nach dem Aventinischen Berge, die Agrargesetze, die Vermittlung der Tribunen, die Popularität der Verschwörer; daher diese Maxime: Malo periculosam libertatem etc. welche in unsere Sprache übergegangen ist, und womit ich auf dem Gymnasium alle meine Schulbücher verzierte:

Freiheit! Freiheit! welche Reize haben
Deine Stürme für ein großes Herz

Schöne Beispiele, erhabene Lehren, kostbare Samenkörner, um sie in die Seele der französischen Jugend zu legen!

Was soll man über die römische Moral sagen? Und ich spreche hier nicht von den Beziehungen des Vaters zum Sohn, des Gatten zur Gattin, des Patrons zum Klienten, des Herrn zum Diener, des Menschen zu Gott, Beziehungen, welche die Sklaverei für sich allein genommen schon in ein Gewebe von Schändlichkeiten verwandeln musste; ich will nur bei dem stehen bleiben, was man die schöne Seite der Republik nennt, dem Patriotismus. Was ist dieser Patriotismus? Der Hass des Fremden. Alle Zivilisation vernichten, allen Fortschritt ersticken, Fackel und Schwert in die Welt tragen, Frauen, Kinder, Greise an den Triumphwagen ketten, das war der Ruhm, das war die Tugend. Diesen Entsetzlichkeiten war der Marmor der Bildhauer und der Gesang der Dichter vorbehalten. Wie oft haben unsere jungen Herzen bei diesem Schauspiel nicht vor Bewunderung, ach! und vor Nacheiferung geklopft! So bereiteten uns unsere Lehrer, ehrwürdige Priester, reich an Jahren und an Liebe, für das christliche und zivilisierte Leben vor, so groß ist die Macht des Konventionalismus!

Die Lehre ist nicht verloren; und von Rom kommt ohne Zweifel der Ausspruch, der vom Diebstahl wahr, von der Arbeit falsch ist: Ein Volk verliert das, was ein anderes gewinnt, ein Ausspruch, der noch immer die Welt beherrscht.

Um uns von der römischen Moral eine Vorstellung zu machen, wollen wir uns mitten in Paris eine Assoziation von Menschen denken, welche die Arbeit hassen, entschlossen, sich durch List und Gewalt Genüsse zu verschaffen, folglich im Kriege mit der Gesellschaft. Man darf nicht zweifeln, dass sich im Schoß dieser Assoziation bald eine gewisse Moral und selbst starke Eigenschaften bilden werden. Mut, Standhaftigkeit, Verstellung, Klugheit, Mannszucht, Ausdauer im Unglück, tiefe Verschwiegenheit, Ehrgefühl, Hingebung für die Gemeinschaft, das werden ohne Zweifel die Tugenden sein, welche die Notwendigkeit und die öffentliche Meinung unter diesen Räubern entwickeln werden; das waren die der Flibustier; das waren die der Römer. Man wird sagen, dass bei letzteren die Größe ihres Unternehmens und ihr unermesslicher Erfolg einen so ruhmreichen Schleier auf ihre Verbrechen geworfen hat, dass sie sie in Tugenden verwandelt hat. — Und eben deshalb ist diese Schule so verderblich. Es ist nicht das niedrige Laster, es ist das mit Glanz gekrönte Laster, welches die Seelen auf Abwege führt.

Endlich, in Rücksicht auf die Gesellschaft, hat die alte Welt der neuen zwei falsche Ideen hinterlassen, welche sie erschüttern und sie noch lange Zeit erschüttern werden.

Die eine: Dass die Gesellschaft ein Zustand außer der Natur ist, der aus einem Vertrage hervorgegangen ist. Diese Idee war vor Zeiten nicht so irrig, wie sie es heut zu Tage ist. Rom, Sparta, das waren wohl zwei Ansammlungen von Menschen, die einen gemeinsamen und bestimmten Zweck hatten: das Plündern; das waren nicht eigentlich Gesellschaften, sondern Armeen.

Die andere, die aus der vorigen folgt: Dass das Gesetz die Rechte schafft, und dass folglich der Gesetzgeber und die Menschen zueinander im selben Verhältnis stehen wie Töpfer und Ton  — Minos, Lykurg, Salon, Numa hatten die kretensische, lakedämonische, atheniensische, römische Gesellschaft verfertigt. Plato war Verfertiger eingebildeter Republiken, die den künftigen Begründern der Völker und Vätern der Nationen zum Muster dienen sollten.

Nun, beachtet es wohl, diese zwei Ideen stellen das besondere Merkmal, das charakteristische Gepräge des Sozialismus, dies Wort im schlechtesten Sinne und als die gemeinsame Aufschrift aller sozialen Utopien genommen.

Wer unwissend, dass der gesellschaftliche Körper, wie der menschliche Körper, ein Inbegriff natürlicher Gesetze ist, daran denkt, eine künstliche Gesellschaft zu schaffen und anfängt, Familie, Eigentum, Recht, die Menschheit nach seinem Belieben zu ordnen, ist Sozialist. Er betreibt nicht Physiologie, er betreibt Bildhauerkunst; er beobachtet nicht, er erfindet; er glaubt nicht an Gott, er glaubt an sich selbst; er ist nicht Gelehrter, er ist Tyrann; er dient nicht den Menschen, er verfügt über sie; er studiert nicht ihre Natur, er verändert sie nach dem Rate Rousseaus. Er begeistert sich am Altertum; er folgt Lykurg und Plato. — Und um es mit einem Wort zu sagen, er ist sicherlich ein Bachelier.

Du übertreibst, wird man mir sagen, es ist nicht möglich, dass unsere studierende Jugend aus dem schönen Altertum so beklagenswerte Ansichten und Gesinnungen schöpft.

Und wollt Ihr denn, dass sie etwas anderes daraus schöpft als was darin ist? Strengt Euer Gedächtnis an und erinnert Euch, in welcher Geistesverfassung Ihr nach Abschluss der Schule in die Welt eingetreten seid. Branntet Ihr nicht vor Verlangen, den Verheerern der Erde und den Unruhestiftern des Forums nachzuahmen? Wenn ich meinerseits die heutige Jugend zu Tausenden in die Form von Brutussen und Gracchen gießen sehe, um sie dann, unfähig zu ehrlicher Arbeit (opus servile), auf die Presse und auf die Straße zu werfen, so bin ich erstaunt, dass sie diese Probe besteht. Denn der klassische Unterricht hat nicht bloß die Unklugheit, uns in das römische Leben zu versenken. Er versenkt uns darin, indem er uns daran gewöhnt, uns dafür zu exaltierten, es als ein schönes Menschheitsideal zu betrachten, als erhabenes Vorbild, das für moderne Seelen zu hoch ist, dem wir aber nachstreben sollen, ohne jemals zu hoffen, es erreichen zu können.

Will man einwenden, dass der Sozialismus auch die Klassen, die kein Baccalaureat anstreben, eingenommen hat, so werde ich mit Herrn Thiers antworten:

Der Sekundärunterricht lehrt die Kinder der wohlhabenden Klassen die alten Sprachen … Es sind nicht bloß Worte, welche man die Kinder lehrt, indem man sie Griechisch und Latein lehrt, es sind edle und erhabene Dinge ( Raub, Krieg und Sklaverei), es ist die Geschichte des Menschengeschlechts in einfachen, großen, unauslöschlichen Bildern.. Der Sekundärunterricht bildet das, was man die aufgeklärten Klassen einer Nation nennt. Wenn nun die aufgeklärten Klassen nicht die ganze Nation sind, so geben sie ihr doch das Charakteristische. Ihre Laster, ihre Eigenschaften, ihre guten und schlechten Neigungen sind bald diejenigen der ganzen Nation, sie erschaffen das Volk durch die Verbreitung ihrer Gedanken und ihrer Gesinnungen. (sehr gut)

Nichts ist wahrer und nichts erklärt besser die verderblichen und künstlichen Abwege unserer Revolutionen.

Das Altertum, fügte Herr Thiers hinzu, wagen wir es, dies zu einem auf sich selbst stolzen Jahrhundert zu sagen, das Altertum ist das Schönste, was es in der Welt gibt. Lassen wir, meine Herrn, lassen wir die Kindheit im Altertum, wie in einem ruhigen, friedlichen und unverdorbenen Asyl, dazu bestimmt, sie frisch und rein zu erhalten.

Die Ruhe Roms! der Friede Roms! die Reinheit Roms! ach! Wenn die lange Erfahrung und der außerordentlich gesunde Verstand des Herrn Thiers ihn vor einer so sonderbaren Vorliebe nicht haben bewahren können, wie könnt Ihr erwarten, dass unsere feurige Jugend sich davon frei hält?

Dieser Tage hat die Nationalversammlung einem komischen Dialog beigewohnt, der gewiss der Feder Molières würdig war.

Herr Thiers, von der Tribüne herab und ohne zu lachen, sich zu Herrn Barthelemy Saint-Hilaire wendend:

Sie haben unrecht nicht hinsichtlich der Kunst, sondern in moralischer Hinsicht, besonders für die Franzosen, die eine Lateinische Nation sind, die griechischen Schriften den Lateinischen vorzuziehen.

Herr Barthelemy de Saint-Hilaire, auch ohne zu lachen: Und Plato!

Herr Thiers, immer ohne zu lachen:

Man hat recht getan, man tut recht, die griechischen und lateinischen Studien zu pflegen. Ich ziehe die lateinischen in moralischer Hinsicht vor. Aber man hat gewollt, dass die armen jungen Leute zu gleicher Zeit das Deutsche, das Englische, die exakten Wissenschaften, die physischen Wissenschaften, die Geschichte usw. verstehen.

Zu wissen, was ist, darin liegt das Übel. Die römischen Sitten in sich aufzunehmen, darin liegt die Moralität!

Herr Thiers ist weder der erste, noch der einzige, der dieser Täuschung, ich hätte beinahe gesagt, dieser Mystifikation anheimgefallen ist. Es sei mir gestattet, mit wenigen Worten auf den tiefen Eindruck ( und welchen Eindruck!) hinzuweisen, den der klassische Unterricht auf Literatur, Moral und Politik unseres Landes gemacht hat.

Es ist dies ein Gemälde, welches zu vollenden ich weder die Muße habe, noch Anspruch mache, denn welcher Schriftsteller müßte nicht darauf erscheinen? Begnügen wir uns mit einer Skizze.

Ich werde nicht auf Montaigne zurückgehen. Jedermann weiß, dass er seinem schwächlichen Willen nach Spartaner war, so wenig er es seinen Neigungen nach war.

Was Corneille, dessen aufrichtiger Bewunderer ich bin, betrifft, so glaube ich, dass er dem Geist des Jahrhunderts einen traurigen Dienst geleistet hat, indem er durch schöne Verse, wie die folgenden, unnatürlichen, überspannten, wilden, antisozialen Gesinnungen einen Stempel erhabener Größe aufdrückte:

Dem allgemeinen Wohl hingeben, was man liebt,
Und seinem andern Ich im Kampf entgegen stehn…
Solch eine Tugend war nur eigen uns allein…
Gewählt hat Rom sich meinen Arm, ich prüfte nichts,
Ich will mit gleicher rücksichtsloser Hingebung
Die Schwester frein, so wie dem Bruder kämpfend nahn.

Und ich gestehe, dass ich mich geneigt fühle, die Ansicht des Curatius zu teilen, die er nicht von einer besonderen Tat, sondern von der ganzen Geschichte Roms hegt, wenn er sagt:

Der Götter sag ich Dank, dass ich kein Römer bin,
So trag ich Menschliches doch etwas noch im Sinn.

Fenelon: Heut erregt uns der Kommunismus Schauder, weil er uns erschreckt; hatte aber langer Umgang mit den Alten nicht aus Fenelon einen Kommunisten gemacht, aus diesem Mann, den das moderne Europa mit Recht als das schönste Vorbild moralischer Vollkommenheit betrachtet? Lest seinen Telemach, dies Buch, welches man sich beeilt, den Kindern in die Hände zu geben; Ihr werdet darin finden, dass Fenelon die Züge von der Weisheit selbst entlehnt, um die Gesetzgeber zu unterweisen. Und nach welchem Plan organisiert er seine Mustergesellschaft? Auf der einen Seite der Gesetzgeber, der denkt, erfindet, handelt; auf der anderen die Gesellschaft, unempfindlich und träge, lässt sich behandeln. So ist die moralische Triebfeder, die Initiative allen Menschen entrissen, um das Vorrecht eines Einzigen zu sein. Fenelon, der Vorläufer unserer kühnsten Organisatoren, entscheidet über Nahrung, Wohnung, Kleidung, Spiel, Beschäftigungen aller Salentiner. Er sagt, was ihnen zu trinken und zu essen erlaubt sein soll, nach welchem Plan ihre Häuser gebaut werden, wie viel Zimmer sie haben, wie sie möbliert sein sollen.

Er sagt .. doch ich überlasse ihm das Wort:

Mentor stellte Beamte an, denen die Kaufleute von ihrem Vermögen, ihren Gewinnen, ihren Unternehmungen Rechnung legten … andererseits war vollständige Freiheit des Handels … Er verbot alle Waren fremder Länder, welche Luxus und Verweichlichung  hineintragen konnten. Er entfernte eine große Anzahl von Kaufleuten, welche gemustertes Tuch usw. verkauften .. Er bestimmte die Kleider, die Nahrung, die Möbel, die Größe und Verzierung der Häuser für alle verschieden Stände.

Bestimme die Stände nach der Geburt, sagte er zum König …  ; die Personen vom ersten Rang nach Dir werden weiß gekleidet sein …; die vom zweiten Rang blau …; die vom dritten grün …; die vom vierten rotgelb; die vom fünften blass- oder rosenrot …; die vom sechsten flachsblütenfarbig  …; und die vom siebten, welche die letzten des Volks sein werden, in einer aus gelb und weiß gemischten Farbe. das sind die Kleidungen der sieben verschiedenen Stände der Freien. Alle Sklaven werden graubraun gekleidet sein. Man wird niemals eine Änderung gestatten, weder im Tuch, noch im Schnitt der Kleider.

Er bestimmt selbst die Nahrung der Bürger und der Sklaven.

Er unterdrückte ferner zarte und verweichlichte Musik.

Er entwarf Muster einer einfachen und anmutigen Architektur. Er wollte, dass jedes bedeutendere Haus einen Saal und eine Säulenhalle hätte, nebst kleinen Zimmern für alle Freien.

Übrigens hinderte die Mäßigkeit und Genügsamkeit Mentors nicht, dass er alle großen für Pferde- und Wagenrennen, für Kämpfe von Ringern und Faustkämpfern bestimmte Bauwerke genehmigte.

Die Malerei und die Bildhauerkunst erschienen Mentor als Künste, die aufzugeben nicht zulässig ist; er wollte aber, dass man in Salent wenige diesen Künsten zugetane Menschen duldete.

Erkennt man hierin nicht eine durch die Lektüre Platos und das Beispiel Lykurgs erhitzte Phantasie, die sich an Versuchen mit Menschen wie mit einer gewöhnlichen Materie ergötzt?

Und man möge solche Chimären nicht damit entschuldigen, dass man sagt, sie entsprängen einem übertriebenen Wohlwollens. Das kann man von allen Organisierern und Desorganisierern sagen.

Rollin: Ein anderer Mann, an Geist und an Herz Fenelon beinahe gleich, der sich mehr als Fenelon mit der Erziehung beschäftigt hat, ist Rollin. Nun wohl! Zu welchem Grade von intellektueller und moralischer Niedrigkeit hat nicht die lange Beschäftigung mit dem Altertum diesen ehrlichen Rollin gebracht! Man kann seine Schriften nicht lesen, ohne von Traurigkeit und Bedauern ergriffen zu werden. Man weiß nicht, ob er Christ oder Heide ist, so unparteiisch zeigt er sich zwischen Gott und den Göttern. Die Wunder der Bibel und die Sagen der heroischen Zeiten finden bei ihm denselben Glauben. Auf seinem ruhigen Antlitz sieht man immer den Schatten kriegerischer Leidenschaften umherirren; er spricht nur von Wurfspießen, Schwertern und Katapulten. Für ihn, wie für Bossuet, ist es eins der interessantesten sozialen Probleme, ob die Makedonische Phalanx oder die Römische Legion besser war. Er pries die Römer, weil sie nur den Wissenschaften obgelegen haben, welche das Herrschen zum Zweck haben: Beredsamkeit, Politik, Kriegskunst. In seinen Augen sind alle anderen Kenntnisse Quellen der Verderbnis und nur geeignet, die Menschen dem Frieden geneigt zu machen; er verbannt sie auch sorgsam aus seinen Schulen, unter dem Beifallsklatschen des Herrn Thiers. All sein Weihrauch ist für Mars und Bellona; kaum verwendet er einige Körnchen für Christus. Als trauriger Spielball des Konventionalismus, der den klassischen Unterricht zur Herrschaft gebracht hat, ist er von vorne herein so entschieden, die Römer zu bewundern, dass er, in Beziehung auf sie, die einfache Unterlassung der größten Missetaten mit den höchsten Tugenden gleichstellt. Dass Alexander es bereute, seinen besten Freund ermordet zu haben, dass Scipio eine Frau ihrem Gatten nicht entführte, beweist in seinen Augen einen unnachahmlichen Heroismus. Kurz wenn er aus jedem von uns einen lebendigen Widerspruch gemacht hat, so ist er darin sicherlich das vollkommenste Muster.

Man könnte meinen, dass Rollin Enthusiast des Kommunismus und der lakedämonischen Institutionen war. Lassen wir ihm indes Gerechtigkeit widerfahren; seine Bewunderung ist nicht exklusiv. Mit den entsprechenden Rücksichten wirft er diesem Gesetzgeber vor, seinem Werke vier leichte Makel aufgedrückt zu haben:

  1. die Untätigkeit
  2. die Promiskuität
  3. den Kindsmord,
  4. den Massenmord an Sklaven

Während der ehrliche Tropf nach Nennung dieser vier Vorbehalte wieder in den klassischen Konventionalismus zurückfällt, sucht er in Lykurg nicht einen Menschen, sondern einen Gott und findet seine Polizei vollkommen.

Die Einmischung des Gesetzgebers in alle Angelegenheiten erscheint Rollin so unerläßlich, dass er den Griechen ganz ernstlich darüber Glück wünscht, dass ein Mann namens Pelagus kam, und sie Eicheln zu essen lehrt. Vorher, sagte er, nagten sie das Gras ab wie die Tiere.

Anderswo sagt er:

Gott schuldet die Herrschaft der Welt den Römern als Lohn für ihre großen Tugenden, die nur scheinbar sind. Er hätte nicht Recht angedeihen lassen, wenn er diesen Tugenden, die nichts Reelles haben, einen geringeren Preis bewilligt hätte.

Sieht man hier nicht deutlich, wie der Konventionalismus und das Christentum sich in der Person Rollins um eine arme Seele im Fegefeuer streiten? Der Geist dieser Phrase ist der Geist aller Werke des Begründers des Unterrichts in Frankreich. Sich widersprechen, Gott sich widersprechen lassen und uns lehren, uns zu widersprechen, das ist der ganze Rollin, das ist das ganze Baccalaureat.

Wenn auch die Promiskuität und der Kindermord Rollin bei den Institutionen des Lykurg ihm Bedenken erregen, so lässt er sich doch für alle Übrige leidenschaftlich einnehmen und findet selbst Mittel, den Diebstahl zu rechtfertigen. Und zwar so. Die Stelle ist merkwürdig und knüpft sich so an mein Thema, dass sie angeführt zu werden verdient.

Rollin beginnt damit, das Prinzip aufzustellen, dass das  GESETZ DAS EIGENTUM SCHAFFT — ein verderbliches Prinzip, das allen Organisatoren gemeinsam ist und das wir sogleich im Munde Rousseaus, Mablys, Mirabeaus, Robespierres und Babeufs wiederfinden werden. Da nun das Gesetz der Grund für das Bestehens von Eigentum ist, kann es nicht ebensowohl der Grund für das Bestehens von Diebstahl sein? Was ist dieser Folgerung entgegenzusetzen?

Der Diebstahl war in Sparta erlaubt, sagt Rollin, er war strenge bestraft bei den Skythen. Der Grund dieser Verschiedenheit ist sichtlich, nämlich das Gesetz, welches allein über das Eigentum und den Gebrauch der Güter entscheidet, hatte bei den Skyten dem einzelnen nichts auf das Gut eines andern eingeräumt und bei den Lakedämoniern hatte das Gesetz ganz das Gegenteil getan.

Hernach ruft der gute Rollin im Eifer seiner Schutzrede zu Gunsten des Diebstahls und des Lykurg, die unbestreitbarste der Autoritäten an, die Gottes:

Nichts ist gewöhnlicher, sagt er, als gleiche auf das Gut anderer eingeräumte Rechte: so hatte Gott nicht bloß den Armen die Befugnis gegeben, Trauben in den Weinbergen zu pflücken und Ähren auf den Feldern zu sammeln und ganze Garben davon mitzunehmen, sondern hatte auch jedem Vorübergehenden ohne Unterschied die Freiheit eingeräumt, so oft es ihm gefüllt, in den Weinberg eines andern zu gehen und dort so viel Trauben zu essen, als er wollte, wider den Willen des Herrn des Weinberges. Gott gibt hiervon selbst den ersten Grund an, nämlich dass das Land Israel ihm gehörte und dass die Israeliten es nur unter dieser lästigen Bedingung innehatten.

Man wird ohne Zweifel sagen, dass dies eine Rollin eigentümliche Doktrin ist. Das eben ist es, was ich sage. Ich suche zu zeigen, bis zu welchem Grade moralischer Verworfenheit der alltägliche Umgang mit der abscheulichen antiken Gesellschaft die schönsten und die ehrlichsten Seelen bringen kann.

Montesquieu: Man hat von Montesquieu gesagt, dass er die Rechte des Menschengeschlechts wiedergefunden habe. Er ist einer der großen Schriftsteller, von denen jeder Satz das Privileg hat, eine Autorität zu begründen. Gott behüte mich, dass ich seinen Ruhm verkleinern wollte. Was muss man aber von der klassischen Erziehung denken, wenn sie diesen edlen Geist so weit irre führte, dass er im Altertum die barbarischsten Institutionen bewunderte?

Die alten Griechen, von der Notwendigkeit durchdrungen, dass die Völker, welche unter einer populären Regierung lebten, für die Tugend erzogen werden, machten eigentümliche Einrichtungen, um sie einzuflößen … Die Gesetze Kretas waren das Vorbild derer von Lakedämon; und diejenigen Platos waren ihre Verbesserung.

Ich bitte der Größe des Genies einige Beachtung zu schenken, welches diese Gesetzgeber haben mussten, um einzusehen, dass die dadurch der Welt ihre Weisheit zeigten, dass sie gegen alle herkömmlichen Gebräuche verstießen und alle Tugenden durcheinander brachten. Indem Lykurg den Diebstahl mit dem Geist der Gerechtigkeit, die härteste Sklaverei mit der höchsten Freiheit, die grausamsten Neigungen mit der größten Mäßigkeit vermengte, verlieh er seiner Stadt festen Bestand. Er schien ihr alle Ressourcen zu nehmen, die Künste, den Handel, das Geld, die Mauern; man hat dort Ehrgeiz ohne Hoffnung besser zu sein; man hat dort die natürlichen Gefühle und man ist dort weder Kind, noch Gatte, noch Vater, sogar die Schamhaftigkeit ist der Keuschheit genommen. Durch solche Wege ist Sparta zu Größe und zum Ruhm geführt worden; aber mit einer solchen Unfehlbarkeit seiner Institutionen, dass man gegen dasselbe nichts erreichte, indem man Schlachten gewann, wenn man nicht schaffte, ihm auch seine Polizei zu nehmen.
(Esprit des Lois, livre IV.; chap VIII)

Diejenigen, welche dergleichen Institutionen schaffen wollen, werden die Gemeinschaft der Güter der Republik Platos einführen, diese Achtung, welche er für die Güter verlangte, die Absonderung von den Fremden für die Bewahrung der Sitten, das Gemeinwesen, welches den Handel treibt, und nicht die Bürger; sie werden unsere Künste ohne unsern Luxus und unsere Bedürfnisse ohne unsere Wünsche gewähren.

Montesquieu erklärt mit diesen Worten den großen Einfluß, welchen die Alten der Musik zuschrieben.

… Ich glaube, ich könnte dies so erklären: Man muss sich vorstellen „dass in den griechischen Städten und besonders in denen, die als Hauptbeschäftigung den Krieg hatten, jede Arbeit und jedes Gewerbe, womit man Geld verdienen konnte, als eines freien Mannes unwürdig angesehen wurde. „Die meisten Künste“, sagt Xenophon, „verderben den Körper derjenigen, welche sie treiben; man muss dabei im Schatten oder beim Feuer sitzen; man hat dabei weder Zeit für seine Freunde noch für die Republik.
Nur zur Zeit der Verderbnis einiger Demokratien gelangten die Handwerker dahin, Bürger zu werden. Dies erzählt uns Aristoteles; und er behauptet, dass eine gute Republik ihnen niemals das Bürgerrecht erteilen werde.

Der Ackerbau war auch eine sklavische Beschäftigung und gewöhnlich war es irgendein besiegtes Volk, das denselben trieb: die Heloten bei den Lakedämoniern, die Periöken bei den Kretensern, die Penesten bei den Thessaliern und andere Sklavenvölkern in andern Republiken.

Endlich war aller Handel bei den Griechen ehrlos. Ein Bürger hätte dabei einem Sklaven, einem Mietsmann, einem Fremden Dienste leisten müssen: diese Idee beleidigte den griechischen Freiheitssinn. Ach will Plato in seinen Gesetzen, dass man einen Bürger, welcher Handel treibt, bestraft.

MAN war also in den griechischen Republiken sehr in Verlegenheit: MAN wollte nicht, dass sich die Bürger mit dem Handel, dem Ackerbau oder mit den Künsten beschäftigen; MAN wollte auch nicht, dass sie müßig gingen. Sie fanden eine Beschäftigung in Gymnastikübungen und solchen, welche dem Krieg dienen. Die Erziehung gewährte ihnen keine anderen. Man muss also die Griechen wie eine Gesellschaft von Athleten und Kämpfenden betrachten. Diese Übungen nun, die so geeignet sind, die Leute rauh und wild zu machen, bedurften einer Mäßigung durch andere, welche die Sitten milder machen konnten. Die Musik, welche durch die Organe des Körpers ins Gemüt dringt, war hierzu sehr geeignet.
(Esprit des Lois, livre V.)

Das ist die Idee, dass der klassische Unterricht uns von der Freiheit gibt. Seht nun, wie er uns lehrt, die Gleichheit und Genügsamkeit zu begreifen:

Obgleich in der Demokratie die wirkliche Gleichheit die Seele des Staats ist, so ist sie doch so schwer herzustellen, dass eine äußerste Genauigkeit in dieser Beziehung nicht immer zweckmäßig sein würde. Es genügt, dass man einen Zensus bestimmt, der die Unterschiede bis auf einen gewissen Punkt beschränkt oder feststellt; wonächst denn besondere Gesetze durch die Lasten, welche sie den Reichen auflegen und durch Erleichterungen, welche sie den Armen gewähren, die Ungleichheiten sozusagen ausgleichen müssen.
(Esprit des Lois, livre V. chap. V)

In einer guten Demokratie genügt es nicht, dass die Anteile des Bodens gleich sind, sie müssen klein sein, wie bei den Römern …

So wie die Gleichheit des Vermögens die Genügsamkeit erhält, so unterstützt die Genügsamkeit die Gleichheit des Vermögens. Diese beiden Dinge, obgleich voneinander unterschieden, sind doch so beschaffen, dass keines ohne das andere bestehen kann.
(Esprit des Lois. chap. IV)

Die Samniter hatten eine Gewohnheit, die in einer kleinen Republik und besonders in der Lage, worin sich die ihrige befand, bewundernswürdige Wirkungen hervorbringen musste. Man versammelte alle jungen Leute und musterte sie. Der, welcher für den besten unter allen erklärt wurde, nahm das Mädchen zur Frau, welches er wollte; der, auf welchen die Stimmen zunächst fielen, wählte gleichfalls und so fort … Es wäre schwer, eine Belohnung zu erdenken, die edler, größer, für einen kleinen Staat weniger lästig und fähiger wäre, auf das eine oder das andere Geschlecht einzuwirken.
Die Samniter stammten von den Lakedämoniern ab; und Plato dessen Anordnungen nur die Vervollkommnung der Gesetze des Lykurg sind, gab beinahe ein gleiches Gesetz.
(Esprit des Lois, livre VII. chap. XVI.)

Rousseau. Kein Mensch hat auf die Französische Revolution solchen Einfluss geübt wie Rousseau. „Seine Werke, sagt L. Blanc, lagen auf dem Tisch des Wohlfahrts-Ausschusses.“ „Seine Paradoxien, sagt er ferner, die sein Jahrhundert als literarische Kühnheiten nahm, sollten bald in den Versammlungen der Nation in der Form dogmatischer und wie das Schwert schneidender Wahrheiten wiederhallen.“ Und damit das moralische Band,, welches Rousseau an das Altertum knüpft, nicht verkannt werde, fügt derselbe Lobredner hinzu: „Sein Stil erinnert an die pathetische und heftige Sprache eines Sohns der Cornelia.“

Wer weiss nicht außerdem, dass Rousseau der leidenschaftlichste Bewunderer der Ideen und Sitten war, welche man übereingekommen ist, den Römern und den Spartanern zuzuschreiben? Er sagt selbst, dass das Lesen des Plutarch ihn zu dem gemacht hat, der er ist.

Seine erste Schrift war gegen die menschliche Intelligenz gerichtet. Schon auf den ersten Seiten tut er den Ausruf:

Werde ich vergessen, dass man im Herzen Griechenlands dies ebenso durch seine glückliche Unwissenheit als durch die Weisheit seiner Gesetze berühmte Gemeinwesen aufkommen sah, diese Republik mehr von Göttern als von Menschen, so sehr schienen ihre Tugenden der menschlichen Natur überlegen zu sein? O Sparta! ewige Schmach einer eitlen Gelehrsamkeit! während die Laster im Gefolge der schönen Künste in Athen Eingang fanden, während dort selbst ein Tyrann mit solcher Sorgfalt die Werke des Fürsten der Dichter sammelte, verbanntest Du aus deinen Mauern die Künste und die Künstler, die Wissenschaften und die Gelehrten!
(Discours sur la retablissement des sciences et des arts.)

In seinem zweiten Werk, dem Discours sur l’inegalite des conditions, erging er sich mit noch größerer Heftigkeit gegen alle Grundlagen der Gesellschaft und der Zivilisation. Deshalb hielt er sich für den Ausleger der antiken Weisheit:

Ich werde mir vorstellen, dass ich im Lyzeum zu Athen bin, die Lehren meiner Meister wiederhole, einen Plato und einen Xenokrates als Richter und das menschliche Geschlecht als Zuhörer habe.

Der Hauptgedanke dieser berühmten Abhandlung lässt sich so zusammenfassen: Das schrecklichste Los erwartet diejenigen, welche das Unglück haben, nach uns geboren zu werden und ihre Kenntnisse den unsrigen hinzuzufügen. Die Entwicklung unserer Fähigkeiten macht uns schon sehr unglücklich. Unsere Väter waren es weniger, da sie unwissender waren. Rom näherte sich der Vollkommenheit, Sparta hatte sich verwirklicht, so weit die Vollkommenheit mit dem Gesellschaftszustand vereinbar ist. Aber das wahre Glück für den Menschen besteht darin, in Wäldern zu leben, allein, nackt, ohne Bande, ohne Liebe, ohne Sprache, ohne Religion, ohne Ideen, ohne Familie, kurz, in dem Zustand, wo er dem Tier so nahe stand, dass es sehr zweifelhaft ist, ob er sich aufrecht hielt und ob seine Hände nicht Füße waren.

Unglücklicherweise hat sich dieses goldene Zeitalter nicht verewigt. Die Menschen sind durch einen Zwischenzustand hindurchgegangen, der einigermaßen Reize hatte:

So lang sie sich mit ihren rohen Hätten begnügten, so lange sie sich damit begnügten, ihre Kleider von Fellen mit Fischgräten zu nähen, sich mit Federn und Muscheln zu schmücken, ihre Körper mit verschiedenen Farben zu bemalen … so lange sie sich nur mit Arbeiten beschäftigten, die ein Einziger ausführen konnte, lebten sie frei, gesund, gut und glücklich.

Ach!  sie verstanden es nicht, bei diesem ersten Grad der Kultur stehen zu bleiben:

Von dem Augenblick an, wo ein Mensch der Hilfe eines andern bedurfte ( das ist die unselige Erscheinung der Gesellschaft); sobald man merkte, dass es einem einzelnen nützlich war, Vorräte für zwei zu haben, verschwand die Gleichheit, verschaffte sich das Eigentum Eingang, wurde die Arbeit notwendig…
Der Bergbau und der Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese große Revolution hervorbrachte. Für den Dichter ist es Gold und Silber, für den Philosophen ist es Eisen und Getreide, welche die Menschen zivilisiert und das menschliche Geschlecht verdorben haben.

Man muss also aus dem Naturzustand herausgehen, um in die Gesellschaft einzutreten. Das ist die Veranlassung zu dem dritten Werk Rousseaus: le Contrat social.

Es gehört nicht zu meiner Aufgabe, dies Werk hier zu rezensieren; ich werde mich darauf beschränken, darauf hinzuweisen, dass sich darin die Griechisch-Römischen Ideen auf jeder Seite wiederholen.

Da die Gesellschaft ein Vertrag ist, so hat jeder das Recht, für sich Bestimmungen zu treffen.

Es kommt nur denen zu, welche sich vereinigen, die Bedingungen der Gesellschaft zu bestimmen.

Aber das ist nicht leicht.

Wie werden sie dieselben bestimmen? Wird es mit gemeinsamen Einverständnis, durch eine plötzliche Eingebung geschehen? … Wie würde eine blinde Menge, die oft nicht weiß, was sie will, aus sich selbst ein so großes, so schwieriges Unternehmen, wie ein System der Gesetzgebung ist, ausführen? Daher die Notwendigkeit eines Gesetzgebers.

Sonach ist das allgemeine Stimmrecht, sowie es in der Theorie angenommen ist, in der Praxis sogleich fallengelassen.

Denn wie wird sich dieser Gesetzgeber dabei benehmen, der in allen Beziehungen ein außerordentlicher Mann sein muss, der, wenn er es unternimmt, ein Volk zu begründen, sich im Stande fühlen muss, die menschliche Natur umzugestalten, die physische und moralische Konstitution des Menschen zu ändern, der, mit einem Worte, die Maschine erfinden muss, deren Material die Menschen sind?

Rousseau zeigt hier sehr gut, dass der Gesetzgeber weder auf Gewalt, noch auf Überredung bauen kann. Wie soll man also aus dieser Klemme herauskommen? Durch Betrug.

Das ist es, was zu allen Zeiten die Väter der Nationen nötigte, die Dazwischenkunft des Himmels zur Hilfe zu nehmen und die Götter mit ihrer eigenen Weisheit zu beehren. Dieser erhabene Grund, welcher sich über gemeine Seelen erhebt, ist, weshalb der Gesetzgeber seine Entscheidungen den Unsterblichen in den Mund legt, um durch göttliche Autorität über diejenigen, welche menschliche Klugheit nicht erschüttern würde, Gewalt zu erhalten. Aber es kommt nicht allen zu, die Götter sprechen zu lassen. (Die Götter! die Unsterblichen! Klassische Reminiszenz.)

Wie Plato und Lykurg, seine Meister, wie die Spartaner und die Römer, seine Helden, gab Rousseau den Worten Arbeit und Freiheit einen Sinn, wonach sie zwei unvereinbare Ideen ausdrückten. In dem Gesellschaftszustande muss man also wählen: darauf verzichten, frei zu sein, oder vor Hunger streben. Es gibt indessen einen Ausweg aus der Schwierigkeit, und dieser ist die Sklaverei.

Von dem Augenblick an, wo ein Volk sich Vertreter gibt, ist es nicht mehr frei!
Bei den Griechen tat das Volk alles, was es zu tun hatte, selbst. Es war fortwährend auf dem Markt versammelt; Sklaven taten seine Arbeiten, sein großes Geschäft war die Freiheit. Wenn man nicht mehr die gleichen Vorteile hat, wie soll man die gleichen Rechte bewahren? Ihr gebt mehr auf Euren Gewinn als auf Eure Freiheit, und Ihr fürchtet viel weniger das Elend als die Sklaverei.
Wie! die Freiheit besteht nur mit Hilfe der Sklaverei? Vielleicht. Die beiden Extreme berühren sich. Alles, was nicht nach der Natur ist, hat sein Unbequemes, und die bürgerliche Gesellschaft mehr als alles Übrige. Es gibt so unglückliche Lagen, wo man seine Freiheit nur auf Kosten der Freiheit anderer retten kann, und wo der Bürger nicht im höchsten Grade frei sein kann, ohne dass der Sklave im höchsten Grade Sklave ist. So war die Lage Spartas. Ihr, modernen Völker, Ihr habt keine Sklaven, aber Ihr seid Sklaven usw.

Das nun ist der klassische Konventionalismus. Die Alten hatten es so weit gebracht, sich Sklaven für ihre tierischen Instinkte anzuschaffen. Da es aber eine abgemachte Sache, eine Überlieferung des Gymnasiums ist, alles, was sie taten, schön zu finden, so schreibt man ihnen geläuterte Urteile über die Quintessenz der Freiheit zu.

Der Gegensatz, den Rousseau zwischen dem Naturzustand und dem Gesellschaftszustand aufstellte, ist eben so verderblich für die Privatmoral als für die öffentliche Moral. Nach diesem System ist die Gesellschaft das Resultat eines Vertrags, der dem Gesetz den Ursprung gibt, welches seinerseits aus dem nichts die Gerechtigkeit und die Moralität hervorbringt. In dem Naturzustand gibt es weder Moralität noch Gerechtigkeit. Der Vater hat gegen seinen Sohn, der Sohn gegen seinen Vater, der Gatte gegen seine Frau, die Frau gegen ihren Gatten durchaus keine Pflicht. Ich schulde demjenigen nichts, dem ich nichts versprochen habe; ich gestehe andern nur das zu, was mir unnütz ist; ich habe ein unbeschränktes Recht auf alles, was mich anzieht und was ich erlangen kann.

Hierauf folgt, dass wenn der einmal geschlossene Gesellschaftsvertrag aufgelöst wird, alles mit einem Mal zusammenstürzt, Gesellschaft, Gesetz, Moralität, Gerechtigkeit, Pflicht. Jeder, sagt Rousseau, tritt in seine ursprünglichen Rechte zurück und erlangt seine natürliche Freiheit wieder, indem er die konventionelle Freiheit, für welche er auf jene verzichtete, verliert.

Nun muss man wissen, wie wenig dazu erforderlich ist, dass der Gesellschaftsvertrag aufgelöst wird. Das geschieht jedes mal, sobald ein einzelner seine Zusagen nicht hält oder sich der Vollstreckung irgendeines Gesetzes entzieht. In dem Augenblick, wo ein Verurteilter, wenn die Gesellschaft ihm sagt: „Es ist zweckmäßig, dass du stirbst.“ entweicht; wo ein Bürger die Steuern verweigert, wo ein Rechnungspflichtiger sich an der öffentlichen Kasse vergreift, ist der Gesellschaftsvertrag verletzt, alle moralischen Pflichten hören auf, Gerechtigkeit existiert nicht mehr, Väter, Mütter, Kinder, Gatten schulden sich nichts; Jeder hat ein unbeschränktes Recht auf alles, was ihn anzieht; mit einem Wort, die ganze Bevölkerung tritt in den Naturzustand zurück.

Ich gebe die Unordnungen zu bedenken, welche solche Lehren in revolutionären Zeiten hervorbringen müssen.

Sie sind für die Privatmoral nicht weniger verderblich. Welcher junge Mann, von Jugendfeuer und Begierden erfüllt, wird sich beim Eintritt in die Welt nicht sagen: „Die Antriebe meines Herzens sind die Stimme der Natur, die sich niemals täuscht. Die Institutionen, die mir in den Weg treten, kommen von den Menschen und sind nur willkürliche Übereinkünfte, bei denen ich nicht mitgewirkt habe. Indem ich diese Institutionen mit Füßen trete, werde ich das doppelte Vergnügen haben, meine Neigungen zu befriedigen, und mich als einen Heros zu betrachten. „

Muss man hier an das folgende traurige und peinliche Blatt aus den Confessions erinnern?

Mein drittes Kind wurde also ins Findelhaus gebracht ebenso wie die beiden ersten. Dasselbe geschah mit den beiden folgenden, denn ich hatte im ganzen fünf. Dies Verfahren erschien mir so zweckmäßig, dass, wenn ich mir dasselbe nicht zum Verdienst anrechnete, es nur aus Rücksicht auf ihre Mutter geschah … Indem ich meine Kinder der öffentlichen Erziehung überwies … betrachtete ich mich als ein Mitglied der Republik Platos!

Mably: Es bedarf keiner Ausführungen, um die griechisch-römische Manie des Abbe Mably zu nachzuweisen. Ein starrer Mensch, von beschränkterem Geist und weniger empfänglichem Herzen als Rousseau, so ließ die Idee bei ihm weniger Gemüt und Mannigfaltigkeit zu. Auch war er offen Platoniker, das heißt Kommunist. Überzeugt, wie alle Klassiker, dass die Menschheit ein Rohstoff für Fabrikanten von Institutionen ist, wollte er, wie alle Klassiker auch, lieber Fabrikant sein, als Rohstoff. In Folge dessen tritt er als Gesetzgeber auf. Auf diesen Titel hin, wurde er zunächst berufen, Polen zu instituieren, und er scheint damit kein Glück gemacht zu haben. Dann bot er den Anglo-Amerikanern die schwarze Suppe der Spartaner an, wozu er sie nicht geneigt machen konnte. Erzürnt über diese Blindheit, sagte er den Fall der Union vorher und gab ihr keine fünf Jahre des Bestehens.

Es sei mir gestattet, hier einen Vorbehalt zu machen. Wenn ich die ungereimten und subversiven Lehren von Männern wie Fenelon, Rollin, Montesquieu, Rousseau anführe, will ich sicherlich nicht behaupten, dass man diesen großen Schriftstellern nicht Seiten voll Verstand und Moralität zu verdanken hat. Aber was in ihren Schriften Falsches ist, kommt von dem klassischen Konventionalismus, und was Wahres darin ist, fließt aus einer anderen Quelle. Das ist eben meine These, dass der ausschließliche Unterricht der griechischen und lateinischen Literatur aus uns allen lebendige Widersprüche macht. Er zieht uns mit Gewalt nach einer Vergangenheit hin, welche er zum Entsetzen verherrlicht, während das Christentum, der Geist des Jahrhunderts und dieser Fonds von gesundem Menschenverstand, der niemals seine Rechte verliert, uns das Ideal in der Zukunft zeigen.

Ich verschone Euch mit Morelly, Brissot, Raynal, die den Krieg, die Sklaverei, den priesterlichen Betrug, die Gemeinschaft der Güter, den Müßiggang rechtfertigen, ja um die Wette preisen. Wer könnte sich über die unreine Quelle solcher Lehren täuschen? Diese Quelle muss ich gleichwohl noch nennen, es ist die klassische Erziehung, so wie sie uns allen durch das Baccalaureat aufgebürdet wird.

Nicht bloß literarischen Werken hat das ruhige, friedliche und reine Altertum sein Gift eingeflößt, sondern auch juristischen Schriften. Ich möchte wohl wissen, ob man bei irgendeinem unserer Rechtsgelehrten etwas findet, was einem vernünftigen Begriff vom Recht auf Eigentum nahe kommt. Und was kann das für eine Gesetzgebung sein, wo dieser Begriff fehlt? Dieser Tage habe ich Veranlassung gehabt, Vattels Traite du droit des gens (über Menschenrechte) aufzuschlagen. Ich finde darin, dass der Verfasser ein Kapitel der Untersuchung der Frage gewidmet hat: Ist es erlaubt, Frauen zu entführen? Es ist klar, dass die Legende von den Römern und den Sabinerinnen uns diesen kostbaren Abschnitt verschafft hat. Nachdem der Verfasser mit dem größten Ernst das Für und Wider gegeneinander abgewogen hat, entscheidet er sich bejahend. Das musste er zum Ruhme Roms. Haben die Römer jemals unrecht gehabt? Es besteht ein Konventionalismus, der uns verbietet, das zu denken; sie sind Römer, das genügt. Brand, Plünderung, Raub, alles, was von ihnen kommt, ist ruhig, friedlich und rein.

Wird man vorgeben, dass dies nur persönliche Auffassungen sind? Es wäre für unsere Gesellschaft ein Glück, wenn das gleichförmige Wirken des, durch die Beistimmung von Montaige, Corneille, Fenelon, Rollin, Montesquieu, Rousseau, Raynal, Mably verstärkten, klassischen Unterrichts nicht dazu beitrüge, die allgemeine Meinung zu bilden. Und das werden wir sehen.

Inzwischen haben wir den Beweis, dass die kommunistische Idee sich nicht bloß einiger Individuen bemächtigt hätte, sondern auch ganzer Körperschaften, und zwar der unterrichtetsten wie der einflussreichsten. Als die Jesuiten in Paraguay eine gesellschaftliche Ordnung begründen wollten, was waren es da für Pläne, die ihnen ihre seitherigen Studien eingaben? Die des Minos, Plato und Lykurg. Sie verwirklichten den Kommunismus, der seinerseits nicht ermangelte, seine traurigen Folgen zu verwirklichen. Die Indianer kamen um einige Grade unter den Zustand der Wilden herunter. Doch so eingewurzelt war das Vorurteil der Europäer zu Gunsten der kommunistischen, immer als das Muster der Vollkommenheit dargestellten Institutionen, dass man von allen Seiten das Glück und die Tugend dieser, unter dem Hirtenstab der Jesuiten vegetierenden Wesen ohne Namen (denn es waren nicht mehr Menschen) pries.

Haben Rousseau, Mably, Montesquieu, Raynal, diese großen Lobredner der Missionen, die Tatsachen untersucht? Keineswegs. Können die griechischen und lateinischen Schriften trügen? Kann man irre gehen, wenn man Plato zum Führer nimmt? Also, die Indianer von Paraguay waren glücklich oder sollten es sein, bei Strafe gegen alle Regeln elend zu sein. Azara, Bougainville und andere Reisende segelten unter dem Einfluss dieser Vorurteile ab, um alle diese Wunder anzustaunen. Anfangs trat ihnen die traurige Wirklichkeit umsonst vor Augen, sie konnten nicht daran glauben. Dennoch mussten sie sich durch die Evidenz überzeugen lassen und zuletzt bestätigten sie, zu ihrem großen Bedauern, dass der Kommunismus ein verführerischer Traum und eine entsetzliche Wirklichkeit ist.

Die Logik ist unerbittlich. Es ist wohl klar, dass die Schriftsteller, die ich eben angeführt habe, es nicht gewagt haben, ihre Lehre bis zum Ende zu führen. Mably und Brissot nehmen es auf sich, diese Inkonsequenz wieder gut zu machen. Als wahre Platoniker predigten sie offen die Güter- und Weibergemeinschaft, und zwar, beachten wir es wohl, indem sie sich unaufhörlich auf die Beispiele und die Lehren dieses schönen Altertums, welches alle Welt zu bewundern übereingekommen ist, beriefen.

So war zu Familie, Eigentum, Freiheit und Gesellschaft der Zustand, in welchen die durch den Klerus gewährte Erziehung die öffentliche Meinung in Frankreich gebracht hatte, als die Revolution ausbrach. Sie lässt sich ohne Zweifel durch Ursachen, welche dem klassischen Unterricht fremd sind, erklären. Darf man aber zweifeln, dass dieser Unterricht eine Menge falsche Ideen, rohe Gesinnungen, subversive Utopien, unselige Experimente eingebracht hat? Man lese die in der gesetzgebenden Versammlung und im Konvent gehaltenen Reden. Es ist die Sprache Rousseaus und Mablys. Es sind nur Personifikationen, Anrufungen, Anreden an Fabricius, Cato, die beiden Brutus, die Gracchen, Catilina. Will man eine Unmenschlichkeit begehen, so findet man immer zu ihrer Verherrlichung das Beispiel eines Römers. Was die Erziehung dem Geist eingegeben hat, geht in die Handlungen über. Es ist anerkannt, dass Sparta und Rom Vorbilder sind, also muss man ihnen nachahmen oder sie parodieren. Der eine will die Olympischen Spiele einrichten, der andere die Agrargesetze und ein Dritter die schwarze Suppe auf den Straßen.

Ich kann nicht daran denken, hier diese Frage erschöpfend zu behandeln, die wohl wert ist, dass eine geübte Hand mehr als eine Flugschrift darauf verwendet: „Über den Einfluss der griechischen und lateinischen Literatur auf den Geist unserer Revolution.“ Ich muss mich auf einige Skizzen beschränken.

Zwei große Gestalten beherrschen die Französische Revolution und scheinen sie zu personifizieren: Mirabeau und Robespierre. Wie war ihre Lehre zum Eigentum?

Wir haben gesehen, dass die Völker, welche im Altertum ihre Mittel der Existenz auf Raub und Sklaverei gründeten, das Eigentum nicht an sein wahres Prinzip knüpfen konnten. Sie waren genötigt, es wie eine Sache des Übereinkommens zu betrachten und sie ließen es auf dem Gesetz beruhen, welches gestattet, die Sklaverei und den Diebstahl dabei zuzulassen, wie die Rollin so naiv auseinandersetzt.

Rousseau hatte auch gesagt:  „Das Eigentum rührt von Übereinkunft und menschlicher Einrichtung her, während die Freiheit ein Geschenk der Natur ist.“

Mirabeau sprach dieselbe Lehre aus:

Das Eigentum, sagt er, ist eine gesellschaftliche Schöpfung. Die Gesetze beschützen und halten es nicht allein aufrecht, sie lassen es auch entstehen, sie bestimmen es, sie geben ihm den Rang und den Umfang, den es unter den Rechten der Bürger einnimmt.

Und wenn Mirabeau sich so aussprach, so geschah es nicht, um eine Theorie aufzustellen. Seine wirkliche Absicht war, den Gesetzgeber zu veranlassen, die Ausübung eines Rechtes zu beschränken, worüber er wohl verfügen konnte, weil er es geschaffen hatte.

Robespierre wiederholte die Definitionen Rousseaus.

Indem wir die Freiheit, dieses erste Bedürfnis des Menschen, das heiligste der Rechte, welches er von der Natur erhalten hat, definierten, sagten wir mit Grund, dass es als Grenze das Recht anderer hat. Warum habt Ihr dies Prinzip nicht auf das Eigentum, welches eine gesellschaftliche Institution ist, angewendet, als wenn die Gesetze der Natur weniger unverletzbar wären, als die Übereinkünfte der Menschen.

Nach diesem Eingang geht Robespierre zu der Definition über.

Das Eigentum ist das Recht, welches jeder Bürger hat, die Güter, welche ihm durch das Gesetz verbürgt sind zu genießen und zu gebrauchen.

Das ist der sehr starke Gegensatz zwischen Freiheit und Eigentum. Es sind zwei Rechte verschiedenen Ursprungs. Das eine kommt von der Natur, das andere ist gesellschaftliche Setzung. Das erste ist natürlich, das zweite vertragsmäßig.

Wer macht nun das Gesetz? Der Gesetzgeber. Er kann also für die Ausübung des Rechts des Eigentums, da er dies Recht verleiht, die Bedingungen, die ihm belieben, stellen.

Robespierre beeilt sich auch, aus seiner Definition das Recht auf Arbeit, das Recht auf Unterstützung und die progressive Steuer herzuleiten.

Die Gesellschaft ist verpflichtet, für den Unterhalt aller ihrer Mitglieder zu sorgen, sei es, indem sie ihnen Arbeit verschafft, sei es, indem sie die Mittel der Existenz denen sichert, welche außer Stande sind zu arbeiten.
Die notwendigen Unterstützungen für die Armut sind eine Schuld des Reichen gegen den Armen. Es kommt dem Gesetz zu, die Weise zu bestimmen, wie diese Schuld abgetragen werden soll.
Die Bürger, deren Einnahmen nicht dasjenige, was zu ihrem Unterhalt nötig ist, übersteigen, sind von Beiträgen zu den öffentlichen Ausgaben befreit. Die anderen müssen sie in progressiver Weise, nach Maßgabe ihres Vermögens, bestreiten.

Robespierre, sagt Herr Sudre, nahm so alle Maßregeln an, welche nach dem Geist ihrer Erfinder so wie in der Wirklichkeit den Übergang vom Eigentum zum Kommunismus bilden. Durch die Umsetzung von Platos Abhandlung über die Gesetze kam er, ohne es zu wissen, zur Verwirklichung des Gesellschaftszustandes, der in dem Buche über die Republik beschrieben ist.

(Bekanntlich hat Plato zwei Bücher geschrieben: das eine, um die ideale Vollkommenheit — Gütergemeinschaft und Weibergemeinschaft — zu beschreiben, nämlich das Buch über die Republik, das andere, um die Übergangsmittel zu lehren, nämlich die Abhandlung über die Gesetze.)

Robespierre kann zudem als ein Bewunderer des ruhigen, friedlichen und reinen Altertums angesehen werden. Selbst seine Rede über das Eigentum ist voll von Deklamationen solcher Art: „Aristides hätte die Schätze des Crassus nicht beneidet! Die Hütte des Fabricius hat den Palast des Crassus nicht zu beneiden!“ usw.

Sobald Mirabeau und Robespierre einmal dem Gesetzgeber im Prinzip die Befugnis zuschrieben, die Grenze des Rechts auf Eigentum festzusetzen, so kommt wenig darauf an, auf welcher Stufe sie es angemessen erachteten, diese Grenze zu setzen. Es konnte ihnen zusagen, nicht weiter zu gehen als bis zu dem Recht auf Arbeit, dem Recht auf Unterstützung und der progressiven Steuer.  Aber andere, die konsequenter waren, blieben dabei nicht stehen. Wenn das Gesetz, welches das Eigentum schafft und darüber verfügt, einen Schritt nach der Gleichheit hin tun kann, warum tut es nicht zwei Schritte dahin? Warum verwirklichte es nicht die absolute Gleichheit?

So ging Saint-Just weiter als Robespierre, das musste geschehen, und Babeuf weiter als Saint-Just, das musste auch geschehen. Auf diesem Wege gab es nur eine vernünftige Grenze. Sie ist von dem göttlichen Plato gesteckt worden.

Saint-Just … doch ich halte mich zu sehr bei der Frage des Eigentums auf. Ich vergesse, dass ich beweisen wollte, wie die klassische Erziehung alle moralischen Begriffe verkehrt hat. Überzeugt, dass der Leser mir wohl auf mein Wort glauben wird, wenn ich versichere, dass Saint-Just auf dem Wege des Kommunismus weiter gegangen ist, als Robespierre, kehre ich zu meinem Gegenstand zurück.

Zunächst muss man wissen, dass die Irrtümer Saint-Justs sich an die klassischen Studien knüpften. Gleich allen Menschen seiner und unserer Zeit, war er vom Altertum erfüllt. Er hielt sich für einen Brutus. Von seiner Partei aus Paris verbannt, schrieb er:

O Gott! Muss Brutus hinsiechen, vergessen, fern von Rom! Mein Entschluss ist indessen gefasst, und wenn Brutus nicht die anderen tötet, so wird er sich selbst töten.

Töten! es scheint, als wenn dies hienieden die Bestimmung des Menschen wäre.

Alle Hellenisten und Latinisten sind einig, dass das Prinzip einer Republik die Tugend ist, und Gott weiß, was sie unter diesem Wort verstehen. Deshalb schrieb Saint-Just:

Eine republikanische Regierung hat die Tugend zum Prinzip, wo nicht den Schrecken.

Eine andere im Altertum herrschende Meinung besteht darin, dass die Arbeit ehrlos ist. Auch Saint-Just verurteilte sie mit diesen Worten:

Ein Handwerk verträgt sich schlecht mit einem wahren Bürger. Die Hand des Menschen ist nur für den Boden und die Waffen gemacht.

Und damit Niemand sich dazu erniedrigen könnte, ein Handwerk zu betreiben, wollte er die Ländereien unter alle verteilen.

Wir haben gesehen, dass nach den Ideen der Alten der Gesetzgeber das für die Menschen ist, was der Töpfer für den Ton ist. Unglücklicherweise will, wenn diese Idee herrscht, niemand Ton sein und jeder will Töpfer sein. Man kann sich wohl denken, dass Saint-Just sich die schöne Rolle zuteilte.

An dem Tage, wo ich mich überzeugt haben werde, dass es unmöglich ist, den Franzosen sanfte, für die Tyrannei und die Ungerechtigkeit empfindliche und unerbittliche Sitten zu geben, werde ich mir den Dolch ins Herz stoßen.

Wenn bei ihnen Sitten herrschten, so würde alles gut gehen; man bedarf Institutionen, um sie zu veredeln. Um die Sitten zu bessern, muss man damit anfangen, das Bedürfnis und das Interesse zu befriedigen. Man muss allen etwas Land geben.

Die Kinder werden in jeder Jahreszeit in Leinen gekleidet. Sie liegen auf Matten und schlafen acht Stunden. Sie werden in Gemeinschaft ernährt und leben nur von Wurzeln, Früchten, Gemüsen, Brot und Wasser. Fleisch können sie erst vom sechzehnten Lebensjahr an genießen.

Die Männer von fünfundzwanzig Jahren werden gehalten sein, alle Jahre in dem Tempel die Namen ihrer Freunde anzugeben. Derjenige, welcher seinen Freund ohne hinreichenden Grund verläßt, wird des Landes verwiesen.

So schreibt sich Saint-Just selbst nach dem Beispiele des Lykurg, Plato, Fenelon, Rousseau über die Sitten, die Gesinnungen, das Vermögen und die Kinder der Franzosen mehr als Rechte und Macht zu, als alle Franzosen zusammen haben. Wie klein ist die Menschheit neben ihm, oder vielmehr sie lebt nur in ihm. Sein Kopf ist der Kopf und sein Herz ist das Herz der Menschheit.

Das also ist die der Revolution durch den griechisch-römischen Konventionalismus gegebene Richtung. Plato hat das Ideal gezeichnet. Priester und Laien machen sich im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert daran, dies Wunder zu feiern. Nun kommt die Stunde des Handelns: Mirabeau steigt die erste Stufe herunter, Robespierre die zweite, Saint-Just die dritte, Antonelle die vierte und Babeuf, logischer als alle seine Vorgänger, stellt sich auf die letzte, den absoluten Kommunismus, den reinen Platonismus. Ich sollte hier seine Schriften anführen; ich will mich darauf beschränken zu sagen, denn dies ist charakteristisch, dass er Gaius Gracchus unterschrieb.

Der Geist der Revolution, in dem Gesichtspunkt, der uns beschäftigt, läßt sich vollständig aus einigen Anführungen entnehmen. Was wollte Robespierre? „Die Geister auf die Höhe der republikanischen Tugenden der alten Völker erheben.“ (23. Nivose Jahres III.) Was wollte Saint-Just? „Uns das Glück Spartas und Athens bieten.“ (23. Nivose Jahres III.)
Er wollte außerdem, „dass alle Bürger den Dolch des Brutus unter ihrem Kleide trügen.“ (Ebendaselbst.) Was wollte der blutgierige Carrier? „Dass die ganze Jugend künftig auf die glühenden Kohlen des Scaevola, den Giftbecher des Sokrates, den Tod des Cicero und das Schwert des Cato blickte.“ Was wollte Rabaut Saint-Etienne? „Dass nach den Grundsätzen der Spartaner, der Staat sich des Menschen von der Wiege an selbst vor der Geburt bemächtigte.“ (16. Dezember 1792.) Was wollte die Sektion der Quinze-Vingts? „Dass man der Freiheit eine Kirche weihte und einen Altar errichtete, auf welchem ein ewiges, von jungen Vestalinnen unterhaltenes Feuer brennt.“ (21. November 1794.) Was wollte der ganze Konvent? „Dass unsere Gemeinden nur Brutusse und Publicolas enthalten.“ (19. März 1794.)

Alle diese Sektierer waren indessen ehrlich und sie waren um so gefährlicher; denn die Aufrichtigkeit im Irrtum ist Fanatismus, und der Fanatismus ist eine Macht, besonders wenn er auf Massen wirkt, die vorbereitet sind, sich seinem Wirken zu unterwerfen. Der allgemeine Enthusiasmus zu Gunsten eines sozialen Vorbildes kann nicht immer unfruchtbar sein, und die öffentliche Meinung, aufgeklärt oder irre geleitet, ist deshalb nicht weniger die Königin der Welt. Wenn eine dieser fundamentalen Verirrungen — wie die Verherrlichung des Altertums — die durch den Unterricht mit dem ersten Dämmern der Einsicht in alle Köpfe eindringt, sich dort auf den Stand des Konventionalismus festsetzt, so strebt sie, von Gedanken zu Taten überzugehen. Dann möge eine Revolution die Stunde der Versuche schlagen lassen, und wer kann sagen, unter welchem furchtbaren Namen der, welcher hundert Jahre früher sich Fenelon nennen ließ, erscheinen wird? Er hatte seine Idee in einen Roman niedergelegt; er stirbt für dieselbe auf dem Schafott; der war Dichter gewesen, er macht sich zum Märtyrer; er hatte die Gesellschaft unterhalten, er richtet sie zu Grunde.

Indessen gibt es in der Wirklichkeit eine Macht, die stärker ist, als der allgemeinste Konventionalismus. Wenn die Erziehung ein verderbliches Samenkorn in den gesellschaftlichen Körper gelegt hat, so liegt darin auch eine Kraft der Selbsterhaltung, vis medicatrix, welche bewirkt, dass er sich zuletzt unter Leiden und Tränen des tödlichen Keims entledigt.

Sobald nun der  Kommunismus die Gesellschaft hinreichend in Schrecken gesetzt und in Gefahr gebracht hatte, musste unfehlbar eine Reaktion eintreten. Frankreich fing an zum Despotismus zurückkehren. In seinem Eifer hatte es selbst die legitimen Eroberungen der Revolution gering geachtet. Es bekam das Konsulat und das Kaisertum. Aber ach! brauche ich darauf aufmerksam zu machen, dass das Römische Vorurteil ihm auf diese neue Phase folgte? Das Altertum muss immer alle Formen der Gewalt rechtfertigen. von Lykurg an bis auf Caesar, wie viele Muster lagen zur Auswahl vor! Also, — und ich bediene mich hier der Rede des Herrn Thiers, — „nachdem wir Athener mit Voltaire gewesen waren, einen Augenblick Spartaner unter dem Konvent hatten sein wollen, machten wir uns unter Napoleon zu Soldaten des Caesar.“  Kann man das Gepräge verkennen, welches unserer Vorliebe für Rom auf dieser Epoche zurückgelassen hat? Ach Gott! dies Gepräge ist überall. Es ist in den Gebäuden, in den Monumenten, in der Literatur, selbst in den Moden des kaiserlichen Frankreichs; es ist in den lächerlichen Namen, welche allen unseren Institutionen beigelegt wurden. Es ist ohne Zweifel nicht Zufall, dass wir Konsuln, einen Kaiser, Senatoren, Tribunen, Präfekten, Senatskonsuln, Adler, Trajanische Kolonnen, Legionen, Marsfelder, Prytaneen, Lyzeen überall auftauchen sahen.

Der Kampf zwischen den revolutionären und den konterrevolutionären Prinzipien schien in den Julitagen 1830 sich endigen zu sollen. Seit dieser Epoche haben sich die intellektuellen Kräfte dieses Landes dem Studium der sozialen Fragen zugewendet, was an sich nur natürlich und nützlich ist. Unglücklicherweise gibt die Universität der Bewegung des menschlichen Geistes den ersten Anstoß und leitet ihn noch nach den vergifteten Quellen des Altertums hin; so dass unser unglückliches Vaterland damit genötigt wird, seine Vergangenheit wieder zu beginnen und dieselben Versuche durchzumachen. Es scheint, als wenn es verdammt wäre, sich in diesem Kreise zu drehen: Utopie, Experimentieren, Reaktion. — Literarischer Platonismus, revolutionärer Kommunismus, militärischer Despotismus, — Fenelon, Robespierre, Napoleon! — Kann es damit anders sein? Die Jugend, woraus sich die Literatur und der Journalismus rekrutieren, anstatt zu suchen, die natürlichen Gesetze der Gesellschaft zu entdecken und darzustellen, beschränkt sich darauf, das griechisch-römische Axiom: Die gesellschaftliche Ordnung ist eine Schöpfung des Gesetzgebers, im Unterbau nachzubessern. Beklagenswerter Ausgangspunkt, der der Einbildungskraft eine Bahn ohne Grenzen eröffnet und nur ein ewiges Gebären des Sozialismus ist. —
Denn, wenn die Gesellschaft eine Erfindung ist, wer will nicht der Erfinder sein? Wer will nicht Minos sein oder Lykurg oder Plato, oder Numa, oder Fenelon oder Robespierre, oder Babeuf, oder Saint-Simon, oder Fourier, oder Louis Blanc oder Proudhon? Wer findet es nicht ruhmwürdig, ein Volk zu stiften? Wer weidet sich nicht an dem Titel Vater der Nationen? Wer strebt nicht dahin, die Familie und das Eigentum wie chemische Elemente zu verbinden?

Um aber seiner Phantasie nicht bloß in den Spalten eines Journals Lauf zu lassen, muss man die Macht besitzen, muss man den Mittelpunkt, wo alle Fäden der öffentlichen Gewalt zusammenlaufen, innehaben. Das ist die unerlässliche Vorbedingung alles Experimentierens. Jede Sekte, jede Schule wird also alle ihre Kräfte anstrengen, um die herrschende Schule oder Sekte von der Regierung zu verdrängen, so dass unter dem Einfluss des klassischen Unterrichts das gesellschaftliche Leben nur eine nie endende Reihe von Kämpfen und  Revolutionen sein kann, welche die Frage zum Ziel haben, welcher Utopist die Macht haben wird, mit dem Volk, wie mit einem gemeinen Stoff, Versuche anzustellen!

Ja, ich klage das Baccalaureat an, dass es die ganze französische Jugend, wie zum Vergnügen, zu sozialistischen Utopien, zu gesellschaftlichen Experimenten vorbereitet. Und darin liegt ohne Zweifel der Grund eines sehr auffallenden Phänomens, nämlich der Ohnmacht, den Sozialismus zu widerlegen, die selbst diejenigen, welche sich davon bedroht glauben, offenbaren. Männer der Bourgeoisie, Eigentümer, Kapitalisten, die Systeme des Saint-Simon, Fourier, Louis Blanc, Leroux, Proudhon sind doch nur Doktrinen. Sie sind falsch, sagt Ihr. Warum widerlegt Ihr sie nicht? Weil Ihr aus demselben Kelch getrunken habt; weil der Umgang mit den Alten, weil Eure herkömmliche Vorliebe für alles, was griechisch oder römisch ist, Euch den Sozialismus eingeimpft hat.

Zuviel davon hat Eure Seele eingeatmet.

Euer Gleichmachen des Vermögens durch Zollpolitik, Euer Unterstützungsgesetz, Euer Verlangen nach unentgeltlichem Unterricht, Eure Förderungsprämien, Eure Zentralisation, Euer Bauen auf den Staat, Eure Literatur, Euer Theater, alles bezeugt, dass Ihr Sozialisten seid. Ihr unterscheidet Euch von den Aposteln durch den Grad, aber Ihr steht auf demselben Abhang. Deshalb, wenn Ihr Euch überholt fühlt, anstatt zu widerlegen — was Ihr nicht zu tun wisst, und was Ihr nicht könntet, ohne Euch selbst zu verdammen, — ringt Ihr die Hände, rauft Euch die Haare, beklagt Euch über Unterdrückung und sagt jämmerlicher Weise: Frankreich geht zu Grunde!

Nein, Frankreich geht nicht zu Grunde. Denn seht, was geschieht: Während Ihr Euch unfruchtbaren Klagen hingebt, widerlegen sich die Sozialisten selbst. Ihre Gelehrten sind in offenem Krieg. Das Phalanstere ist dabei gefallen; die Triade ist dabei gefallen; die Genossenschaftswerkstätte ist dabei gefallen; Euer Gleichmachen der Stellungen durch das Gesetz wird dabei fallen. Was bleibt noch stehen? Der unentgeltliche Kredit. Warum beweist Ihr nicht die Ungereimtheit desselben? Ach! Ihr selbst habt ihn erfunden. Ihr habt ihn tausend Jahre lang gepredigt. Wenn Ihr die Zinsen nicht habt unterdrücken können, so habt Ihr Verordnungen darüber erlassen. Ihr habt sie einem Maximum unterworfen, indem Ihr so glauben machtet, dass das Eigentum eine Schöpfung des Gesetzes ist, was eben die Idee des Plato, Lykurg, Fenelon, Rollin, Robespierre ist; was, ich nehme keinen Anstand, es zu behaupten, das Wesen und der Kern nicht bloß des Sozialismus sondern auch des Kommunismus ist. Rühmt mir also nicht einen Unterricht, der Euch von dem, was Ihr wissen solltet, nichts gelehrt, hat, und der Euch vor der ersten Chimäre, welche einem Narren auszudenken beliebt, verblüfft und stumm macht. Ihr seid nicht im Stande, die Wahrheit dem Irrtum entgegenzustellen; lasst wenigstens die Irrtümer sich untereinander zu Grunde richten. Hütet Euch, den Utopisten den Mund zu schließen und so ihre Propaganda auf das Podest der Verfolgung zu erheben. Der Geist der arbeitenden Massen, wenigstens der mittleren Klassen, hat sich auf die großen sozialen Fragen geworfen. Er wird sie lösen. Er wird dahin gelangen, für die Worte: Familie, Eigentum, Freiheit, Gerechtigkeit, Gesellschaft, andere Definitionen zu finden, als diejenigen, welche uns Euer Unterricht gibt. Er wird  nicht allein den Sozialismus, welcher sich als solcher bekennt, sondern auch den Sozialismus, der sich seiner nicht bewusst ist, besiegen. Abtun wird er Eure künstliche Einheit, Euer Schutzsystem, Eure offizielle Philanthropie, Eure Wuchergesetze, Eure barbarische Diplomatie, Euren monopolisierten Unterricht.

Und deshalb sage ich: Nein, Frankreich wird nicht zu Grunde gehen. Es wird glücklicher, aufgeklärter, geordneter, größer, freier, sittlicher, religiöser, als Ihr es gemacht habt, aus dem Kampf hervorgehen.

Beachtet aber doch gefälligst dies: Wenn ich mich gegen die klassischen Studien erhebe, so verlange ich nicht, dass sie verboten werden; ich verlange nur, dass sie nicht aufgezwungen werden. Ich dringe nicht in den Staat, um ihm zu sagen: Unterwirf alle Welt meiner Meinung, sondern vielmehr: Beuge mich nicht unter die Meinung anderer. Der Unterschied ist groß und es möge in dieser Beziehung kein Irrtum obwalten.

Herr Thiers, Herr von Rancey, Herr von Montalembert, Herr Varthelemy Saint-Hilaire glauben, dass die römische Atmosphäre vortrefflich sei, um das Herz und den Geist der Jugend zu bilden. Gut. Mögen sie ihre Kinder dem aussetzen; ich gestatte es ihnen. Aber mögen sie mir auch gestatten, die meinigen davon wie von einer verpesteten Luft fern zu halten. Ihr Herren Reglementsmacher, das was Euch vorzüglich vorkommt, erscheint mir verhasst; das, was Euer Gewissen beruhigt, beunruhigt das meinige. Wohlan! folgt Euren Eingebungen, aber lasst mich den meinigen folgen. Ich zwinge Euch nicht, warum wollt Ihr mich zwingen?

Ich seid vollkommen überzeugt, dass in sozialer und moralischer Beziehung das Ideal in der Vergangenheit liegt. Ich für meinen Teil sehe es in der Zukunft. „Sagen wir es, sagte Herr Thiers, einem auf sich selbst stolzen Jahrhundert, das Altertum ist das Schönste, was es auf der Welt gibt.“ Was mich betrifft, so bin ich glücklich, diese trostlose Meinung nicht zu teilen. Ich sage trostlos, denn sie schließt in sich , dass durch ein verhängnisvolles Gesetz die Menschheit unaufhörlich sich verschlechtert. Ihr setzt die Vollkommenheit an den Anfang der Zeiten, ich setze sie an das Ende. Ich haltet die Gesellschaft für zurückschreitend, ich halte sie für vorwärtsschreitend. Ihr glaubt, dass unser Meinungen, unsere Ideen, unsere Sitten soviel wie möglich in die antike Form gegossen werden müssen; wie ich auch die gesellschaftliche Ordnung Spartas und Roms studiere, so sehe ich doch nur Gewaltsamkeiten, Ungerechtigkeiten, Lügen, ewige Kriege, Sklaverei, Schändlichkeiten, falsche Politik, falsche Moral, falsche Religion. Was Ihr bewundert, verabscheue ich. Doch mit einem Wort, folgt Eurem Urteil und lasst mir das meine. Wir sind hier nicht Advokaten, der eine für den klassischen Unterricht und der andere dagegen streitend vor einer Versammlung, die zu entscheiden hat, indem sie meinem oder Eurem Gewissen Gewalt antut. Ich verlange von dem Staat nur seine Neutralität. Ich verlange die Freiheit ebenso für Euch wie für mich. Ich habe wenigstens vor Euch den Vorteil der Unparteilichkeit, der Mäßigung und der Bescheidenheit voraus.

Drei Quellen des Unterrichts liegen vor uns: die des Staats, die des Klerus, der der angeblich freien Lehrer.

Was ich verlange, besteht darin, dass diese in der Wirklichkeit die Freiheit haben, neue und fruchtbare Methoden zu versuchen. Möge die Universität lehren, was sie liebt, das Griechische und das Lateinische; möge der Klerus lehren, was er weiß, das Griechische und das Lateinische. Mögen beide Platoniker und Tribunen machen; aber mögen sie uns nicht hindern, durch andere Erfahrungsweisen Männer für unser Land und für unser Jahrhundert zu bilden.

Denn, wenn diese Freiheit uns untersagt ist, welcher bittere Hohn liegt nicht darin, wenn man uns jeden Augenblick sagt: Ihr seid frei!

In der Sitzung vom 23. Februar hat Herr Thiers zum vierten Mal gesagt:

Ich werde ewig wiederholen, was ich gesagt habe: Die Freiheit, die das Gesetz, welches wir abgefasst haben gibt, ist die Freiheit nach der Verfassung.
Ich fordere Euch auf, zu beweisen, dass es anders ist. Beweist mir, dass dies nicht die Freiheit ist; was mich betrifft, so behaupte ich, dass eine andere nicht möglich ist.
Ehemals konnte man ohne die Erlaubnis der Regierung nicht unterrichten. Wir haben die notwendige Genehmigung abgeschafft; jedermann wird unterrichten können.
Ehemals sagte man: Lehrt dieses, lehrt dieses nicht. Heute sagen wir: Lehrt alles, was Ihr lehren wollt.

Es ist schmerzlich, wenn man eine solche Aufforderung vernimmt und dabei zum Schweigen verurteilt ist. Wenn die Schwäche meiner Stimme mich nicht von der Tribüne zurückhielte, so würde ich Herrn Thiers geantwortet haben:

Sehen wir doch, worauf sich auf Seiten des Lehrers, des Familienvaters und der Gesellschaft diese Freiheit, die Du so vollständig nennst, beschränkt.

Auf Dein Gesetz gestützt, gründe ich eine Lehranstalt. Mit dem Betrag der Pension muss ich ein Lokal kaufen oder mieten, für der Nahrung der Zöglinge sorgen und die Lehrer bezahlen. Aber neben meiner Anstalt besteht ein Lyzeum. Es braucht sich um das Lokal und den Lehrer nicht kümmern. Die Steuerpflichtigen, mich eingeschlossen, tragen die Kosten dafür. Es kann also den Beitrag für die Pension so niedrig setzen, dass es meine Unternehmung unmöglich macht. Ist das Freiheit? Ein Ausweg bleibt mir indessen, nämlich einen Unterricht zu bieten, der so viel besser ist, als der Deinige, der vom Publikum so viel gesuchter ist, dass es sich an mich wendet, trotz der verhältnismäßigen Kostspieligkeit, wozu du mich nötigst. Aber hier begegne ich Dir und Du sagst mir: Lehre was Du willst, aber wenn Du von meinem Schlendrian abweichst, werden alle liberalen Laufbahnen Deinen Zöglingen verschlossen sein. Ist das Freiheit?

Nun will ich annehmen, ich wäre Familienvater; ich bringe meine Söhne in ein freies Institut; in welche Lage komme ich da? Als Vater bezahle ich die Erziehung meiner Kinder, ohne dass mir Jemand dabei zu Hilfe kommt; als Steuerpflichtiger und als Katholik bezahle ich die Erziehung der Kinder anderer, denn ich kann die Steuer zur Unterhaltung der Lyzeen nicht verweigern, kann auch zur Zeit der Fasten kaum umhin, in die Mütze des Bettelmönchs einen Beitrag zur Unterhaltung der Seminarien zu werfen. Doch dazu bin ich wenigstens nicht gezwungen. Aber ist es ebenso in Betreff der Steuer? Nein, nein, sage, dass Du Solidarität, im sozialistischen Sinn, schaffst, aber behaupte nicht, dass Du Freiheit schaffst.

Und das ist nur die sehr kleine Seite der Frage. Es gibt noch eine ernstere. Ich gebe dem freien Unterrichte den Vorzug, weil Dein offizieller Unterricht (wozu Du mich zwingst beizutragen, ohne dass ich davon Vorteil ziehe) mir kommunistisch und heidnisch erscheint; mein Gewissen widerstrebt dem, dass meine Söhne spartanische und römische Ideen, die wenigstens in meinen Augen nur die verherrlichte Gewalt und Räuberei sind, in sich aufnehmen. In Folge dessen unterwerfe ich mich, die Pension für meine Söhne und die Steuern für die Söhne anderer zu bezahlen. Aber was finde ich nun? Ich finde, dass Dein mythologischer und kriegerischer Unterricht mittelbar der freien Lehranstalt aufgedrängt wird durch den sinnreichen Mechanismus Deiner Abschlüsse, und dass ich mein Gewissen vor Deinen Ansichten beugen muss, bei Strafe, meine Kinder zu Parias der Gesellschaft zu machen. — Du hast mir viermal gesagt, dass ich frei wäre. Du könntest es mir hundertmal sagen und ich würde Dir hundertmal erwidern: Ich bin es nicht.

Seid inkonsequent, da Ihr es nicht vermeiden könnt, und ich gebe Euch zu, dass Ihr bei dem gegenwärtigen Stande der öffentlichen Meinung die offiziellen Lehranstalten nicht schließen könnt. Aber setzt Eurer Inkonsequenz eine Grenze. Beklagt Ihr Euch nicht täglich über den Geist der Jugend? Über ihre sozialisten Tendenzen? Über ihre Abneigung gegen religiöse Ideen? Über ihre Leidenschaft für kriegerische Unternehmungen, eine Leidenschaft, die so weit geht, dass es in unseren beratenden Versammlungen kaum gestattet ist, das Wort Frieden auszusprechen, und man die sinnreichsten oratorischen Wendungen anwenden muss, um von Gerechtigkeit zu sprechen, wenn es um das Ausland geht. So beklagenswerte Gesinnungen haben ohne Zweifel eine Ursache. Wäre es, strenge genommen, nicht möglich, dass Euer mythologischer, platonischer, kriegerischer und faktiöser Unterricht hierbei von einiger Bedeutung ist? Ich sage indessen nicht, dass Ihr ihn verändern sollt, das wäre zu viel von Euch verlangt. Aber ich sage Euch: Da Ihr neben Euren Lyzeen und unter schon sehr schwierigen Bedingungen, sogenannte freie Schulen entstehen lasst, gestattet ihnen, auf ihre eigene Gefahr, die christlichen und wissenschaftlichen Bahnen zu versuchen. Es lohnt sich schon, den Versuch zu machen. Wer weiß? Vielleicht wäre er ein Fortschritt. Und Ihr wollt ihn im Keim ersticken!

Endlich, prüfen wir die Frage in Bezug auf die Gesellschaft und beachten wir gleich, wie ungewöhnlich es sein würde, wenn die Gesellschaft hinsichtlich des Unterrichts frei wäre, wo die Lehrer und die Familienväter es nicht sind.

Der erste Satz des Berichts des Herrn Thiers vom Jahre 1844 über den Sekundärunterricht sprach die schreckliche Wahrheit aus:

Die öffentliche Erziehung ist vielleicht das größte Interesse einer zivilisierten Nation, und aus diesem Grunde der größte Gegenstand des Ehrgeizes der Parteien.

Hieraus muss man, wie es scheint, den Schluß ziehen, dass eine Nation, die nicht die Beute der Parteien werden will, eilen muss, die öffentliche Erziehung, nämlich die Erziehung durch den Staat zu beseitigen und die Freiheit des Unterrichts auszusprechen. Wenn es eine der Gewalt anvertraute Erziehung gibt, so werden die Parteien einen Grund mehr zu dem Streben haben, sich der Gewalt zu bemächtigen, da sich des Unterrichts zu bemächtigen zugleich der größte Gegenstand ihres Ehrgeizes sein wird. Erregt die Sucht zu regieren, nicht schon Lüsternheit genug? Ruft sie nicht genug Kämpfe, Revolutionen und Unordnungen hervor? Und ist es weise, sie noch durch die Lockspeise eines so starken Einflusses aufzureizen?

Und warum streben die Parteien nach der Leitung der Studien? Weil sie das Wort von Leibnitz kennen: „Macht mich zum Meister des Unterrichts, und ich nehme es auf mich, die Gestalt der Welt zu verändern.“ Der Unterricht durch die Gewalt ist also der Unterricht durch eine Partei, durch eine augenblicklich triumphierende Sekte; es ist der Unterricht zum Vorteil einer Idee, eines ausschließlichen Systems. „Wir haben die Republik gemacht“, sagte Robespierre, „es bleibt uns übrig, Republikaner zu machen; “ ein Versuch, der im Jahre 1848 erneuert worden ist. Bonaparte wollte nur Soldaten  machen, Frayssinous nur Betbrüder, Vellemain nur Redekünstler. Herr Guizot würde nur Doktrinäre machen, Enfantin nur Saint-Simonisten und mancher, der ungehalten ist, die Menschheit so herabgewürdigt zu sehen, würde, wenn er jemals in der Lage wäre zu sagen: Der Staat bin ich, vielleicht versucht sein, nur Ökonomen zu machen. Wie! Wird man niemals die Gefahr sehen, den Parteien, je nachdem sie die Gewalt an sich reißen, die Gelegenheit zu bieten, durch die Macht allgemein und gleichförmig ihre Meinungen oder vielleicht ihre Irrtümer aufzudrängen? Denn es heißt wohl die Macht anwenden, wenn man gesetzlich jede andere Idee, als diejenige, von der man selbst eingenommen ist, verbietet.

Eine solche Forderung ist wesentlich monarchistisch, obgleich niemand sie entschiedener kund tut, als die republikanische Partei; denn sei stützt sich auf die Annahme, dass die Regierten für die Regierenden gemacht sind, dass die Gesellschaft der Gewalt gehört, dass erstere von letzterer nach ihrem Bilde geformt werden soll; da doch nach unserem, schwer genug erkämpften, öffentlichen Recht die Gewalt nur ein Ausfluss der Gesellschaft, eine der Offenbarungen ihres Begriffs ist.

Ich meines Teils kann mir, namentlich im Munde der Republikaner, keinen widersinnigeren Kreis falscher Schlüsse denken als diesen: Von Jahr zu Jahr wird sich durch das Getriebe des allgemeinen Stimmrechts das Denken der Nation in den Beamten verkörpern, und hernach werden diese Beamten nach ihrem Belieben das Denken der Nation formen.

Diese Lehre schließt die beiden Behauptungen in sich: Das Denken der Nation ist falsch, das Denken der Regierung ist unfehlbar.

Und wenn es so damit steht, Republikaner, so stellt doch auf ein Mal die Autokratie wieder her, den Unterricht durch den Staat, die Legitimität, das göttliche Recht, die absolute, unverantwortliche und unfehlbare Gewalt, lauter Institutionen, die ein gemeinschaftliches Prinzip haben und derselben Quelle entfließen.

Wenn es auf der Welt einen unfehlbaren Menschen (oder eine unfehlbare Sekte) gibt, so wollen wir ihm nicht allein die Erziehung, sondern auch alle Gewalten überweisen, und damit abgemacht. Wo nicht, so wollen wir uns, so gut wir können, aufklären, nicht aber darauf verzichten.

Jetzt wiederhole ich meine Frage: Verwirklicht in Beziehung auf die Gesellschaft das Gesetz, welches wir erörtern, die Freiheit?

Ehemals gab es eine Universität. Um zu unterrichten, bedurfte man ihrer Erlaubnis. Sie drängte ihre Ideen und ihre Methoden auf, und viel gehörte dazu, darüber hinweg zu kommen. Sie war also nach der Meinung von Leibnitz die Meisterin der Generationen, und deshalb ohne Zweifel bekam ihr Haupt den Titel eines Großmeisters.

Jetzt ist das alles vorbei. Es werden für die Universität nur zwei Vorrechte bleiben:

  1. das Recht zu sagen, was man wissen muss, um die Abschlüsse zu erwerben;
  2. das Recht, unzählige Laufbahnen denjenigen zu verschließen, welche sich nicht gefügt haben.

Das ist beinahe nichts, sagt man. Und ich sage: Dieses nichts ist alles.

Dies nötigt mich, Einiges über ein Wort, welches häufig bei dieser Erörterung ausgesprochen worden ist, zu sagen: nämlich das Wort Einheit; denn viele sehen in dem Baccalaureat das Mittel, allen Geistern eine wenn nicht vernünftige und nützliche, so wenigstens gleichförmige und deshalb gute Richtung zu geben.

Die Bewunderer der Einheit sind sehr zahlreich, und das ist verständlich. Durch Ratschluß der Vorsehung haben wir alle Vertrauen auf unser eigenes Urteil und glauben, dass es auf der Welt nur eine rechte Meinung gibt, nämlich: die unsrige. Wir meinen ferner, dass der Gesetzgeber nichts Besseres tun könnte, als sie allen aufzudrängen, und, der größeren Sicherheit wegen, wollen wir alle dieser Gesetzgeber sein. Aber die Gesetzgeber folgen einer auf den anderen und was geschieht? Bei jeder Veränderung tritt eine Einheit an die Stelle der anderen. Der Unterricht durch den Staat läßt also die Gleichförmigkeit herrschen in Bezug auf jede Periode ganz für sich betrachtet, z.B. den Konvent, das Direktorium, das Kaiserreich, die Restauration, die Juli-Monarchie, die Republik, so findet man wieder die Verschiedenheit, und was noch schlimmer ist, die subversivste aller Verschiedenheiten, diejenige, welche auf dem geistigen Gebiet, wie auf einem Theater nach der Laune der Maschinisten Verwandlungen zur Schau stellt. Werden wir weiter den Geist der Nation, das öffentliche Gewissen zu solchem Grade der Erniedrigung und der Unwürdigkeit herabsinken lassen?

Es gibt zwei Arten von Einheiten. Die eine ist ein Ausgangspunkt. Sie ist durch die Macht aufgedrängt, durch diejenigen, welche augenblicklich die Macht inne haben. die andere ist ein Resultat, die große Vollendung der menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit. Sie ergibt sich aus der natürlichen Strebekraft der Geister nach der Wahrheit.

Die erste Einheit hat die Verachtung des Menschengeschlechts zum Prinzip und den Despotismus zum Werkzeug. Robespierre war Einheitsmann, da er sagte: „Ich habe die Republik gemacht, ich will nun Republikaner machen.“ Napoleon war Einheitsmann, da er sagte: „Ich liebe den Krieg und werde alle Franzosen zu Kriegern machen.“ Frayssinous war Einheitsmann, da er sagte: „Ich habe einen Glauben und durch die Erziehung werde ich alle Gewissen diesem Glauben anpassen.“ Prokrustes war Einheitsmann, da er sagte: „Hier ist ein Bett; ich werde jeden, der kürzer oder länger ist, als dasselbe, kürzer machen oder in die Länge ziehen.“ Das Baccalaureat ist ein Einheitsmann, da es sagt: “ Das Leben in der Gesellschaft wird jedem versagt sein, der sich nicht meinem Programm unterwirft.“ Und man behaupte nicht, dass der Hohe Unterrichtsrat alle Jahr dies Programm wird ändern können; denn sicherlich läßt sich kein Umstand denken, der die Sache noch schlimmer machen würde: Was! die ganze Nation wäre also zum Ton herabgewürdigt, den der Töpfer zerbricht, wenn er mit der Form, die er ihm gegeben hat, nicht zufrieden ist?

In seinem Bericht von 1844 zeigte sich Herr Thiers als sehr eifriger Bewunderer dieser Art von Einheit, wobei er nur bedauerte, dass sie mit dem Charakter der modernen Nationen wenig im Einklang sei:

Das Land, wo die Freiheit des Unterrichts nicht herrscht, sage er, wäre dasjenige, wo der Staat, von einem absoluten Willen geleitet, in der Absicht, die Jugend in dieselbe Form zu gießen, sie wie eine Münze mit seinem Bilde zu prägen, keine Verschiedenheit in der Leitung der Erziehung duldete und während mehrerer Jahre die Kinder in derselben Weise kleidete, sie mit derselben Nahrung nährte, sie zu denselben Studien bestimmte, sie denselben Strebungen unterwürfe, sie nach seinen Wünschen bildete usw.
Hüten wir uns, fügte er hinzu, die Forderung des Staates zu lästern, der Nation einen einheitlichen Charakter aufzudrücken und dies als eine Eingebung der Tyrannei zu betrachten. Man könnte im Gegenteil beinahe sagen, dass dieser starke Wille des Staats, alle Bürger nach einem gemeinsamen Muster heranzuziehen, mit dem Patriotismus eines jeden Landes im Verhältnis steht. In den alten Republiken war das Vaterland um so mehr verehrt, um so besser wurde ihm gedient, je größere Anforderungen in Bezug auf die Sitten und den Geist der Bürger es an den Tag legte. .. Und wir, die wir im verflossenen Jahrhundert alle Gestalten der menschlichen Gesellschaft dargestellt haben, wir, die wir, nachdem wir mit Voltaire Athener waren, einen Augenblick unter dem Konvent Spartaner, unter Napoleon Soldaten des Caesar sein wollten, wenn wir einen Augenblick daran gedacht haben, in einer absoluten Weise das Joch des Staats auf die Erziehung zu legen, so war es unter dem National-Konvent im Augenblick der größten patriotischen Begeisterung.

Lassen wir Herrn Thiers Gerechtigkeit widerfahren. Er schlug nicht vor, solchen Beispielen zu folgen. „Man muss, sagte er, ihnen weder nachahmen, noch sie brandmarken. Das wäre Wahnsinn, aber der Wahnsinn des Patriotismus.“

Dennoch zeigt sich Herr Thiers hier nicht weniger dem von ihm ausgesprochenen Urteil treu: „Das Altertum ist das Schönste, was es auf der Welt gibt.“ Er zeigt eine geheime Vorliebe für den absoluten Despotismus des Staats, instinktmäßige Bewunderung für die Institutionen von Kreta und Lakedämon, welche dem Gesetzgeber die Macht gaben, die ganze Jugend in dieselbe Form zu gießen, sie wie eine Münze nach seinem Bilde zu prägen, usw.

Und ich kann nicht umhin, hier, denn das gehört recht zu meiner Aufgabe, auf die Spuren dieses klassischen Konventionalismus hinzuweisen, der uns in dem Altertum das als Tugenden bewundern läßt, was das Resultat der härtesten und unmoralischsten Notwendigkeit war. Diese Alten, die man erhebt, ich kann es nicht zu oft wiederholen, lebten vom Raub und um nichts in der Welt hätten sie ein Handwerkszeug angerührt. Sie hatten das ganze menschliche Geschlecht als Feind. Sie hatten sich zu einem ewigen Kriege verdammt und vor die Alternative gesetzt, immer zu siegen oder unterzugehen. Von da ab gabe es für sie und konnte es für sie nur ein Handwerk geben, das des Soldaten. Das Gemeinwesen musste sich bestreben, bei allen Bürgern die militärischen Eigenschaften gleichförmig zu entwickeln und die Bürger unterwarfen sich der Einheit, welche die Garantie ihrer Existenz war.

Aber was haben diese Zeiten der Barbarei mit den modernen Zeiten Gemeinsames?

Zu welchem ausdrücklichen und recht bestimmten Zweck würde man heute alle Bürger, wie eine Münze mit demselben Bilde prägen? Etwa weil sie sich alle für verschiedene Laufbahnen bestimmen? Worauf würde man sich stützen, um sie in dieselbe Form zu gießen? und wer hat die Form? Furchtbare Frage, die uns nachdenklich machen sollte. Wer hat die Form? Wenn es eine Form gibt (und das Baccalaureat ist eine), so wird jeder den Griff derselben halten wollen, Herr Thiers, Herr Parisis, Herr Barthelemy Saint-Hilaire, ich, die Roten, die Weißen, die Blauen, die Schwarzen. Man wird sich also darum schlagen müssen, um diese vorläufige Frage, die unaufhörlich wieder auftauchen wird, zu erledigen. Ist es nicht einfacher, diese verhängnisvolle Form zu zerschlagen und ehrlich die Freiheit zu proklamieren?

Die Freiheit ist ja der Boden, wo die wahre Einheit keimt, und die Atmosphäre, welche dieselbe befruchtet. Die Konkurrenz hat zur Folge, gute Methoden hervorzubringen und öffentlich und allgemein zu machen, und schlechte auszumerzen. Man muss doch zugestehen, dass der menschliche Geist ein natürlicheres Verhältnis zur Wahrheit als zum Irrtum hat, zu dem, was gut ist, als zu dem, was schlecht ist, zu dem, was nützlich ist, als zu dem, was schädlich ist. Wenn es nicht so wäre, wenn von Natur dem Wahren der Untergang und der Triumph dem Falschen vorbehalten wäre, so wären alle unsere Anstrengungen vergeblich; die Menschheit schritte rettungslos, wie es Rousseau glaubte, in eine unvermeidliche und fortschreitende Verschlechterung. Man müsste mit Herrn Thiers sagen: Das Altertum ist das Schönste, was es auf der Welt gibt, was nicht allein ein Irrtum ist, sondern eine Gotteslästerung. Die recht verstandenen Interessen der Menschen sind harmonisch und das Licht, welches sie dieselben verstehen macht, glänzt mit einem immer lebhafteren Glanz. Die individuellen und gemeinschaftlichen Anstrengungen, die Erfahrung, die Versuche, die Täuschungen selbst, die Konkurrenz, mit einem Wort die Freiheit, lassen also die Menschheit nach dieser Einheit, welche der Ausdruck der Gesetz ihrer Natur  und die Verwirklichung des allgemeinen Wohls ist, hinstreben.

Wie ist es gekommen, dass die liberale Partei in den auffallenden Widerspruch verfallen ist, die Freiheit, die Würde und die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen zu verkennen und dagegen eine künstliche, stationäre, herabwürdigenden, von allen Despotismen nacheinander zu Gunsten der verschiedensten Systeme aufgedrängte Einheit vorzuziehen?

Dafür gibt es mehrere Gründe: zunächst, weil auch sie das römische Gepräge der klassischen Erziehung erhalten hat. Hat sie als Führer nicht Bacheliers? Ferne hofft sie wohl durch die parlamentarischen Wechselfälle dieses kostbare Instrument, diese intellektuelle Form, nach Herrn Thiers, den Gegenstand aller ehrgeizigen Bestrebungen, in ihre Hände fallen zu sehen. Endlich haben die Notwendigkeiten der Verteidigung gegen den ungerechten Angriff Europas im Jahr 1792 nicht wenig dazu beigetragen, die Idee einer mächtigen Einheit in Frankreich populär zu machen.

Aber von allen Beweggründen, welche den Liberalismus bestimmen, die Freiheit aufzuopfern, ist der mächtigste die Furcht, welche ihm bei der Erziehung die Eingriffe des Klerus auslösen.

Diese Furcht teile ich nicht, aber ich begreife sie. Berücksichtigt, sagt der Liberalismus, die Stellung des Klerus in Frankreich, seine gelehrte Hierarchie, seinen starke Disziplin, sein Heer von vierzigtausend Mitgliedern, die sämtlich unverheiratet sind und in jeder Gemeinde des Landes die erste Stelle innehaben, den Einfluß, den er der Natur seiner Funktionen verdankt, den er von dem Wort zieht, welches er ohne Widerspruch und mächtig auf der Kanzel ertönen läßt oder welches er im Beichtstuhl zuflüstert, die Bande, welche ihn durch das Budget des Kultus an den Staat knüpfen, diejenigen, die ihn einem geistlichen Oberhaupt, welches zugleich ein fremder König ist, unterwerfen, die Mitwirkung, die ihm eine eifrige und ergebene Gesellschaft gewährt, die Hilfsmittel, die er in den Almosen, deren Verteiler er ist, findet; berücksichtigt, dass er es als seine erste Pflicht ansieht, sich der Erziehung zu bemächtigen und sagt, ob unter solchen Verhältnissen die Freiheit des Unterrichts nicht eine Schlinge ist.

Man müßte ein dickes Buch schreiben, um diese umfassende Frage und alle diejenigen, die sich daran knüpfen, abzuhandeln. Ich werde mich auf eine Erwägung beschränken und sage:

Unter einem freien Walten ist es nicht der Klerus, welcher den Unterricht unterjochen wird, sondern der Unterricht, welcher den Klerus unterjochen wird. Es ist nicht der Klerus, welcher das Jahrhundert mit seinem Bilde prägen wird, sondern das Jahrhundert, welches den Klerus mit seinem Bilde prägen wird.

Kann man zweifeln, dass der Unterricht, von den Fesseln der Universität befreit und durch den Wegfall der staatlichen Abschlüsse dem klassischen Konventionalismus entzogen, sich unter dem Sporn des Wetteifers auf neue und fruchtbare Bahnen werfen wird? Die freien Erziehungsanstalten, die mühsam zwischen den Lyzeen und Seminarien aufkommen werden, werden die Notwendigkeit fühlen, dem menschlichen Geist seine wahre Nahrung zu reichen, die Wissenschaft von dem, was die Dinge sind, und nicht die Wissenschaft von dem, was man vor zweitausend Jahren von ihnen sagte, zu wissen. „Das Altertum der Zeiten ist die Kindheit der Welt, sagt Baco, und eigentlich ist unsere Zeit weiter nichts, als das Altertum, die Welt, welche im Altwerden Wissen und Erfahrung erworben hat.“ Das Studium der Werke Gottes und der Natur in der sittlichen Ordnung und in der materiellen Ordnung, das ist der wahre Unterricht, derjenige, welcher in den freien Erziehungsanstalten herrschen wird. Die jungen Leute, welche ihn empfangen habe werden, werden sich durch die Kraft der Einsicht, die Sicherheit des Urteils und das Geschick für das praktische Leben den abscheulichen kleinen Rhetoren überlegen zeigen, welche die Universität und der Klerus mit ebenso falschen als verjährten Doktrinen übersättigt haben werden. Während die einen für die sozialen Geschäfte unseres Zeitalters vorbereitet sein werden, werden die andern darauf beschränkt sein, zunächst wo möglich das zu vergessen, was sie gelernt haben, dann aber das zu lernen, was sie wissen müssen. Solchen Ergebnissen gegenüber werden die Familienväter die freien Schulen voller Kraft und Leben diesen anderen Schulen, welche der Sklaverei des Schlendrians erliegen, vorziehen.

Was wird dann geschehen? Der Klerus, immer ehrgeizig, seinen Einfluß zu bewahren, wird selbst kein anderes Hilfsmittel haben, als den Unterricht der Sachen an die Stelle des Unterrichts der Worte, das Studium der positiven Wahrheiten an die Stelle desjenigen der konventionellen Doktrinen und das Wesen an die Stelle des Scheins zu setzen.

Doch, um zu lehren, muss man wissen und um zu wissen, muss man lernen. Der Klerus wird also genötigt sein, die Richtung seiner eigenen Studien zu ändern und ein neuer Geist wird in die Seminare dringen. Glaubt man nun aber, dass eine andere Nahrung nicht auch andere Naturen schaffe? Denn, beachtet dabei, es handelt sich hier nicht allein davon, den Stoff, sondern auch die Methode des klerikalischen Unterrichts zu ändern. Die Kenntnis der Werke Gottes und der Natur wird durch andere geistige Prozesse als diejenige der Theogonien erworben. Die Tatsachen und ihre Verkettung zu beobachten ist etwas; einen Ausdruck Tabu ohne Prüfung annehmen und daraus Folgerungen zu ziehen, ist etwas anderes. Wenn die Wissenschaft der Intuition folgt, so tritt die Prüfung an die Stelle der Autorität und die philosophische Methode an die Stelle der dogmatischen Methode; ein anderes Ziel erfordert eine andere Verfahrensweise und andere Verfahrensweisen geben dem Geist andere Gewohnheiten.

Es kann also kein Zweifel bestehen, dass die Einführung der Wissenschaft in die Seminare, das unausweichliche Ergebnis der Unterrichtsfreiheit, die Folge haben muss, in diesen Instituten auch die geistigen Gewohnheiten umzugestalten. Und das ist, wie ich überzeugt bin, die Morgenröte einer großen und wünschenswerten Revolution, derjenigen nämlich, welche die religiöse Einheit verwirklichen wird.

Ich sagte oben, dass der klassische Konventionalismus aus uns allen lebendige Widersprüche mache, Franzosen durch Notwendigkeit und Römer durch die Erziehung. Könnte man nicht auch sagen, dass wir in religiöser Beziehung lebendige Widersprüche sind?

Wir fühlen in unserem Herzen eine unwiderstehliche Macht, welche uns zur Religion drängt; und gleichzeitig fühlen wir in unserem Geist eine nicht weniger unwiderstehliche Kraft, welche uns von ihr entfernt, und um so mehr, das ist eine Tatsache, je gebildeter der Geist ist, so dass ein großer Lehrer sagen konnte: Litterati minus credunt.

Ach! dies ist eine traurige Erscheinung! Seit einiger Zeit besonders hören wir schweres Seufzen über die Abnahme des religiösen Glaubens, und merkwürdiger Weise sind selbst diejenigen, die in ihrer Seele sogar den letzten Funken des Glaubens haben erlöschen lassen, am meisten geneigt, den Zweifel frech zu finden … bei anderen. „Unterwirf Deine Vernunft, sagen sie dem Volk, sonst ist alles verloren. Es sagt mir zu, mich auf die meinige zu verlassen, denn sie ist von einem besonderen Schlage, und um die zehn Gebote zu befolgen, brauche ich sie nicht für offenbart zu halten. Selbst wenn ich etwas davon abwich, so ist das Übel nicht groß; aber bei Dir ist es anders, Du kannst sie nicht brechen, ohne die Gesellschaft in Gefahr zu bringen … und meine Ruhe.“

So sucht die Furcht ihre Zuflucht in der Heuchelei. Man glaubt nicht, aber man gibt sich den Anschein, zu glauben. Während der Skeptizismus zugrunde liegt, zeigt sich eine berechnende Religiosität an der Oberfläche, und das ist ein neuer Konventionalismus, und von der schlimmsten Art, der den menschlichen Geist entehrt.

Und doch ist nicht alles Heuchelei in dieser Sprache. Obgleich man nicht alles glaubt, obgleich man nichts erfüllt, gibt es im Grunde des Herzens, wie Lamennais sagt, eine Wurzel des Glaubens, die niemals vertrocknet.

Woher kommt diese seltsame und gefährliche Lage? Mag sie nicht daher kommen, dass sich den ursprünglichen und wesentlichen religiösen Wahrheiten, welcher alle Sekten und alle Schulen mit einer gemeinsamen Zustimmung beipflichten, mit der Zeit Institutionen, Übungen und Gebräuche beigesellt haben, welche der Verstand, so gern er es auch täte, nicht gelten lassen kann? Und haben diese menschlichen Zutaten im Geist der Klerus selbst irgendeine andere Stütze als den Dogmatismus, durch welchen er sie an die ursprünglichen, nicht bestrittenen, Wahrheiten anknüpft.

Die religiöse Einheit wird stattfinden, aber sie wird nur stattfinden, wenn jede Sekte diese parasitischen Institutionen, worauf ich hindeutete, aufgegeben haben wird. Man erinnere sich, dass Bossuet wenig Gewicht auf dieselben legte, als er mit Leibnitz über die Mittel, alle christlichen Konfessionen zur Einheit zurückzuführen, verhandelte. Würde das, was dem großen Lehrer des siebzehnten Jahrhunderts als möglich und gut erschien, von den Lehrern des neunzehnten für zu kühn erachtet werden? Wie dem auch sein mag, so wird die Freiheit des Unterrichts, indem sie andere geistige Gewohnheiten in den Klerus eindringen läßt, ohne Zweifel eins der mächtigsten Werkzeuge der großen religiösen Erneuerung sein, die künftighin allein die Gewissen befriedigen und die Gesellschaft retten kann.

Die Gesellschaften bedürfen der Moral so sehr, dass die Körperschaft, welche sich im Namen Gottes als ihre Inhaberin und Spenderin aufwirft, einen Einfluß ohne Grenzen auf dieselben erlangt. Nun zeigt die Erfahrung, dass nichts die Menschen mehr verdirbt, als der unumschränkte Einfluß. Es kommt also eine Zeit, wo, anstatt dass die Priesterschaft fortwährend nur das Werkzeug der Religion ist, die Religion das Werkzeug der Priesterschaft wird. Von diesem Augenblick an dringt ein unseliger Antagonismus in die Welt ein. Der Glauben und der Verstand, jeder für sich, ziehen alles an sich. Der Priester hört nicht auf, den heiligen Wahrheiten Irrtümer hinzuzufügen, die er für nicht weniger heilig erklärt, und bietet so dem Widerspruch des Laien immer stärkere Anlässe und immer ernstere Gründe dar. Der eine sucht dem Falschen mit dem Wahren Eingang zu verschaffen. Der andere erschüttert das Wahre mit dem Falschen. Die Religion wird Aberglaube und die Philosophie Unglaube. Zwischen diesen beiden Extremen schwankt das Maß des Zweifels, und die Menschheit geht sozusagen durch eine kritische Epoche. Inzwischen wird der Abgrund immer tiefer und der Kampf geht weiter, nicht allein eines Menschen gegen den anderen, sondern auch in dem Gewissen eines jeden Menschen mit verschiedenen Wechselfällen. Wenn eine politische Erschütterung die Gesellschaft in Schrecken gesetzt hat, so wirft sich diese aus Furcht auf die Seite des Glaubens; eine Art heuchlerische Religiosität kommt auf und der Priester hält sich für den Sieger. Aber die Ruhe hat sich kaum wieder gezeigt, der Priester hat kaum versucht, sich den Sieg zu Nutze zu machen, als der Verstand seine Rechte wieder geltend macht und sein Werk wieder anfängt. Wann wird nun diese Anarchie aufhören? Wann wird das Bündnis zwischen dem Verstand und des Glauben besiegelt werden?  —
Wenn der Glaube nicht mehr eine Waffe sein wird; wenn die Priesterschaft wieder, was sie sein soll, das Werkzeug der Religion geworden und die Formen welche ihr Vorteil bringen, gegen das Wesen, welches der Menschheit Vorteil bringt, aufgegeben haben wird. Dann kann man nicht bloß sagen, dass die Religion und die Philosophie Schwestern sind, man wird sagen müssen, dass sie zur Einheit zusammenfließen.

Doch ich steige aus diesen erhabenen Regionen herab und, wieder zu den Universitätsabschlüssen zurückkehrend, frage ich mich, ob der Klerus eine große Abneigung empfinden wird, die gewohnheitsmäßigen Bahnen des klassischen Unterrichts, eines Unterrichts, zu welchem er überdies keineswegs verpflichtet ist, aufzugeben.

Es wäre seltsam, wenn der platonische Kommunismus, das Heidentum, die durch die Sklaverei und das Raubsystem gebildeten Ideen und Sitten, die Oden des Horaz und die Metamorphosen des Ovid ihre letzten Verteidiger und Lehrer unter den Priestern Frankreichs fänden. Es ist nicht meine Sache, ihnen Ratschläge zu erteilen. Aber sie werden mir wohl erlauben, hier die Stelle aus einem Journal, welches wenn ich mich nicht täusche, von Geistlichen redigiert wird, anzuführen:

Wer sind denn, unter den Lehrern der Kirche, die Verteidiger des heidnischen Unterrichts? Ist es der heilige Clemens, welche geschrieben hat, dass die profane Wissenschaft Obst und Konfekt ist, die man nur zum Ende der Mahlzeit auftragen soll? Ist es Origines, welche er geschrieben hat, dass es in den vergoldeten Schalen der heidnischen Poesie tödliche Gifte gibt? Ist es Tertullian, welcher die heidnischen Philosophen die Patriarchen der Ketzer nennt: patriarchae heriticorum? Ist es der heilige Irenäus, welche erklärt, dass Plato das Salz aller Ketzereien gewesen sei? Ist es Lactantius, welcher bekundete, dass zu seiner Zeit die gelehrten Männer diejenigen waren, die den wenigsten Glauben hatten? Ist es der heilige Ambrosius, wenn er sagt, dass es sehr gefährlich für die Christen sei, sich mit der profanen Beredsamkeit zu beschäftigen? Ist es der heilige Hieronymus endlich, welcher in seinem Briefe an Eusochia, worin er mit Entschiedenheit das Studium der Heiden verdammte, sagte: Was gibt es Gemeinsames zwischen dem Licht und der Finsternis? Welcher Zusammenhang kann zwischen Christus und Belial bestehen? Was hat Horaz mit dem Psalter, Virgil mit dem Evangelium zu tun? …
Der heilige Hieronymus, welcher die Zeit, die er in seiner Jugend auf das Studium der heidnischen Wissenschaften verwendet hat, so schmerzlich bedauert: „Unglücklicher, der ich war, ich versagte mir die Nahrung, um ich vom Cicero nicht zu trennen; vom frühen Morgen an hatte ich den Plautus in Händen. Wenn ich zuweilen, wieder in mich gehend, mit dem Lesen der Propheten anfing, so erschien mir ihr Stil ungebildet, und weil ich blind war, so leugnete ich das Licht.“

Aber hören wir, was der heilige Augustin spricht:

Die Studien, durch welche ich dahin gelangte, die Schriften der anderen zu lesen und zu schreiben, was ich denke, waren doch viel nützlicher und viel solider, als diejenigen, denen obzuliegen man mich seitdem nötigte, welche die Abenteuer eines gewissen Äneas betrafen und welche mich über das Schicksal der aus Liebe sterbenden Dido weinen machten, während ich selbst, meine eigenen Fehler vergessend, den Tod in diesem unseligen Lesen entdeckte … Dennoch nennt man diese Torheiten die schönen und ehrenhaften Wissenschaften. Tales dementiae honestiores et uberiores litterae putantur … Mögen sie gegen mich schreien, diese Verkäufer der schönen Wissenschaften, ich fürchte sie nicht, und ich lasse mir angelegen sein, die schlechten Wege, denen ich gefolgt bin, zu verlassen … Zwar habe ich von diesem Studien viele Aussprüche, die zu wissen nützlich sind, empfangen, aber das alles kann auch anderswo als in diesen frivolen Schriften erlernt werden, und man sollte die Kinder auf einen weniger gefährlichen Weg führen. Aber o! verfluchter Strom der Gewohnheit, wer wagt es, sich Dir zu widersetzen!
Hat man nicht, um Deinem Lauf zu folgen, mich die Geschichte Jupiters lesen lassen, der zu gleicher Zeit den Blitz in Händen hat und den Ehebruch begeht? Man weiß wohl, dass das unvereinbar ist; aber mit Hilfe dieses falschen Donners vermindert man den Abscheu, welchen der Ehebruch einflößt und man veranlasst die jungen Leute, die Handlungen eines verbrecherischen Gottes nachzuahmen.

Und doch, o höllischer Strom, stürzt man alle Kinder in Deine Fluten, man macht aus diesem sträflichen Gebrauch eine große Angelegenheit. Dies geschieht öffentlich, unter den Augen der Obrigkeit, gegen einen bedungenen Lohn …
Das war der Wein des Irrtums, den uns in unserer Jugend trunkene Lehrer reichten; sie züchtigten uns, wenn wir uns weigerten, uns davon zu tränken und wir konnten von ihrem Urteil nicht Berufung einlegen auf irgendeinen anderen Richter, der nicht wie sie trunken war. So war meine Seele die Beute der unreinen Geister, denn es gibt nicht bloß eine Art, wie man den Teufeln opfert.

Diese so beredten Klagen, fügt das katholische Blatt hinzu, diese so bittere Kritik, dies so harten Vorwürfe, diese so rührende Reue, diese so treffenden Ratschläge, sind sie nicht ebenso an unser Jahrhundert gerichtet als an dasjenige, für welches der heilige Augustin schrieb? Behält man nicht unter dem Namen des klassischen Unterrichts dasselbe System der Studien bei, gegen welches der heilige Augustin sich mit solcher Kraft erhebt? Hat dieser Strom des Heidentums nicht die Welt überschwemmt? Stürzt man nicht jedes Jahr Tausende von Kindern in seine Fluten, die dort den Glauben, die Sitten, das Gefühl der menschlichen Würde, die Liebe der Freiheit, die Kenntnis ihrer Rechte und ihrer Pflichten verlieren, die aus denselben heraufsteigen ganz erfüllt von den falschen Ideen des Heidentums, von seiner falschen Moral, von seinen falschen Tugenden, so wie von seinen Lastern und von seiner tiefen Verachtung gegen die Menschheit?

Und diese schreckliche moralische Unordnung geht nicht aus einer Verkehrtheit individueller, ihrem freien Belieben überlassener Launen hervor. Nein, sie ist gesetzlich durch den Mechanismus der Universitätsabschlüsse auferlegt. Herr von Montalembert selbst, der nur bedauert, dass das Studium der antiken Wissenschaften nicht intensiv genug wäre, führte die Berichte der Inspektoren und Dekane der Fakultäten an. Einstimmig bekunden sie den Widerstand, ich möchte beinahe sagen, das Aufbegehren der öffentlichen Meinung gegen eine so unsinnige und verderbliche Tyrannei. Alle bekunden, dass die französische Jugend mit einer mathematischen Genauigkeit berechnet, was man in den Klassischen Studien von ihnen verlangt, und was man ihnen gestattet, nicht zu wissen, und dass sie genau bei der Grenze Halt macht, wo sie die Abschlüsse erlagen kann. Ist es ebenso in anderen Zweigen der menschlichen Wissens, oder ist es nicht ganz allgemein bekannt, dass auf zehn Zugelassene hundert Kandidaten kommen, die alle weiter sind, als die Eingangsvoraussetzungen fordern? Möge doch der Gesetzgeber die öffentliche Meinung und den Zeitgeist etwas berücksichtigen.

Ist es ein Barbar, ein Welscher, ein Gepide, der es hier wagt, das Wort zu nehmen? Missachtet er die außerordentliche Schönheit der vom Altertum hinterlassenen Denkmale oder die Dienste, welche die griechischen Demokratien der Sache der Zivilisation geleistet haben?

Nein, sicherlich nicht, er kann nicht oft genug wiederholen, dass er vom Gesetz nicht verlangt, sie zu ächten, sondern sie nicht zu ächten. Es lasse den Bürgern Freiheit. Sie werden schon verstehen, die Geschichte wieder in ihr wahres Licht zu setzen, das zu bewundern, was der Bewunderung würdig ist, das zu brandmarken, was Verachtung verdient, und sich von dem klassischen Konventionalismus, dieser verderblichen Seuche der modernen Gesellschaften, freizumachen. Unter dem Einfluß der Freiheit werden die Naturwissenschaften und die profanen Wissenschaften, das Christentum und das Heidentum schon wissen, sich in der Erziehung den rechten gebührenden Anteil zu verschaffen, und so wird sich zwischen Ideen, Sitten und Interessen Harmonie einstellen, die für Gewissen wie für die Gesellschaft, Bedingung der Ordnung ist.

Das Gesetz

Das Gesetz — pervertiert!

Das Gesetz — und mit ihm die Kollektivgewalt der Nation — das Gesetz, sage ich, nicht nur seinem Ziel entfremdet, sondern eingesetzt, ein ganz gegenteiliges Ziel zu verfolgen!
Das Gesetz als Instrument aller Begehrlichkeiten, anstatt ihr Zügel zu sein!
Das Gesetz selbst als Vollzieher der Ungerechtigkeit, welche zu bestrafen seine Aufgabe war!

Sicherlich ist dies ein schwerwiegender Tatbestand, wenn er besteht, weshalb es mir erlaubt sein muss, die Aufmerksamkeit meiner Mitbürger auf ihn zu richten.

Wir erhalten von Gott das Geschenk, das für uns alle anderen einschließt: das Leben — das körperliche, geistige und moralische Leben. Aber das Leben erhält sich nicht von selbst. Der es uns gegeben hat, hat uns die Sorge übertragen, es zu erhalten, weiterzuentwickeln, es zu vervollkommnen.

Dafür hat er uns mit vielen wunderbaren Fertigkeiten versehen; er hat uns in ein Umfeld verschiedenster Elemente gesetzt. Durch die Anwendung unserer Fertigkeiten auf diese Elemente ereignet sich das Phänomen der Aneignung, des Erwerbs, mit dem das Leben seinen ihm bestimmten Kreis durchläuft.

Existenz, Fertigkeiten, Erwerb — mit anderen Worten: Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum. Sieh da: der Mensch.

Diese drei Dinge sind es, von denen wir fern aller Demagogie sagen können, dass sie aller menschlichen Gesetzgebung vorhergehen und darüber stehen.

Nicht weil die Menschen Gesetze erlassen haben, gibt es Persönlichkeit, Freiheit und Eigentum. Im Gegenteil, weil Persönlichkeit, Freiheit und Eigentum vorherbestehen, erlassen die Menschen Gesetze.

Was ist also das Gesetz? Wie ich es schon anderweitig gesagt habe, ist es die gemeinschaftliche Organisation des individuellen Rechtes auf legitime Verteidigung.

Jeder von uns hat sicher von Natur — von Gott — das Recht, seine Person zu verteidigen, seine Freiheit, sein Eigentum. Denn dies sind die drei grundlegenden oder bewahrenden Elemente des Lebens, Elemente, die einander ergänzen, und die man nicht von einander trennen kann. Denn was sind unsere Fertigkeiten, wenn nicht ein Ausdruck unserer individuellen Persönlichkeit, und was ist das Eigentum, wenn nicht ein Ausdruck unserer Fertigkeiten?

Wenn jeder Mensch das Recht hat, seine Person, seine Freiheit, sein Eigentum sogar mit Gewalt zu verteidigen, so haben mehrere Menschen das Recht, sich abzusprechen, sich zu verständigen, eine Kollektivgewalt zu bilden, um geregelt für diese Verteidigung zu sorgen.

Das kollektive Recht hat daher sein Prinzip, seine Daseinsberechtigung, seine Legitimation im individuellen Recht; und die Kollektivgewalt kann vernünftiger Weise kein anderes Ziel, keine andere Aufgabe haben, als die Einzelkräfte, die sie ersetzt.

Ebenso wie die Gewalt eines Individuums nicht legitim auf die Person, die Freiheit, das Eigentum eines anderen Individuums übergreifen kann, kann aus dem selben Grund die Kollektivgewalt nicht legitim angewendet werden, um die Person, die Freiheit, das Eigentum von Individuen oder Klassen zu zerstören.

Denn diese Perversion der Macht wäre, in dem einen wie dem anderen Fall, im Widerspruch mit unseren Prämissen. Wer wird zu sagen wagen, dass uns die Gewalt gegeben ist, nicht um unsere Rechte zu verteidigen, sondern um die gleichen Rechte unseren Brüdern zu verweigern? Und wenn dies für jede individuelle Gewalt, die isoliert handelt, nicht richtig ist, wie könnte es bei der Kollektivgewalt wahr sein, die nur die organisierte Vereinigung von Einzelkräften ist.

Wenn also etwas klar ist, dann das Folgende: Das Gesetz ist die Organisation des natürlichen Rechtes auf legitime Verteidigung, es ist die Ablösung der individuellen Gewalt durch eine Kollektivgewalt, um in dem Bereich zu handeln, wo die individuelle Gewalt das Recht hat zu handeln, um das zu tun, was jene tun darf, um Personen, Freiheit, Eigentum zu garantieren, um jedem sein Recht zu wahren, um zwischen allen die GERECHTIGKEIT herrschen zu lassen.

Und existierte ein Volk, das auf dieser Basis gegründet ist, dann scheint mir dort Ordnung zu herrschen, in Taten wie in Gedanken. Es scheint mir, dies Volk hätte die einfachste Regierung, die billigste, am wenigsten drückende, am wenigsten spürbare, am wenigsten verantwortliche, die gerechteste, und folglich stabilste, die man sich vorstellen kann, was auch immer im Übrigen ihre Staatsform wäre.

Denn unter einer solchen Herrschaft verstünde jeder wohl, dass er alle Möglichkeiten wie auch die ganze Verantwortung für seine Existenz trägt. Wenn nur die Person respektiert wäre, die Arbeit frei und die Früchte der Arbeit gegen jeden ungerechten Zugriff gesichert, hätte niemand mit dem Staat zu schaffen. Im Glück freilich hätten wir nicht ihm für unseren Erfolg zu danken, das ist wahr; aber im Unglück rechneten wir unser Scheitern ihm genauso wenig zu, wie unsere Bauern ihm den Hagel oder den Nachtfrost zuschreiben. Wir würden ihn nur für das unschätzbare Gut der SICHERHEIT kennen.

Es ist auch sichergestellt, dass sich — weil der Staat nicht in die privaten Angelegenheiten eingreift  — die Bedürfnisse und ihre Befriedigung in natürlicher Weise entwickeln. Arme Familien strebten keine literarische Unterrichtung an, bevor sie Brot haben. Die Stadt wüchse nicht auf Kosten des Landes oder das Land auf Kosten der Städte. Es gäbe nicht so große Fehlallokationen von Kapital, Arbeit und Bevölkerung, wie sie durch gesetzliche Maßnahmen hervorgerufen werden, Fehlleitungen, die selbst die lebensnotwendige Versorgung so unsicher, so heikel machen und dadurch die Regierungen mit so außerordentlich schwerer Verantwortung belasten.

Unglücklicherweise hat sich das Gesetz nicht auf seine Rolle beschränkt. Es hat sich davon nicht einmal nur in neutraler und diskutabler Absicht davon entfernt. Es hat Schlimmeres getan: Es hat seinem eigentlichen Zweck entgegen gehandelt; es hat sein eigentliches Ziel zerstört; es hat sich verwenden lassen, die Gerechtigkeit zu verweigern, die es zur Geltung bringen sollte, jene Grenze zwischen den Rechten auszulöschen, der es Respekt verschaffen sollte; es hat die Kollektivgewalt denen dienstbar gemacht, die ohne Risiko und ohne Skrupel die Person, die Freiheit oder das Eigentum der anderen ausbeuten wollen; es hat den Raub in Recht verwandelt, um ihn zu schützen, und die legitime Verteidigung in ein Verbrechen, um es zu bestrafen.

Wie hat sich diese Perversion des Gesetzes vollzogen? Was waren ihre Folgen?

Das Gesetz hat sich pervertiert aus zwei ganz verschiedenen Gründen: aus primitivem Egoismus und falscher Menschenliebe.

Reden wir von dem Ersten.

Sich zu erhalten, sich zu entwickeln, sind alle Menschen gleichermaßen bestrebt, so sehr dass, wenn nur jeder die freie Ausübung seiner Fertigkeiten und die freie Verfügung über ihre Produkte genösse, der soziale Fortschritt unaufhörlich wäre, ununterbrochen, unfehlbar.

Aber es gibt eine andere Neigung, die auch alle gleichermaßen haben. Dies ist, wenn möglich, auf Kosten anderer zu leben und weiterzukommen. Ich unterstelle dies nicht einfach mal so in vergrämter, pessimistischer Laune. Die Geschichte zeugt davon: mit unaufhörlichen Kriegen, Völkerwanderungen, kirchlicher Unterdrückung, allgemeiner Verbreitung der Sklaverei, industriellen Betrugsfällen und Monopolen; Dinge, von denen ihre Annalen voll sind.

Diese verhängnisvolle Neigung liegt in der Verfassung des Menschen selbst, in diesem Gefühl – primitiv, universell, unüberwindlich – das ihn zum Wohlbefinden drängt und den Schmerz meiden lässt.

Der Mensch kann nur leben und genießen durch beständige Aneignung, durch beständigen Erwerb, das heißt durch eine beständige Anwendung seiner Fertigkeiten auf die Dinge, anders gesagt durch Arbeit. Daher das Eigentum.

Jedoch kann er tatsächlich leben und genießen, indem er sich die Produkte der Fertigkeiten von seinesgleichen aneignet und sie für sich verwertet. Daher der Raub.

Nun, da die Arbeit an sich eine Qual ist, und der Mensch natürlich geneigt, die Qual zu meiden, so führt dies dazu – die Geschichte bezeugt es  — dass überall, wo der Raub weniger mühsam ist als die Arbeit, er auch Überhand nimmt; er nimmt Überhand, ohne dass Religion oder Moral ihn dann daran hindern könnten.

Wann also hört der Raub auf? Wenn er mühsamer, gefährlicher wird als die Arbeit.

Ganz offensichtlich war es Ziel des Gesetzes, dieser verhängnisvollen Neigung das mächtige Hindernis der Kollektivgewalt entgegenzusetzen; es sollte Partei nehmen für das Eigentum und gegen den Raub.

Aber das Gesetz wird meistens von einem Mann oder von einer Klasse von Menschen gemacht. Und weil das Gesetz nicht ohne Sanktion existiert, nicht ohne Sicherung durch eine überlegene Gewalt, kann es nicht ausbleiben, dass es diese Gewalt  schließlich in die Hände derer legt, die Gesetze erlassen.

Dieses unvermeidbare Phänomen, in Verbindung mit der verhängnisvollen Neigung, die wir im menschlichen Herzen aufgefunden haben, erklärt die fast allgemeine Perversion des Gesetzes. Anstatt ein Zügel für die Ungerechtigkeit zu sein wird es zu einem Instrument und dem unbezwingbarsten Instrument der Ungerechtigkeit. Offenbar zerstört es – je nach Macht des Gesetzgebers – zu dessen Vorteil den übrigen Menschen in unterschiedlichem Grade die Persönlichkeit durch Sklaverei, die Freiheit durch Unterdrückung, das Eigentum durch Raub.

Es liegt in der Natur der Menschen, sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren, deren Opfer sie sind. Solange daher die Ausbeutung durch das Gesetz zum Vorteil der Klassen, die es erlassen, organisiert ist, neigen alle ausgebeuteten Klassen dazu auf friedlichem oder revolutionärem Wege auch ein bißchen auf die Gestaltung des Gesetzes Einfluss zu nehmen. Diese Klassen können, je nach dem Grad der Aufklärung, zu dem sie gelangt sind, sich zwei ganz verschiedene Ziele setzen, wenn sie die Eroberung ihrer politischen Rechte verfolgen: Entweder wollen sie den legalen Raub aufhören lassen oder sie wollen daran teilnehmen.

Unglück, dreimal Unglück für die Nationen, wo dieser letztere Gedanke unter den Massen vorherrscht, wenn sie sich ihrerseits der legislativen Macht bemächtigen!

Bis jetzt hat sich der legale Raub von der kleinen Zahl gegen die große Zahl manifestiert, wie man es bei Völkern sieht, wo das Recht Gesetz zu geben in wenigen Händen konzentriert ist. Doch nun liegt dieses Recht bei allen, und wir suchen das Gleichgewicht in dem allgemeinen Raub. Anstatt auszumerzen, was die Gesellschaft an Ungerechtigkeit enthielt, verallgemeinern wir sie. Sobald die enterbten Klassen ihre politischen Rechte entdeckten, war der erste Gedanke, der sie ergriff, nicht, sich von dem Raub zu befreien (das setzte bei ihnen Einsicht voraus, die sie nicht haben konnten), sondern vielmehr gegen die anderen Klassen und zu ihrem eigenen Nachteil ein System von Repressalien zu organisieren, – als müsste bevor das Reich der Gerechtigkeit kommt, alle eine grausame Vergeltung treffen, die einen wegen ihrer Ungerechtigkeit, die anderen wegen ihrer Unwissenheit.

Es konnte also in der Gesellschaft keine größere Veränderung und kein größeres Unglück aufkommen als dieses: Die Wandlung des Gesetzes in ein Instrument des Raubes.

Was sind die Auswirkungen einer solchen Verwirrung? Es bräuchte Bände, um sie alle zu beschreiben. Geben wir uns zufrieden, die brennendsten zu nennen.

Die erste ist, dass die Menschen den Sinn für Recht und Unrecht verlieren.

Keine Gesellschaft kann existieren, wenn dort nicht in gewissem Grade Respekt vor den Gesetzen herrscht. Aber am sichersten werden die Gesetze respektiert, wenn sie respektabel sind. Wenn Gesetz und Moral einander widersprechen, findet sich der Bürger vor der grausamen Wahl, entweder das Gefühl für Moral zu verlieren oder den Respekt vor dem Gesetz, zwei gleich große Übel, das eine wie das andere, zwischen denen schwer zu wählen ist.

Es liegt so sehr in der Natur des Gesetzes, die Gerechtigkeit herrschen zu lassen, dass Gesetz und Gerechtigkeit im Denken der Massen eins sind. Wir sind alle entschieden geneigt, was legal ist für legitim zu halten, bis zu dem Punkt, dass viele fälschlich alle Gerechtigkeit vom Gesetz ableiten. Es reicht also, dass das Gesetz den Raub anordnet und heiligt, um den Raub für viele Gewissen gerecht und geheiligt erscheinen zu lassen. Die Sklaverei, die Einfuhrschranken, das Monopol finden nicht nur unter denen Verteidiger, die davon profitieren, sondern ebenso unter denen, die darunter leiden. Versuchen Sie, irgendwelche Zweifel an der Moralität dieser Einrichtungen vorzutragen! Sie sind, werden sie sagen, ein gefährlicher Neuerer, ein Utopist, ein Theoretiker, ein Verächter der Gesetze. Sie erschüttern den Grund, auf dem die Gesellschaft ruht. Halten Sie eine Vorlesung über Moral oder Wirtschaftspolitik? Dann werden sich öffentliche Körperschaften finden, die der Regierung folgende Petition zukommen lassen:

Dass die Wissenschaft künftig nicht mehr unter dem alleinigen Gesichtspunkt des Freihandels (der Freiheit, des Eigentums, der Gerechtigkeit) gelehrt werde, wie dies bisher geschah, sondern auch und vor allem unter dem Gesichtspunkt der Tatsachen und der Gesetzgebung (im Widerspruch zu Freiheit, Eigentum, Gerechtigkeit), die die französische Industrie regeln.

Dass auf öffentlichen Lehrstühlen, die aus dem Staatshaushalt bezahlt werden, Professoren ganz und gar unterlassen, den geringsten Angriff gegen den Respekt vor den geltenden Gesetzen zu unternehmen.

So dass, existierte ein Gesetz, das die Sklaverei sanktioniert oder das Monopol, die Unterdrückung oder den Raub irgendeiner Art, es nicht einmal erlaubt wäre, davon zu sprechen. Denn wie davon sprechen, ohne den Respekt zu erschüttern, den es einflößt? Noch mehr, Moral und  Wirtschaftspolitik müssten unter dem Gesichtspunkt dieses Gesetzes gelehrt werden, das heißt unter der falschen Voraussetzung, dass es dadurch allein gerecht ist, dass es Gesetz ist.

Eine andere Wirkung dieser bedauerlichen Perversion des Gesetzes ist es, den politischen Leidenschaften und Kämpfen und allgemein der Politik im eigentlichen Sinne eine übertriebene Bedeutung zu geben.

Ich könnte diese Behauptung auf tausenderlei Weise beweisen. Ich beschränke mich beispielhaft darauf, sie durch ein Thema nahezubringen, das kürzlich alle Geister bewegt hat: Das allgemeine Wahlrecht.

Was auch immer die Zöglinge der Schule Rousseaus, die für sehr fortschrittlich gelten und die ich für zwanzig Jahrhunderte zurück halte, darüber denken mögen, das allgemeine Wahlrecht (dies Wort in seiner rigorosen Bedeutung) ist nicht eines jener heiligen Dogmen, bei denen Prüfung oder Zweifel bereits Verbrechen sind.

Man kann ernste Bedenken dagegen vorbringen:

Zunächst beinhaltet das Wort allgemein einen groben Sophismus. Frankreich hat 36 Millionen Einwohner. Damit das Wahlrecht allgemein wäre, müsste es 36 Millionen Wählern zuerkannt werden. In dem ausgeweitetsten System erkennt man es nur 9 Millionen zu. Drei von vier Personen sind also ausgeschlossen und — mehr noch — von diesem letzten Viertel ausgeschlossen worden. Auf welchem Prinzip beruht dieser Ausschluss? Auf dem Prinzip der mangelnden Eignung. Allgemeines Wahlrecht heißt: allgemeines Wahlrecht für die Befähigten. Es bleiben folgende Fragen zur Sache: Wer sind die Befähigten? Das Alter, das Geschlecht, gerichtliche Verurteilungen, sind das die einzigen Anzeichen für mangelnde Eignung?

Bei näherer Betrachtung erkennt man leicht, warum das Wahlrecht Befähigung voraussetzt; worin sich das allgemeinste System von dem eingeschränktesten nur in den Merkmalen unterscheidet, an denen man diese Befähigung erkennen kann — was keinen Unterschied im Prinzip darstellt, sondern nur in der Ausprägung.

Der Grund ist, dass der Wähler nicht für sich, sondern für alle wählt.

Wenn, wie es die Republikaner griechischer und römischer Färbung vorgeben, uns das Wahlrecht mit dem Leben gegeben wäre, wäre es ungerecht von den Männern, Frauen und Kinder vom wählen auszuschließen. Warum schließt man sie aus? Weil sie für unfähig gelten. Und warum ist Unfähigkeit ein Motiv für den Ausschluss? Weil der Wähler bei seiner Wahl nicht nur für sich selbst Verantwortung trägt; weil jede Wahl die Gesellschaft im Ganzen berührt und bewegt; weil die Gesellschaft sehr wohl das Recht hat, gewisse Garantien zu fordern, wenn es um Handlungen geht, von denen ihr Wohlergehen und ihre Existenz abhängen.

Ich weiß, was man antworten kann. Ich weiß auch, was man darauf entgegnen könnte. Hier ist nicht der Ort, eine solche Auseinandersetzung auszutragen. Was ich aufzeigen möchte, ist, dass diese ganze Auseinandersetzung (so gut wie die meisten politischen Fragen), die die Völker bewegt, aufrührt und beunruhigt, fast ganz unwichtig würde, wenn das Gesetz stets das gewesen wäre, was es sein sollte.

In der Tat, wenn sich das Gesetz darauf beschränkte, allen Personen, allen Freiheiten, allen Besitztümern Respekt zu verschaffen, wenn es nur die Organisation des individuellen Rechtes auf legitime Verteidigung, die Schranke, der Zügel, die Züchtigung gegen alle Unterdrückungen wäre, gegen allen Raub, würden wir dann wohl unter Bürgern viel über mehr oder weniger allgemeines Wahlrecht diskutieren? Würde dies wohl das höchste Gut, den öffentlichen Frieden, in Frage stellen? Würden die ausgeschlossenen Klassen etwa nicht friedlich warten, bis sie an der Reihe sind? Würden die zugelassenen Klassen wohl sehr eifersüchtig auf ihr Privileg sein? Und ist es nicht klar, dass, wo doch das Interesse identisch und gemeinsam ist, die einen ohne große Verstimmungen für die anderen handeln würden?

Aber lassen Sie nur erst dies verhängnisvolle Prinzip sich einbürgern, dass das Gesetz — unter dem Vorwand der Organisation, der Regulierung, des Schutzes, der Förderung — von den einen nehmen kann, um anderen zu geben, aus dem von allen Klassen erworbenen Vermögen schöpfen kann, um das einer Klasse zu mehren; einmal das Vermögen der Bauern, einmal das der Handwerker, der Kaufleute, der Reeder, der Künstler, der Schauspieler! — Oh sicher, dann gibt es keine Klasse, die nicht mit Recht fordert, auch ihrerseits Hand an das Gesetz zu legen; die nicht mit Eifer ihr passives und aktives Wahlrecht fordert; eher die Gesellschaft umstürzt, als es nicht zu erhalten. Die Bettler und Vagabunden selbst werden uns beweisen, dass sie unanfechtbare Titel haben. Sie werden Ihnen sagen:

Wir kaufen niemals Wein, Tabak, Salz, ohne Steuer zu zahlen, und ein Teil dieser Steuer wird gesetzlich in Prämien, in Subventionen Leuten gegeben, die reicher sind als wir. Anderen dient das Gesetz dazu, den Brotpreis künstlich zu erhöhen, oder den für Fleisch, für Eisen, für Tuch. Da jeder das Gesetz zu seinem Nutzen ausbeutet, wollen wir es auch ausbeuten. Wir wollen das Recht auf Fürsorge aus ihm hervorgehen lassen, das ist die Beteiligung der Armen am Raub. Dafür müssen wir Wähler und Gesetzgeber sein, damit wir im Großen das Almosen für unsere Klasse organisieren, wie Ihr im Großen die Protektion für Eure organisiert habt. Sagt uns nicht, dass ihr uns unser Teil gebt, dass ihr uns, nach dem Antrag von Herrn Mimerel, eine Summe von 600 000 Franc auswerft, um uns zum Schweigen zu bringen — wie einen Knochen zum nagen. Wir haben anderen Ehrgeiz, und jedenfalls wollen wir für uns schachern wie die anderen Klassen für sich geschachert haben!

Was kann man auf dies Argument entgegnen? Ja, solange es prinzipiell anerkannt ist, dass das Gesetz von seiner wahren Aufgabe abgewendet werden kann, dass es Eigentum verletzen kann, anstatt es zu beschützen, wird jede Klasse das Gesetz machen wollen, sei es, um sich vor Ausbeutung zu schützen, sei es um sie ebenfalls zu ihrem Nutzen zu organisieren. Die politische Frage wird dann immer voller Vorurteil alles beherrschen und vereinnahmen. Mit einem Wort, man wird sich am Tor des Parlaments schlagen. Drinnen wird der Kampf wird nicht weniger heftig sein. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nicht einmal zu sehen, was sich in den Parlamenten in Frankreich und England abspielt. Man muss nur wissen, was in Frage steht.

Muss man noch beweisen, dass diese hässliche Perversion des Gesetzes ständig zu Hass und Zwietracht führt, die bis zur gesellschaftlichen Zerrüttung gehen können? Werfen wir einen Blick auf die Vereinigten Staaten. Dies ist das Land auf der Welt, wo das Gesetz am ehesten in seiner Rolle bleibt, jedem seine Freiheit und sein Eigentum zu garantieren. Es ist auch das Land der Welt, wo die gesellschaftliche Ordnung auf dem festesten Grund zu stehen scheint. Allerdings gibt es selbst in den Vereinigten Staaten zwei Fragen, und nur diese beiden, die seit Anbeginn mehrmals die politische Ordnung in Gefahr gebracht haben. Und was sind diese beiden Fragen? Die Sklaverei- und die Zollfrage, will sagen, genau die beiden einzigen Fragen, wo — entgegen dem allgemeinen Geist dieser Republik — das Gesetz räuberischen Charakter angenommen hat. Die Sklaverei ist eine durch das Gesetz sanktionierte Verletzung des Rechtes der Person. Der Schutzzoll ist eine vom Gesetz begangene Verletzung des Rechtes auf Eigentum. Und sicherlich ist sehr bemerkenswert, dass inmitten so vieler anderer Debatten, diese zweifache gesetzliche Plage, trauriges Erbe der alten Welt, das einzige ist, was den Bruch der Union herbeiführen kann und vielleicht herbeiführen wird. 1 Tatsächlich ist in einer Gesellschaft nichts Bedenklicheres vorstellbar als dieses: Dass das Gesetz ein Instrument der Ungerechtigkeit geworden ist. Und wenn dies so fürchterliche Folgen in den Vereinigten Staaten hat, wo es nur eine Ausnahme ist, was muss es in unserem Europa hervorbringen, wo es ein Prinzip, ein System ist?

Herr de Montalembert eignete sich den Gedanken einer berühmten Proklamation von Herrn Carlier an und sagte: Dem Sozialismus muss der Krieg erklärt werden. Und mit Sozialismus, muss man annehmen, bezeichnete er nach der Definition von Herrn Charles Dupin den Raub.

Aber von welchem Raub wollte er sprechen? Denn es gibt zwei Sorten von Raub. Es gibt den außergesetzlichen und den gesetzlichen Raub.

Den außergesetzlichen Raub, den man Diebstahl, Betrug nennt, denjenigen, der im Strafgesetzbuch erklärt und vorgesehen ist und bestraft wird, wahrlich, den kann man wohl nicht mit dem Namen Sozialismus schmücken. Dieser ist es nicht, der die Gesellschaft systematisch in ihren Grundfesten bedroht. Übrigens hat der Krieg gegen diese Art Raub nicht auf das Signal von Herrn de Montalembert oder Herrn Carlier gewartet. Er wird seit Anbeginn der Welt geführt; lange Zeit vor der Februarrevolution, lange Zeit vor dem Erscheinen des Sozialismus, hat Frankreich für ihn einen Apparat von Gerichten, Polizei, Gendarmerie, Gefängnissen, Zuchthäusern und Schafotts vorgesehen. Es ist das Gesetz selbst, das diesen Kampf führt, und nach meiner Meinung wäre wünschenswert, dass das Gesetz immer bei dieser Haltung gegenüber dem Raub bliebe.

Aber dem ist nicht so. Das Gesetz ergreift manchmal Partei für ihn. Manchmal vollzieht es ihn mit eigenen Händen, um dem Nutznießer die Scham, die Gefahr und den Skrupel zu ersparen. Manchmal macht es diesen ganzen Apparat von Gerichten, Polizei, Gendarmerie und Gefängnissen dem Räuber zu Diensten und behandelt den Beraubten, der sich verteidigt, als Verbrecher. Mit einem Wort, es gibt den gesetzmäßigen Raub, und von diesem spricht ohne Zweifel Herr de Montalembert.

Diese Art Raub kann in der Gesetzgebung eines Volkes ein vereinzelter Fehltritt sein. In diesem Falle ist das Beste, diesen ohne viel Aufhebens und Gejammer trotz der Klagen der Interessierten schnellstmöglich zu beseitigen. Wie erkennt man ihn? Das ist ganz einfach. Überprüfe, ob das Gesetz den einen nimmt, was ihnen gehört, um anderen zu geben, was ihnen nicht gehört. Überprüfe, ob das Gesetz zum Nutzen eines Bürgers und zum Schaden der anderen eine Handlung vornimmt, die der Bürger selbst nicht ohne Verbrechen vornehmen könnte. Beeilen Sie sich, dies Gesetz abzuschaffen. Es ist nicht nur eine Ungerechtigkeit, es ist eine ergiebige Quelle von Ungerechtigkeiten. Denn es ruft Repressalien hervor, und wenn Sie nicht aufpassen, wird sich die Ausnahme ausweiten, sich vervielfältigen und systematisch werden. Ohne Zweifel wird der Nutznießer laut schreien; er wird sich auf erworbene Rechte berufen. Er wird sagen, dass der Staat seiner Industrie Schutz und Förderung schuldet; er wird argumentieren, es sei gut, wenn der Staat ihn reicher macht, weil er, wenn er reicher ist, mehr ausgibt und so einen Regen von Löhnen über die armen Arbeiter strömen lässt. Hüten Sie sich, diesen Sophisten anzuhören, denn genau durch die Systematisierung dieser Argumente systematisiert sich der legale Raub.

Dies ist geschehen. Es ist die Chimäre des Tages, alle Klassen auf Kosten der anderen Klassen reicher zu machen; das heißt, den Raub allgemein zu machen, unter dem Vorwand, ihn zu organisieren. Der gesetzmäßige Raub kann sich nun auf unendlich viele Weisen vollziehen. Daher die unendliche Vielzahl von Organisationsplänen: Zölle, Protektion, Prämien, Subventionen, Förderungen, progressive Steuern, kostenloser Unterricht, Recht auf Arbeit, Recht auf Gewinn, Recht auf Lohn, Recht auf Unterstützung, Recht auf Arbeitsmittel, kostenloser Kredit, etc. Und es ist die Gesamtheit all dieser Pläne, in dem, worin sie übereinstimmen — dem gesetzmäßigen Raub — die Sozialismus heißt.

Wo nun der Sozialismus, so definiert, ein ideologisches Gebäude ist, welchen Krieg wollen Sie gegen ihn führen, wenn nicht einen ideologischen Krieg? Sie finden diese Ideologie falsch, absurd, abscheulich. Widerlegen Sie sie. Das wird Ihnen um so leichter fallen, um so falscher, absurder, abscheulicher sie ist. Vor allem, wenn Sie stark sein wollen, beginnen Sie damit, aus Ihrer Gesetzgebung all das auszumerzen, was sich dort an Sozialismus einschleichen konnte — und das ist keine geringe Aufgabe. Herrn de Montalembert wurde vorgeworfen, gegen den Sozialismus brutale Gewalt anwenden zu wollen. Von diesem Vorwurf muss man ihn entlasten, denn er hat wörtlich gesagt: Gegen den Sozialismus müssen wir Krieg führen, im Einklang mit dem Gesetz, der Ehre und der Gerechtigkeit.

Aber warum merkt Herr de Montalembert nicht, dass er sich in einem Teufelskreis befindet? Sie wollen dem Sozialismus das Gesetz entgegensetzen? Aber gerade der Sozialismus beruft sich auf das Gesetz. Er erstrebt nicht den außergesetzlichen sondern den gesetzlichen Raub. Es ist das Gesetz selbst, das er, wie die Monopolisten aller Art, gebrauchen möchte; und wenn er einmal das Gesetz für sich hat, wie wollen Sie das Gesetz gegen ihn wenden? Wie wollen sie es unter den Zugriff Ihrer Tribunale, Ihrer Gendarmen, Ihrer Gefängnisse stellen?

Außerdem, was machen Sie? Sie wollen ihn hindern, Hand an die Gestaltung der Gesetze zu legen. Sie wollen ihn aus dem Parlament heraushalten. Sie werden keinen Erfolg haben, das wage ich Ihnen vorherzusagen, solange drinnen Gesetze nach dem Prinzip des gesetzmäßigen Raubs verabschiedet werden. Das ist zu ungerecht, zu absurd.

Diese Frage des gesetzmäßigen Raubes muss unbedingt gelöst werden. Und es gibt dabei nur drei Lösungen:

  • dass die kleine Zahl die große Zahl beraubt,
  • dass jedermann jedermann beraubt,
  • dass niemand jemanden beraubt.

Partieller Raub, allgemeiner Raub, kein Raub, dazwischen man muss wählen. Das Gesetz kann nur eines dieser drei Ergebnisse verfolgen.

Partieller Raub — das ist das System, das vorwog, solange das Wahlrecht partiell war, das System, zu dem wir zurückkehren, um das Eindringen des Sozialismus zu verhindern.

Allgemeiner Raub — das ist das System von dem wir bedroht waren, seit das Wahlrecht allgemein geworden ist, als die Masse die Idee erfasst hatte, Gesetz zu geben nach dem Prinzip der Gesetzgeber, die ihr vorausgegangen waren.

Kein Raub — dies ist das Prinzip der Gerechtigkeit, des Friedens, der Ordnung, der Stabilität, der Versöhnung, der Vernunft, das ich mit aller — leider! ganz unzureichenden — Kraft meiner Lungen verkünden werde bis zu meinem letzten Atemzug.

Und ernsthaft, kann man von dem Gesetz etwas anderes fordern? Kann das Gesetz, das als notwendige Sanktion die Gewalt hat, vernünftigerweise zu etwas anderem in Anspruch genommen werden, als jedem sein Recht zu wahren? Ich bestreite, dass es aus diesem Zirkel entkommen kann, ohne dass man es verdreht und folglich die Gewalt gegen das Recht wendet. Und wie dies das Verhängnisvollste ist, die unlogischste gesellschaftliche Verwirrung, die man sich vorstellen kann, muss man wohl erkennen, dass die wahre viel gesuchte Lösung des sozialen Problems in die einfachen Worten zu fassen ist: DAS GESETZ IST DIE ORGANISIERTE GERECHTIGKEIT.

Nun merke wohl: Die Gerechtigkeit durch das Gesetz zu organisieren, das heißt durch Gewalt, schließt die Idee aus, durch das Gesetz oder mit Gewalt eine wie auch immer geartete inhaltliche Ausprägung menschlicher Aktivität zu organisieren: Arbeit, Wohltätigkeit, Landwirtschaft, Wirtschaft, Industrie, Bildung, Kultur, Religion. Denn eine solche nachgeordnete Organisation müsste notwendig die vorrangige Organisation zerstören. Wie kann Gewalt in die Freiheit der Bürger eingreifen, ohne einen Schlag gegen die Gerechtigkeit zu führen, ohne gegen ihr eigentliches Ziel zu handeln?

Hier stoße ich mich am populärsten Vorurteil unserer Zeit. Wir wollen nicht nur, dass das Gesetz gerecht ist; wir wollen auch noch, dass es philanthropisch ist. Wir geben uns nicht damit zufrieden, dass es jedem Bürger die freie und friedfertige Ausübung seiner Fertigkeiten garantiert, zu seiner körperlichen, geistigen und moralischen Entwicklung. Wir verlangen von ihm, dass es direkt Wohlergehen, Bildung und Moral über die Nation verbreitet. Dies ist die verführerische Seite des Sozialismus.

Aber, ich wiederhole es, diese zwei Aufgaben des Gesetzes widersprechen sich. Wir müssen uns entscheiden. Der Bürger kann nicht gleichzeitig frei sein und es nicht sein. Herr von Lamartine schrieb mir einmal: Ihre Lehre ist nur die Hälfte meines Programms; Sie sind bei der Freiheit stehengeblieben, ich bei der Brüderlichkeit. Ich habe ihm geantwortet: Die zweite Hälfte Ihres Programms zerstört die erste. Und in der Tat, es ist mir vollkommen unmöglich, das Wort Brüderlichkeit von dem Wort freiwillig zu trennen. Es ist mir vollkommen unmöglich, eine Brüderlichkeit zu begreifen, die gesetzlich erzwungen ist, ohne dass die Freiheit gesetzlich zerstört wird und die Gerechtigkeit gesetzlich mit Füßen getreten wird.

Der legale Raub hat zwei Wurzeln: Die eine, wie wir gerade gesehen haben, liegt im menschlichen Egoismus. Die andere liegt in der falschen Philanthropie.

Bevor ich fortfahre, muss ich wohl das Wort Raub erläutern.

Ich gebrauche es nicht, wie es oft geschieht, in einer vagen, unbestimmten, angenäherten, metaphorischen Bedeutung: Ich bediene mich seiner in einem gänzlich wissenschaftlichen Sinne, um die entgegengesetzte Idee zu der des Eigentums auszudrücken. Wenn ein Anteil der Reichtümer von demjenigen, der sie erworben hat, ohne seine Zustimmung und ohne Entschädigung zu dem wechselt, der sie nicht erzeugt hat, sei es mit Gewalt oder List, sage ich, es handele sich um einen Angriff auf das Eigentum, es handele sich um Raub. Ich sage, dass das Gesetz gerade dies immer und überall unterdrücken müsse. Und wenn das Gesetz selbst die Handlung vollzieht, die es unterdrücken müsste, sage ich, dass es sich nicht weniger um Raub handele, ja sogar, gesellschaftlich gesprochen, unter erschwerenden Umständen. Nur ist in diesem Fall nicht der, der von dem Raub profitiert, dafür verantwortlich, sondern das Gesetz, der Gesetzgeber, die Gesellschaft, und dies macht es zur politischen Gefahr.

Es ist bedauerlich, dass dies Wort etwas Verletzendes hat. Ich habe vergeblich ein anderes gesucht, denn nie und heute weniger denn je, wollte ich in unsere Auseinandersetzungen ein polarisierendes Schlagwort werfen. So erkläre ich, ob man es glaubt oder nicht, dass ich nicht die Absichten oder die Moral von irgend jemand in Frage stellen will. Ich greife eine Idee an, die ich für falsch halte, ein System, dass mir ungerecht scheint, und dies so ohne jede Absicht, dass jeder von uns davon Vorteil hat, ohne es zu wollen und darunter leidet, ohne es zu wissen. Nur unter dem Einfluss von Parteigeist oder von Furcht kann die Aufrichtigkeit von Protektionismus, Sozialismus oder sogar dem Kommunismus in Zweifel gezogen werden, die nur eine und dieselbe Pflanze sind, in drei verschiedenen Wachstumsphasen. Alles was man sagen könnte ist, dass der Raub im Protektionismus am sichtbarsten ist durch seine Parteilichkeit, im Kommunismus durch seine Universalität; daraus folgt, dass von den drei Systemen der Sozialismus noch das vageste, das unentschiedenste, und folglich das aufrichtigste ist.

Wie dem auch sei, wenn wir zu dem Schluss kommen, dass der legale Raub eine seiner Wurzeln in der fehlgeleiteten Philanthropie hat, stellt man offensichtlich die Absichten außer Frage.

Untersuchen wir nun, was dieses populäre Streben wert ist, woher es kommt und wohin es führt, das vorgibt, das allgemeine Wohl durch den allgemeinen Raub zu verwirklichen.

Die Sozialisten sagen uns: Wo doch das Gesetz die Gerechtigkeit organisiert, warum soll es nicht die Arbeit, die Bildung, die Religion organisieren?

Warum? Weil es die Arbeit, die Bildung, die Religion nicht zu organisieren wüsste, ohne die Organisation der Gerechtigkeit fallenzulassen.

Bemerken Sie doch, dass das Gesetz die Gewalt ist, und dass folglich der Bereich des Gesetzes nicht rechtmäßig den rechtmäßigen Bereich der Gewalt überschreiten darf.

Wenn Gesetz und Gewalt einen Menschen in den Grenzen der Gerechtigkeit halten, wird ihm nur eine reine Negation auferlegt. Er muss nur darauf verzichten zu schaden. Sie greifen weder seine Persönlichkeit, noch seine Freiheit, noch sein Eigentum an. Sie sichern nur Persönlichkeit, Freiheit und Eigentum des anderen. Sie beschränken sich auf die Verteidigung; sie verteidigen das gleiche Recht von allen. Sie erfüllen eine Aufgabe, deren Harmlosigkeit offensichtlich ist, deren Nützlichkeit unmittelbar, und deren Legitimität unbestritten.

Dies ist so wahr — darauf wies mich einer meiner Freunde hin —, dass wenn jemand sagt, das Ziel des Gesetzes sei, die Gerechtigkeit regieren zu lassen, er sich streng genommen nicht richtig ausdrückt. Es müsste heißen: Das Ziel des Gesetzes ist, die Ungerechtigkeit daran zu hindern zu regieren. In der Tat, nicht die Gerechtigkeit existiert eigentlich, sondern die Ungerechtigkeit. Die eine entsteht aus der Abwesenheit der anderen.

Aber wenn das Gesetz — mittels seines notwendigen Handlangers, der Gewalt — eine Art der Arbeit aufzwingt, eine Methode oder einen Inhalt der Bildung, einen Glauben oder einen Kult, dann nimmt es nicht mehr negativ sondern positiv Einfluss auf die Menschen. Es setzt den Willen des Gesetzgebers an die Stelle ihres eigenen Willens, die Initiative des Gesetzgebers an die Stelle ihrer eigenen Initiative. Sie müssen nicht mehr beraten, vergleichen, vorhersehen; das Gesetz macht all dies für sie. Die Intelligenz wird für sie ein unnützes Inventar. Sie hören auf, Menschen zu sein. Sie verlieren ihre Persönlichkeit, ihre Freiheit, ihr Eigentum.

Versuchen Sie, sich eine Form der Arbeit vorzustellen, die mit Gewalt auferlegt wird und kein Angriff auf die Freiheit ist; eine Umverteilung von Vermögen, die mit Gewalt auferlegt wird, und kein Angriff auf das Eigentum ist. Wenn Ihnen das nicht gelingt, geben Sie zu, dass das Gesetz nicht Arbeit und Industrie organisieren kann, ohne Ungerechtigkeit zu organisieren.

Wenn ein Publizist aus der Abgeschlossenheit seines Stübchens seine Blicke über die Gesellschaft schweifen lässt, ist er erschüttert von der Ungleichheit, die sich ihm darbietet. Er seufzt über die Leiden, die das Los so vieler unserer Brüder sind, Leiden, deren Anblick noch trauriger wird durch den Kontrast mit Luxus und Überfluss.

Er müsste sich vielleicht fragen, ob ein solcher gesellschaftlicher Zustand nicht historischen Raub durch Eroberung zur Ursache hat und neuen Raub über die Vermittlung der Gesetze. Er müsste sich fragen, ob — mit dem Streben aller Menschen nach Wohlergehen und Vervollkommnung — die Herrschaft der Gerechtigkeit nicht genügt, um den größten Fortschritt und die größte Gleichheit zu verwirklichen, die mit jener individuellen Verantwortung verträglich ist, die Gott als gerechten Lohn für Tugend und Laster gesetzt hat.

Er denkt nicht einmal daran. Sein Denken richtet sich auf gesetzliche oder künstliche Kombinationen, Arrangements, Organisationen. Er sucht das Heilmittel in der Verewigung und Übertreibung dessen, was das Übel erzeugt hat.

Denn gibt es abseits der Gerechtigkeit — die, wie wir gesehen haben, nur eine wahrhafte Negation ist — eine gesetzliche Regelung, die nicht das Prinzip des Raubes einschlösse?

Sie sagen: Da sind Arme, — und Sie wenden sich an das Gesetz. Aber das Gesetz ist keine Brust, die sich von selbst füllt, oder deren Milchdrüsen sich anderswo als in der Gesellschaft füllen. Es fließt nichts in den Staatshaushalt, zu Gunsten eines Bürgers oder einer Klasse, als was andere Bürger und andere Klassen gezwungen waren dort hineinzugeben. Wenn jeder nur das Äquivalent dessen entzöge, was er hineingetan hat, dann ist Ihr Gesetz freilich nicht räuberisch, aber es tut nichts für die Armen, es tut nichts für die Gleichheit. Es kann nur insoweit Instrument der Gleichstellung sein, als es den einen nimmt, um anderen zu geben, und dann ist es ein Instrument des Raubes. Untersuchen Sie aus diesem Blickwinkel Schutzzoll, Förderungsprämien, Recht auf Gewinn, Recht auf Arbeit, Recht auf Unterstützung, Recht auf Bildung, progressive Steuer, Gratiskredit, Genossenschaftswerkstätten, immer werden Sie auf dem Grund den legalen Raub finden, die organisierte Ungerechtigkeit.

Sie sagen: Da sind Menschen ohne Bildung, — und Sie wenden sich an das Gesetz. Aber das Gesetz ist keine Fackel, die weithin ein ihr eigenes Licht verbreitet. Es beruht auf einer Gesellschaft, wo es Menschen gibt, die wissen, und andere, die nicht wissen; Bürger, die das Bedürfnis haben zu lernen, und andere, die bereit sind zu lehren. Es kann von zwei Dingen nur eines tun: entweder diese Art von Transaktionen sich frei vollziehen lassen, sich diese Art Bedürfnisse frei befriedigen lassen; oder den Willen der Menschen bezwingen, und von den einen nehmen, um die Lehrer zu bezahlen, die einstellt werden, um die anderen zu unterrichten. Aber es kann im zweiten Fall nichts tun, was nicht ein Angriff auf Freiheit und Eigentum wäre, ein gesetzmäßiger Raub.

Sie sagen: Da sind Menschen ohne Moral und Religion, — und Sie wenden sich an das Gesetz. Aber das Gesetz ist die Gewalt, und muss ich noch sagen, was für ein grausames und wahnsinniges Unternehmen es ist, mit Gewalt in diese Dinge einzugreifen?

Mit seinen Systemen und seinen Bemühungen am Ende scheint der Sozialismus, selbstgefällig wie er auch sein mag, nicht umhin zu können, das Monströse des legalen Raubes zu sehen. Aber was macht er? Er verkleidet es geschickt für alle Augen, selbst für seine eigenen, unter den verführerischen Namen von Brüderlichkeit, Solidarität, Organisation, Vereinigung. Und weil wir nicht so viel von dem Gesetz erwarten, weil wir von ihm nur Gerechtigkeit verlangen, so unterstellt er, dass wir die Brüderlichkeit zurückweisen, die Solidarität, die Organisation, die Vereinigung und wirft uns das Schimpfwort Individualisten an den Kopf.

Wisse er also, dass wir nicht die natürliche Organisation zurückweisen, sondern die erzwungene; nicht die freiwillige Vereinigung, sondern die Formen der Vereinigung, die er uns auferlegen will; nicht die spontane Brüderlichkeit, sondern die gesetzlich vorgeschriebene Brüderlichkeit; nicht die Solidarität der Vorsehung, sondern die künstliche Solidarität, die nur ein ungerechter Ersatz für Verantwortung ist.

Der Sozialismus, wie die alte Politik, aus der er hervorgegangen ist, vermengt die Regierung und die Gesellschaft. Darum schließt er jedesmal, wenn wir nicht wollen, dass die Regierung etwas tut, dass wir wollen, dass es überhaupt nicht getan werde. Wir weisen die staatliche Bildung zurück, also wollen wir keine Bildung. Wir weisen eine Staatsreligion zurück, also wollen wir keine Religion. Wir weisen die staatliche Gleichmacherei zurück, also wollen wir keine Gleichheit; usw. Es ist, als ob er uns anklagte, wir wollten nicht, dass Menschen essen, weil wir den staatlichen Weizenanbau ablehnen.

Wie hat sich in der politischen Welt die verschrobene Idee durchsetzen können, aus dem Gesetz abzuleiten, was nicht darin ist: Das Wohl, positiv definiert, der Reichtum, die Wissenschaft, die Religion?

Die modernen Publizisten, besonders die der sozialistischen Schule, gründen ihre verschiedenen Theorien auf eine gemeinsame Hypothese – sicherlich die merkwürdigste, die abstruseste, die einem Menschen in den Sinn kommen kann.

Sie teilen die Menschheit in zwei Teile. Die Gesamtheit der Menschen minus eins bildet den ersten Teil, der Publizist ganz allein den zweiten und bei weitem wichtigsten Teil.

Als erstes nehmen sie wahrhaftig an, dass die Menschen in sich weder ein Handelsprinzip noch eine Möglichkeit des Erkenntnisgewinns haben. Sie sind ohne Antrieb, träge Masse, passive Moleküle, Atome ohne Spontaneität, bestenfalls ein gegen die eigene Lebensweise gleichgültiges Gewächs, fähig unter einem äußeren Willen und einer äußeren Hand unendlich viele mehr oder weniger symmetrische, künstliche, perfekte Formen anzunehmen.

Daraufhin nimmt jeder von ihnen ohne weiteres an, dass er selbst, unter den Namen des Organisators, Aufklärers, Gesetzgebers, Vorstehers, Gründers dieser Wille und diese Hand ist, dieser allgemeine Antrieb, diese schaffende Kraft, deren erhabene Aufgabe es ist, diese verstreute Materie — die Menschen — in einer Gesellschaft zu vereinigen.

Hiervon ausgehend schneidet — wie jeder Gärtner nach Laune seine Bäume in Pyramiden, Sonnenschirme, Würfel, Kegel, Vasen, Spaliere, Spindeln, Fächer schneidet — der Sozialist nach seiner Chimäre die arme Menschheit in Gruppen, Serien, Zentren, Unterzentren, in Zellen, Genossenschaftswerkstätten, harmonische, kontrastierende, und so weiter und so fort.

Und ebenso wie der Gärtner, um die Bäume zu beschneiden, Äxte, Sägen, Rebmesser und Scheren braucht, braucht der Publizist, um seine Gesellschaft zurechtzustutzen, Gewalten, die er nur in den Gesetzen finden kann — Zollgesetz, Steuergesetz, Sozialfürsorgegesetz, Bildungsgesetz.

So selbstverständlich betrachten die Sozialisten die Menschheit als Material für soziale Experimente, dass, wenn der Erfolg dieser Kombinationen nicht ganz sicher scheint, sie zumindest eine Parzelle der Menschheit als Experimentierfeld fordern: Es ist bekannt, wie populär unter ihnen die Idee ist, alle Systeme auszuprobieren. Einer ihrer Führer forderte sogar ernsthaft von der verfassungsgebenden Versammlung eine Gemeinde mit allen ihren Einwohnern, um seinen Versuch zu durchzuführen.

Ebenso baut jeder Erfinder seine Maschine im Kleinen, bevor er sie im Großen baut. Ebenso opfert der Chemiker einige Reagenzien, der Bauer einige Samen und eine Ecke seines Ackers, um eine Idee zu erproben.

Aber welch unermesslicher Abstand zwischen dem Gärtner und seinen Bäumen, dem Erfinder und seiner Maschine, dem Chemiker und seinen Substanzen, zwischen dem Bauern und seinen Samen! — Der Sozialist glaubt allen Ernstes, dass ihn derselbe Abstand von der Menschheit trennt.

Kein Wunder, dass die Publizisten des neunzehnten Jahrhunderts die Gesellschaft für das künstliche Erzeugnis eines Gesetzgebergenies halten.

Diese Idee, Frucht der klassischen Erziehung, hat alle Denker, alle großen Schriftsteller unseres Landes beherrscht. Alle sahen zwischen der Menschheit und dem Gesetzgeber dasselbe Verhältnis wie zwischen Lehm und Töpfer.

Mehr noch, wenn sie zuerkannten, im Herzen des Menschen ein Handlungsmotiv zu finden, in seiner Intelligenz Urteilsfähigkeit, dachten sie, dass Gott ihm damit eine verhängnisvolle Gabe beschert hätte, und dass die Menschheit unter dem Einfluss dieser beiden Antriebe schicksalhaft zu ihrem Verfall neige. Sie gingen tatsächlich davon aus, dass die Menschheit, ihren Neigungen überlassen, sich nur mit Religion beschäftige, um zum Atheismus abzugleiten, mit der Wissenschaft, um zur Unwissenheit zu gelangen, mit Arbeit und Tausch, um im Elend zu vergehen.

Glücklicherweise — nach diesen selben Schriftstellern — gibt es gewisse Menschen, Regierende und Gesetzgeber genannt, die vom Himmel nicht nur für sich selbst sondern für alle anderen entgegengesetzte Neigungen empfangen haben. Während die Menschheit zum Übel neigt, streben sie zum Guten, während die Menschheit in die Finsternis schreitet, erstreben sie das Licht, während die Menschheit zum Laster hingezogen ist, werden sie von der Tugend angezogen. Und auf Grund dieser Voraussetzung fordern sie Gewalt, die es ihnen ermöglichen soll, ihre eigenen Neigungen an die Stelle der Neigungen der Menschheit zu setzen.

Man braucht nur beinahe zufällig ein Buch über Philosophie, Politik oder Geschichte zu öffnen, um zu sehen, wie tief in unserem Land die Idee verwurzelt ist — Tochter klassischer Studien und Mutter des Sozialismus —, dass die Menschheit eine leblose Masse sei, die von der Macht Leben, Organisation, Moral und Reichtum empfängt; oder, was noch schlimmer ist, dass die Menschheit von sich aus zum Verfall neigt und auf dieser schiefen Bahn nur durch die mysteriöse Hand des Gesetzgebers aufgefangen wird. Immer zeigt uns der klassische Konventionalismus hinter der passiven Gesellschaft eine okkulte Macht, die unter den Namen Gesetz, Gesetzgeber, oder unter diesem bequemeren und vageren Ausdruck MAN, die Menschheit bewegt, bereichert, und moralisiert.

BOSSUET. „Eines der Dinge, die MAN (wer?) dem Geist der Ägypter am stärksten einprägte, war die Vaterlandsliebe… Es war nicht erlaubt, unnütz für den Staat zu sein; das Gesetz wies jedem seine Arbeit zu, die sich vom Vater auf den Sohn übertrug. Man konnte weder zwei haben noch die Arbeit wechseln… Aber es gab eine Beschäftigung, an der alle teilhaben mussten. Dies war das Studium der Gesetze und der Weisheit. Die Unkenntnis der Religion und der Staatsordnung wurden in keinem Stande entschuldigt. Im Übrigen hatte jeder Berufsstand seinen ihm zugeordneten Bezirk (von wem?)… Unter guten Gesetzen war das Vorzüglichste, dass jedermann in der Gesinnung aufgezogen war (von wem?), sie zu befolgen… Ihre Merkuren haben Ägypten mit wunderbaren Erfindungen erfüllt und haben es im Lande an fast nichts fehlen lassen, was das Leben angenehm und ruhig machen könnte.“

So zogen die Menschen nach Bossuet nichts aus sich: Patriotismus, Reichtum, Tätigkeit, Weisheit, Erfindungen, Arbeit, Wissenschaften, alles kam ihnen aus der Betätigung der Gesetze oder der Könige. Sie mussten sich nur gehen lassen. Sogar an dem Punkt, wo Diodor die Ägypter anklagte, den Kampf und die Musik zurückzuweisen, verbessert ihn Bossuet. Wie kann das sein, sagt er, wo doch diese Künste von Trismegistus erfunden worden sind?

Ebenso bei den Persern:

„Eines der ersten Anliegen des Fürsten war es, die Landwirtschaft aufblühen zu lassen… Ebenso wie es Beamte für die Führung der Armeen gab, gab es auch welche, die die bäuerlichen Arbeiten überwachten… Der Respekt, den MAN den Persern für die königliche Autorität einflößte, ging bis zum Äußersten.“

Die Griechen, so geistreich sie auch seien, waren ihrem eigenen Geschick nicht weniger fremd, so dass sie aus sich selbst heraus nicht einmal wie Hunde und Pferde zu den einfachsten Spielen gekommen wären. Klassisch ist es eine anerkannte Tatsache, dass alles von außen zu den Völkern kommt.

„Die Griechen, von Natur aus geistvoll und mutig, wurden zu früher Stunde von den Königen und den Kolonien aus Ägypten kultiviert. Daher haben sie die Leibesübungen, die Wettläufe zu Fuß; zu Pferd und zu Wagen… Das wichtigste, was die Ägypter ihnen beigebracht haben, war, sich gesittet zu geben, sich von den Gesetzen formen zu lassen für das öffentliche Wohl.“

FENELON. Geprägt vom Studium und der Bewunderung des Altertums, Zeuge der Macht Ludwigs des 14ten, konnte Fénelon kaum der Idee entrinnen, dass die Menschheit passiv ist, dass ihr Unglück wie ihr Wohlstand, ihre Tugenden wie ihre Laster aus äußerem Einfluss entstehen, auf sie ausgeübt durch das Gesetz oder den, der es macht. Auch in seinem utopischen Salente unterwirft er die Menschen mit ihren Interessen, ihren Fertigkeiten, ihren Bedürfnissen, ihren Tugenden der absoluten Verfügung des Gesetzgebers. Worum es sich auch handelt, nie sind sie es, die für sich selbst urteilen, es ist der Fürst. Die Nation ist nur eine formlose Masse, deren Seele der Prinz ist. In ihm wohnen Verstand, Vorsorge, alle Organisationsprinzipien, aller Fortschritt und folglich die ganze Verantwortung.

Um diese Behauptung zu beweisen, müsste ich das ganze zehnte Buch des Telemach abschreiben. Ich verweise den Leser darauf und begnüge mich, einige zufällig gewählte Passagen aus dieser berühmten Dichtung zu zitieren. Dabei zögere ich nicht, ihr in jeder anderen Hinsicht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Mit der überraschenden Leichtgläubigkeit, die die Klassiker auszeichnet, stellt Fénelon gegen das Zeugnis des gesunden Menschenverstandes und der Tatsachen fest, dass bei den Ägyptern allgemeine Glücklichkeit herrschte, und er schreibt sie nicht ihrer eigenen Weisheit sondern der ihrer Könige zu.

Wir konnten die Augen nicht auf beide Ufer werfen, ohne üppige Städte wahrzunehmen, lieblich gelegene Landhäuser, Ländereien, die sich alle Jahre mit gesegneter Ernte bedecken, ohne Unterbrechung; Weiden voller Herden, Arbeiter, gebeugt unter der Last der Früchte, welche die Erde aus ihrem Schoß hervorbringt; Hirten, die die sanften Töne ihrer Flöten und ihrer Schalmeien von dem Echo rundum widertönen lassen. Glücklich, sagte Mentor, das Volk, das so von einem weisen König geleitet wird.

Dann ließ mich Mentor das Glück und den Überfluss bemerken, der sich über das ganze ägyptische Land ausstreckt, wo man bis zu zweiundzwanzig Tausend Städte zählte; die Gerechtigkeit, zugunsten des Armen gegen die Reichen ausgeführt; die gute Erziehung der Kinder, die man an Gehorsam gewöhnte, Arbeit, Mäßigkeit, Liebe zu Kunst und Literatur; die Sorgfalt bei allen religiösen Zeremonien; Selbstlosigkeit, das Streben nach Ehre, die Treue gegen die Menschen und die Furcht vor den Göttern, die jeder Vater seinen Kindern einflößte. Er wurde nicht müde, diese gute Ordnung zu bewundern. Glücklich, sagte er mir, das Volk, das ein weiser König so führt.

Fénelon macht aus Kreta eine noch verführerische Idylle. Dann fügt er, durch den Mund Mentors hinzu:

Alles, was Ihr auf dieser wunderbaren Insel seht, ist die Frucht der Gesetze von Minos. Die Erziehung, die er den Kindern geben ließ, machte den Körper gesund und stark. MAN gewöhnt sie vor allem an ein einfaches, mäßiges und arbeitsames Leben; MAN nimmt an, dass jede Ausschweifung Körper und Geist verweichlicht; MAN bietet ihnen niemals ein anderes Vergnügen, als an Tugend unbesiegbar zu sein und höchsten Ruhm zu erringen… Hier bestraft MAN drei Laster, die bei den anderen Völkern unbestraft bleiben: Undankbarkeit, Verstellung, und Geiz. Luxus und Verweichlichung braucht MAN nie zu unterdrücken, denn sie sind in Kreta unbekannt… MAN duldet dort weder wertvolle Möbel, noch prachtvolle Kleidung, noch delikate Festmähler, noch goldgeschmückte Paläste.

So bereitet Mentor seinen Schüler darauf vor, das Volk von Itaka aufzureiben und zu manipulieren — ohne Zweifel mit äußerst philanthropischer Absicht — und, um sicherer zu gehen, gibt er ihm als Vorbild dafür Salente.

So empfangen wir unsere ersten Vorstellungen von Politik. Wir werden geschult, die Menschen ungefähr so zu behandeln, wie Olivier von Serres die Bauern lehrt, den Boden zu behandeln und zu mischen.

MONTESQUIEU. Um den Geschäftsgeist zu erhalten, müssen alle Gesetze ihn begünstigen; müssen dieselben Gesetze, durch ihre Verfügungen die Vermögen in dem Maß aufteilen, wie der Handel sie vermehrt, indem sie jedem armen Bürger ein hinreichendes Auskommen geben, damit er arbeiten kann wie die anderen, und jeden reichen Bürger in solcher Mittelmäßigkeit halten, dass er arbeiten muss, um zu bewahren oder dazuzugewinnen…

So verfügen die Gesetze über alle Vermögen.

Wenn auch in der Demokratie die reale Gleichheit die Seele des Staates ist, ist sie gleichwohl so schwierig zu etablieren, dass eine extreme Genauigkeit hierin nicht immer angebracht ist. Es genügt, dass MAN einen Grundzins einrichtet, der die Unterschiede vermindert oder in einem gewissen Grad hält. Danach kommt es besonderen Gesetzen zu, die Ungleichheit durch Zahlungen, die sie den Reichen auflasten und Erleichterungen, die sie den Armen zugestehen, sozusagen auszugleichen…

Da ist sie wieder, die Angleichung der Vermögen durch das Gesetz, durch die Gewalt.

Es gab in Griechenland zwei Arten von Republiken. Die einen waren militärisch, wie Sparta; die anderen handeltreibend, wie Athen. In den einen wollte MAN, dass die Bürger müßig seien. In den anderen bemühte MAN sich, ihnen Liebe zur Arbeit zu geben.

Schenkt doch bitte dem großen Genie dieser Gesetzgeber etwas Aufmerksamkeit, das sie brauchten, um zu sehen, dass sie, indem sie alle hergebrachten Gebräuche angriffen und  alle Tugenden umwälzten, dem Universum ihre Weisheit zeigen würden. Lykurg verschmolz den Mundraub mit dem Geist der Gerechtigkeit, die härteste Sklaverei mit der äußersten Freiheit, die rohesten Gefühle mit der größten Mäßigung, und gab so seiner Stadt Stabilität. Er schien ihr alle Hilfsmittel wegzunehmen: die Künste, den Handel, Geld, Mauern. Man hat dort Ehrgeiz ohne Hoffnung wohlhabender zu werden; man hat dort natürliche Gefühle und ist weder Kind, noch Ehemann, noch Vater; die Scham sogar ist von der Keuschheit genommen. Auf diesem Wege wurde Sparta zu Größe und Ruhm geführt

Das Außerordentliche, das man in den Einrichtungen der Griechen sah, haben wir auch in der Degeneration und Korruption der modernen Zeit gesehen. Ein ehrenwerter Gesetzgeber hat ein Volk geformt, wo die Rechtschaffenheit genauso natürlich scheint wie die Tapferkeit bei den Spartiaten. Herr Penn ist ein wahrhafter Lykurg, und wenn auch der erste den Frieden zum Ziel hatte und der andere den Krieg, so ähneln sie sich doch in dem einzigartigen Weg, auf den sie ihr Volk geschickt haben, in dem Einfluss, den sie auf freie Menschen gehabt haben, in den Vorurteilen, die sie besiegt haben, in den Leidenschaften, die sie bezwungen haben.

Paraguay kann uns ein anderes Beispiel liefern. Man hat es dem Jesuitenorden als Verbrechen anlasten wollen, dass er das Vergnügen zu befehlen für das einzig Gute im Leben hält. Aber es ist immer gut, die Menschen zu regieren und sie dadurch glücklicher zu machen.

Wer ähnliche Institutionen einrichten will, wird die Gütergemeinschaft der Platonischen Republik einrichten: den Respekt, den er für die Götter forderte; die Trennung von den Fremden zur Wahrung der Sitten; dass die Stadt den Handel macht und nicht die Bürger. Er wird uns Künste geben ohne unseren Luxus und unsere Bedürfnisse ohne unsere Begierden.

Der Hype des Tages mag noch so schreien: Das ist von Montesquieu, also ist es genial! erhaben! Ich habe Mut zu meiner Meinung und sage:

Was! Sie haben die Stirn das schön zu finden!

Aber das ist abstoßend! scheußlich! Und diese Auszüge, die ich vervielfachen könnte, zeigen, dass nach der Vorstellung von Montesquieu Personen, Freiheiten, Besitztümer, die ganze Menschheit nur geeignete Materialien sind, die Weisheit des Gesetzgebers anzuwenden.

ROUSSEAU. Obwohl dieser Publizist, die höchste Autorität der Demokraten, das soziale Gebäude auf dem Allgemeinen Willen gründet, hat niemand so vollständig wie er die gänzliche Passivität der Menschheit gegenüber dem Gesetzgeber postuliert.

Wenn es wahr ist, dass ein großer Fürst ein seltener Mensch ist, wie verhält es sich erst mit einem großen Gesetzgeber? Der erstere muss nur dem Modell folgen, dass der andere vorschlagen muss. Der eine ist der Ingenieur, der die Maschine entwirft, der andere nur der Arbeiter, der sie montiert und zum Laufen bringt.

Und was sind die Menschen bei alldem? Die Maschine, die montiert wird und läuft, oder eher das Rohmaterial, aus dem die Maschine gemacht ist!

So besteht zwischen dem Gesetzgeber und dem Fürsten, zwischen dem Fürsten und den Untertanen das selbe Verhältnis, wie zwischen dem Landwirtschaftsexperten, dem Bauern und der Ackerscholle. In welcher Höhe über der Menschheit schwebt also der Publizist, der die Gesetzgeber regiert und sie in diesen befehlerischen Worten ihr Gewerbe lehrt:

Wollen Sie dem Staat Zusammenhalt geben? Nähern sie die Extreme an, soweit es möglich ist. Dulden Sie weder Steinreiche noch Lumpenpack.

Ist der Boden uneben oder unfruchtbar oder das Land zu eng für die Einwohner, dann wendet Euch der Industrie und den Künsten zu, deren Produktion Ihr gegen Waren, die Ihnen fehlen tauschen werdet… Fehlen Euch auf gutem Boden die Einwohner, dann wendet Eure Aufmerksamkeit der Landwirtschaft zu, die die Menschen vermehrt, und verjagt die Künste, die nur die Entvölkerung des Landes besiegeln… Hat Euer Land ausgedehnte und leicht zugängliche Ufer, so bedeckt das Meer mit Schiffen, Ihr werdet eine glänzende und kurze Existenz haben. Umspült das Meer an Euren Küsten nur schroffe Felsen, bleibt barbarisch und nährt Euch von Fischen. Ihr werdet dabei ruhiger leben, besser vielleicht, und ganz sicher glücklicher. Mit einem Wort, außerhalb der Maximen, die allen gemeinsam sind, hat jedes Volk eigene Bedingungen, die es in einer besonderen Weise ordnen und seiner Gesetzgebung ihre Besonderheit nur für dieses Volk geben. So hatten einstmals die Hebräer und neulich die Araber die Religion zum ersten Prinzip, die Athener die Bildung, Karthago und Tyrus den Handel, Rhodos die Marine, Sparta den Krieg und Rom die Tugend. Der Autor vom Geist der Gesetze hat gezeigt, durch welche Kunst der Gesetzgeber die Institution zu jedem dieser Ziele lenkt… Aber wenn der Gesetzgeber sich in seinem Ziel täuscht und ein anderes Prinzip verfolgt als aus der Natur der Sache hervorgeht: dass das eine zur Knechtschaft neigt und das andere zur Freiheit; das eine zu Reichtümern, das andere zur Bevölkerung; das eine zum Frieden, das andere zu Eroberungen, – so wird man die Gesetze sich unmerklich abschwächen sehen, die Verfassung sich ändern, und der Staat wird mehr und mehr erschüttert werden, bis er zerstört ist oder verändert, und bis die unbesiegbare Natur ihr Reich zurückgewonnen hat.

Aber wenn die Natur hinreichend unbesiegbar ist, ihre Herrschaft zurückzugewinnen, warum gibt Rousseau nicht zu, dass sie keinen Gesetzgeber braucht, um von Anfang an zu herrschen? Warum gibt er nicht zu, dass die Menschen, wenn sie ihrer eigenen Initiative folgen, sich von selbst an ausgedehnten und zugänglichen Ufern dem Handel zuwenden werden, ohne dass sich ein Lykurg, ein Solon, ein Rousseau einmischen auf das Risiko, sich zu täuschen?

Wie dem auch sei, wir sehen die schreckliche Verantwortung, die nach Rousseau auf den Erfindern, Organisatoren, Führern, Gesetzgebern und Manipulatoren der Gesellschaften lastet. Er ist auch gegen sie sehr anspruchsvoll.

Wer zu unternehmen wagt, ein Volk zu regeln, muss sich in der Lage fühlen, sozusagen die menschliche Natur zu ändern, jedes Individuum, das für sich ein vollkommenes und einzigartiges Ganzes ist, zum Teil von einem größeren Ganzen umzubilden, von dem dieses Individuum, im Ganzen oder zum Teil, sein Leben und sein Sein empfängt; die menschliche Verfassung zu ändern, um sie zu stärken; eine teilweise und moralische Existenz anstelle der körperlichen und unabhängigen Existenz zu setzen, die wir alle von der Natur empfangen haben. Er muss, mit einem Wort, dem Menschen seine eigenen Kräfte nehmen, um ihm fremde zu geben…

Arme Menschheit, was wollten die Anhänger Rousseaus aus deiner Würde machen?

RAYNAL. Das Klima, das heißt der Himmel und die Sonne, sind die erste Vorgabe für den Gesetzgeber. Seine Ressourcen diktieren ihm seine Bedürfnisse. Zunächst muss er seine örtliche Lage untersuchen. Ein Volksstamm an der Meeresküste wird Schifffahrtsgesetze haben… Wenn die Kolonie im Binnenland errichtet wird, muss ein Gesetzgeber seine Beschaffenheit und Fruchtbarkeit vorhersehen…

Vor allem bei der Verteilung des Eigentums springt die Weisheit der Gesetzgebung ins Auge. Im Allgemeinen und in allen Ländern der Welt muss man, wenn man eine Kolonie gründet, die Ländereien an alle Menschen vergeben, dass heißt für jeden eine Fläche, die zum Unterhalt einer Familie ausreicht…

Auf einer einsamen Insel, die man mit Kindern bevölkerte, bräuchte MAN nur die Keime der Wahrheit mit der Entwicklung der Vernunft aufgehen zu lassen…Aber wenn MAN ein schon altes Volk in einem neuen Land ansiedelt, besteht die Kunst darin, ihm nur diejenigen schädlichen Meinungen und Gewohnheiten zu lassen, von denen man es nicht heilen und bessern kann. Will man hindern, dass sie sich vererben, dann wache MAN über die zweite Generation mit einer allgemeinen und öffentlichen Erziehung der Kinder. Ein Fürst, ein Gesetzgeber, gründe niemals eine Kolonie, ohne zuvor weise Männer für die Erziehung der Jugend dort hinzuschaffen… In einer entstehenden Kolonie stehen der Vorsorge des Gesetzgebers alle Mittel zur Verfügung, wenn er das Blut und die Sitten eines Volkes reinigen will. Wenn er Genie und Tugend hat, werden die Länder und die Menschen, die er in seinen Händen hat, seiner Seele einen Gesellschaftsplan eingeben, den ein Schriftsteller immer nur vage und unter unsicheren Annahmen skizzieren könnte, die schwanken und mit einer Unendlichkeit von Umständen komplizierter werden, zu schwierig vorherzusehen und zu kombinieren…

Glaubt man nicht zu hören, wie ein Landwirtschaftsprofessor seinen Studenten sagt: „Das Klima ist die erste Vorgabe für den Landwirt. Seine Ressourcen diktieren ihm seine Bedürfnisse. Zunächst muss er seine örtliche Lage untersuchen. Befindet er sich auf lehmigen Boden, muss er sich so verhalten. Hat er es mit Sand zu tun, seht her, wie er sich damit zurechtfindet. Alle Mittel stehen dem Landwirt zur Verfügung, der seinen Boden säubern und verbessern will. Versteht er sich auf die Kunst, so werden die Ländereien, die Düngemittel, die er in seinen Händen hat, ihm einen Ausbeutungsplan eingeben, den ein Professor nur vage und unter unsicheren Annahmen skizzieren kann, die schwanken und mit einer Unendlichkeit von Umständen komplizierter werden, schwierig vorherzusehen und zu kombinieren.“

Aber, Ihr erhabenen Schriftsteller, lasst Euch herab, Euch gelegentlich zu erinnern, dass dieser Lehm, dieser Sand, dieser Mist, über den ihr so beliebig verfügt, aus Menschen besteht, Euch ebenbürtig, intelligente und freie Wesen wie Ihr, die von Gott, wie Ihr, die Fähigkeit erhalten haben, zu sehen, vorzusorgen, für sich selbst zu denken und zu urteilen!

MABLY. (Er nimmt an, dass die Gesetze von dem Rost der Zeit zerfressen sind, die Sicherheit vernachlässigt, und fährt so fort:)

Es ist offensichtlich, dass sich die Machtbereiche der Regierung unter diesen Umständen abgeschwächt haben. Gebt ihnen neue Spannung (an den Leser wendet sich Mably hier), und das Übel wird behoben sein… Bemüht Euch weniger, die Fehler zu bestrafen als die Tugenden zu ermutigen, die Ihr braucht. Mit dieser Methode gebt Ihr Eurer Republik die Kraft der Jugend. Weil sie bei freien Völkern unbekannt war, haben diese ihre Freiheit verloren! Aber wenn die Fortschritte des Übels so groß sind, dass die gewöhnliche Verwaltung sie nicht wirksam beheben kann, zieht Euch eine außerordentliche Verwaltung heran, deren Amtszeit kurz und deren Macht beträchtlich ist. Die Vorstellungskraft der Bürger muss dann angestoßen werden…

Und ganz nach diesem Geschmack über zwanzig Bände.

Es gab eine Epoche, wo sich – unter dem Einfluss solcher Lehren, die die Grundlage der klassischen Erziehung sind – jeder außerhalb und über die Menschheit stellen wollte, um sie nach seiner Laune zu arrangieren, zu organisieren und einzurichten.

CONDILLAC. Erhebt Euch, mein Herr, zu einem Lykurg oder Solon. Bevor Ihr die Lektüre dieser Schrift weiterverfolgt, gönnt Euch das Vergnügen, irgendeinem wilden Volk Amerikas oder Afrikas Gesetze zu geben. Macht diese irrenden Menschen sesshaft; lehrt sie, Herden zu füttern…; arbeitet daran, die sozialen Qualitäten zu entwickeln, die die Natur in sie gelegt hat… Verordnet ihnen, anzufangen, Menschenpflichten auszuüben… Vergiftet durch Züchtigungen die Vergnügen, die die Leidenschaften bieten und Ihr werdet diese Barbaren mit jedem Artikel Eurer Gesetzgebung ein Laster verlieren und eine Tugend annehmen sehen.

Alle Völker hatten Gesetze. Aber wenige unter ihnen waren glücklich. Was ist der Grund dafür? Er liegt darin, dass die Gesetzgeber fast nie beachtet haben, dass das Ziel der Gesellschaft ist, die Familien durch ein gemeinsames Interesse zu einen.

Die Unparteilichkeit der Gesetze besteht in zweierlei: Gleichheit zu schaffen im Vermögen und in der Würde der Bürger… In dem Maße, wie Eure Gesetze größere Gleichheit einrichten, werden sie jedem Bürger teurer… Wie könnten der Geiz, der Ehrgeiz, die Wohllust, die Faulheit, der Müßiggang, der Neid, der Hass, die Eifersucht Menschen bewegen, die an Vermögen und Würde ebenbürtig sind, und denen die Gesetze keine Hoffnung lassen, die Gleichheit zu brechen? (Es folgt ein Idyll)

Das was man Euch über die spartanische Republik gesagt hat, muss Euch hierüber voll aufklären. Kein anderer Staat hat jemals Gesetze gehabt, die der Ordnung der Natur und der Gleichheit angemessener waren.

Es überrascht nicht, dass das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert die Menschheit als eine träge Masse angesehen haben, die alles, Form, Gestalt, Antrieb, Bewegung und Leben von einem großen Fürsten, einem großen Gesetzgeber, einem großen Genie erwartet und erhält. Diese Jahrhunderte waren erfüllt vom Studium der Antike, und die Antike bietet uns tatsächlich überall, in Ägypten, in Persien, in Griechenland, in Rom das Schauspiel einiger Männer, die die Menschheit nach Gutdünken manipulieren, die mit Gewalt oder Betrug dienstbar gemacht ist. Was beweist das? Eben weil sich Mensch und Gesellschaft vervollkommnen können, muss sich der Irrtum, die Unwissenheit, der Despotismus, die Sklaverei, der Aberglauben eher zu Beginn der Zeit häufen. Das Unrecht der Schriftsteller, die ich zitiert habe, ist nicht, Tatsachen festgestellt zu haben, sondern sie als Regel vorgeschlagen zu haben, zur Bewunderung und Nachahmung für zukünftige Völker. Ihr Unrecht ist, unverzeihlich kritiklos und in kindischem Konventionalismus für wahr genommen zu haben, was unvorstellbar ist, nämlich Größe, Würde, Moralität und Wohlstand dieser künstlichen Gesellschaften der alten Welt; nicht verstanden zu haben, dass die Zeit Aufklärung bringt und verbreitet; dass in dem Maße, wie sich die Aufklärung ausbreitet, Gewalt vor Recht zur Seite tritt und die Gesellschaft sich selbst in die Hand nimmt.

Und welcher Art ist nun die politische Arbeit, an der wir teilhaben? Sie ist nichts anderes als das instinktive Streben aller Völker nach Freiheit. Und was ist die Freiheit, dieses Wort, das die Macht hat, alle Herzen höher schlagen zu lassen und die Welt zu bewegen, wenn nicht die Gesamtheit aller Freiheiten: Freiheit des Gewissens, der Lehre, der Vereinigung, der Presse, der Wahl des Wohnsitzes, der Arbeit, des Handels; mit anderen Worten, die freie Ausübung aller unschädlichen Fertigkeiten für alle; in noch anderen Worten, die Zerstörung aller Despotismen, sogar der gesetzmäßigen Despotie, und die Zurückführung des Gesetzes auf seine einzige vernünftige Zuständigkeit, nämlich die, das individuelle Recht auf legitime Verteidigung zu regeln oder Ungerechtigkeit abzuwehren.

Dieses Streben der Menschheit ist freilich besonders in unserer Heimat gänzlich behindert von der verhängnisvollen Neigung aller Publizisten — Frucht klassischer Erziehung — sich außerhalb der Menschheit zu stellen, um sie zu arrangieren, zu organisieren, und nach ihrer Laune einzurichten.

Denn während die Gesellschaft sich bewegt, um die Freiheit zu verwirklichen, denken die großen Männer, die sich an ihre Spitze setzen – durchdrungen von den Prinzipien des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts – nur daran, sie unter den philanthropischen Despotismus ihrer sozialen Erfindungen zu beugen und sie – Rousseaus Ausspruch – fügsam das Joch öffentlicher Glückseligkeit tragen zu lassen, so wie sie es sich ausgedacht haben.

Man sah es 1789. Kaum war das Ancien Regime zerstört, beschäftigte man sich damit, die neue Gesellschaft anderen künstlichen Einrichtungen zu unterwerfen, immer in diesem Konsens: der Allmacht des Gesetzes.

SAINT-JUST. Der Gesetzgeber gebietet der Zukunft. An ihm liegt es, das Gute zu wollen. An ihm liegt es, die Menschen so zu machen, wie er sie haben will.

ROBESPIERRE. Die Aufgabe der Regierung ist es, die körperlichen und moralischen Kräfte der Nation auf das Ziel ihrer Institution zu lenken.

BILLAUD-VARENNES. Man muss das Volk neu schaffen, das man der Freiheit überlassen will. Denn man muss alte Vorurteile zerstören, alte Gewohnheiten ändern, verderbte Emotionen bessern, überflüssige Bedürfnisse beschneiden, eingefleischte Laster ausrotten. Es braucht also eine starke Tat, einen heftigen Anstoß … Bürger, die unbeugsame Strenge Lykurgs wurde in Sparta zur unerschütterlichen Basis der Republik, der schwache und vertrauende Charakter Solons stürzte Athen wieder in die Sklaverei. Diese Parallele enthält die ganze Wissenschaft des Regierens.

LEPELLETIER. Wenn ich bedenke, wie entartet die Menschheit ist, bin ich von der Notwendigkeit überzeugt, sie gänzlich aufzufrischen und sozusagen ein neues Volk zu erschaffen.

Die Menschen sind somit nur minderwertiges Material. Es ist nicht an ihnen, das Gute zu wollen — sie können es nicht — es ist Sache des Gesetzgebers, nach Saint-Just. Die Menschen sind nur, was er will, dass sie sind.

Nach Robespierre, der wörtlich Rousseau kopiert, beginnt der Gesetzgeber mit einer Zielvorgabe für die Institution der Nation. Dann brauchen die Regierungen nur noch alle körperlichen und moralischen Kräfte auf dieses Ziel zu lenken. Die Nation selbst bleibt bei all dem stets passiv, und Billaud-Varennes lehrt uns, dass sie nur die Vorurteile, Gewohnheiten, Gefühle und Bedürfnisse haben darf, die der Gesetzgeber erlaubt. Er geht soweit zu sagen, dass die unbeugsame Strenge eines Mannes die Basis der Republik ist.

Wir haben gesehen, dass Mably, falls das Übel so groß ist, dass die gewöhnliche Verwaltung ihm nicht abhelfen kann, die Diktatur empfiehlt, um die Tugend blühen zu lassen. „Zieht“, sagt er, „eine außerordentliche Verwaltung heran, deren Amtszeit kurz und deren Macht beträchtlich ist. Die Vorstellungskraft der Bürger muss dann angestoßen werden.“ Diese Lehre ist nicht verloren gegangen. Hören wir Robespierre:

Das Prinzip der republikanischen Regierung ist die Tugend, und ihr Mittel, während sie sich festigt, der Schrecken. Wir wollen in unserem Land den Egoismus durch Moral ersetzen, die Ehre durch Rechtschaffenheit, die Gewohnheiten durch Prinzipien, die Wohlerzogenheit durch Pflichten, die Tyrannei der Mode durch das Reich der Vernunft, die Verachtung des Unglücks durch die Verachtung des Lasters, die Unverschämtheit durch Stolz, die Eitelkeit durch Seelengröße, Geldbegierde durch Ruhmbegierde, gute Kumpanei durch Rechtschaffenheit, Intrige durch Verdienst, Schöngeist durch Genie, Aufsehen durch Wahrheit, die Langeweile der Lust durch den Zauber des Glücks, die Kleinlichkeit der Großen durch die menschliche Größe, ein liebenswertes, frivoles, elendes Volk durch ein großzügiges, mächtiges, glückliches Volk – das heißt alle Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie durch alle Tugenden und Wunder der Republik.

Wie hoch über den Rest der Menschheit hebt sich hier Robespierre! Und bemerken Sie die Umstände unter denen er spricht. Er beschränkt sich nicht darauf, den Wunsch nach einer großen Erneuerung des menschlichen Herzens auszudrücken; er hält sich nicht einmal dabei auf, dass sie aus einer geregelten Regierung hervorgehen soll. Nein, er will sie selbst hervorbringen — und zwar durch Schrecken. Die Rede, aus der diese kindisch zusammengestoppelte Flut von Antithesen genommen ist, hat zum Ziel, die moralischen Prinzipien herauszustellen, die eine revolutionäre Regierung leiten müssen. Bemerken Sie, dass Robespierre nicht nur die Diktatur fordert, um das Ausland zurückzuweisen und die Parteien zu bekämpfen. In Wahrheit will er durch den Schrecken und — bevor die Verfassung ins Spiel kommt — seine eigenen Prinzipien von Moral durchsetzen. Sein Anspruch geht nicht weniger weit, als im Lande durch Terror den Egoismus auszurotten, und weiterhin Ehre, Gewohnheiten, Wohlerzogenheit, Mode, Eitelkeit, Geldgier, Kumpanei, Intrige, Schöngeist, Lust und Elend.

Erst nachdem er, Robespiere, diese Wunder vollbracht hat — wie er sie mit Recht nennt —, wird er den Gesetzen erlauben ihre Herrschaft wiederzugewinnen. — Ach Elende! Ihr glaubt Euch so groß, die Menschheit so klein, wollt alles reformieren. Reformiert Euch selbst, diese Aufgabe reicht für Euch.

Indessen fordern die Herren Reformatoren, Gesetzgeber und Publizisten im Allgemeinen nicht, über die Menschheit eine unmittelbare Despotie auszuüben. Nein, sie sind zu gemäßigt und zu philanthropisch dafür. Sie fordern nur die Despotie, den Absolutismus, die Allmacht des Gesetzes. Sie streben nur an, das Gesetz zu machen.

Um zu zeigen, wie allgemein diese seltsame Geistesverfassung in Frankreich verbreitet war, müsste ich nicht nur den ganzen Mably, den ganzen Raynal, den ganzen Rousseau, den ganzen Fénelon, lange Auszüge aus Bossuet und Montesquieu kopieren sondern auch noch das ganze Protokoll der Sitzungen des Konvents. Ich hüte mich davor wohl und verweise den Leser darauf.

Wie man sich denken kann, gefiel diese Idee Bonaparte. Er ergriff sie mit Feuer und setzte sie energisch in die Praxis um. Er sah sich als Chemiker und in Europa nur eine Materie für Experimente. Aber bald erwies sich diese Materie als ein gewaltiges Reaktiv. Dreiviertel desillusioniert, schien Bonaparte auf Sankt-Helena zu erkennen, dass die Völker einen gewissen Eigenwillen haben, und er zeigte sich weniger feindlich gegen die Freiheit. Dies hinderte ihn indes nicht, in seinem Testament seinem Sohn die Lehre zu geben: „Regieren heißt Moralität, Bildung und Wohlergehen verbreiten.“

Brauchen wir noch weitere ermüdende Zitate, um die Gedankenwelt von Morelly, Babeuf, Owen, Saint-Simon, Fourier sichtbar machen? Ich beschränke mich darauf, dem Leser einige Auszüge des Buches von Louis Blanc über die Organisation der Arbeit vorzulegen.

In unserem Projekt empfängt die Gesellschaft den Antrieb durch die Macht.

Worin besteht der Antrieb, den die Macht der Gesellschaft gibt? Darin, ihr das Projekt von Herrn L. Blanc aufzuzwingen.

Die Gesellschaft andererseits ist die Menschheit.

Also erhält schließlich die Menschheit den Antrieb von Herrn L. Blanc.

Steht ihm frei, wird man sagen. Ohne Zweifel steht es der Menschheit frei, Ratschlägen von irgendwem zu folgen. Aber so versteht Herr L. Blanc die Sache nicht. Er strebt an, dass sein Projekt in Gesetz umgewandelt wird und folglich mit Gewalt von der Macht umgesetzt wird.

In unserem Projekt regelt der Staat nur die Arbeit durch Gesetze (entschuldigen Sie diese Kleinigkeit), Kraft derer sich die industrielle Bewegung in völliger Freiheit entwickeln kann und muss. Er (der Staat) setzt die Freiheit nur auf einen Hang (nur das), den sie — einmal auf den Weg gebracht —, aufgrund von Sachzwängen und einer natürlichen Folge des eingerichteten Mechanismus hinabsinkt.

Aber was ist dieser Hang? — Der von Herrn L. Blanc gezeigte. — Führt er nicht in Abgründe? — Nein er führt zu Glück. — Warum bringt sich die Gesellschaft also nicht selbst auf den Weg? — Weil sie nicht weiß, was sie will, und Antrieb braucht. — Wer wird ihr diesen Antrieb geben? — Die Macht. — Und wer wir der Macht den Antrieb geben? — Der Erfinder des Mechanismus, Herr L. Blanc.

Wir werden diesem Kreis nie entkommen: Die passive Menschheit und ein bedeutender Mann, der sie mittels gesetzlichen Eingriffen führt. Wird die Gesellschaft wenigstens etwas Freiheit genießen, wenn sie einmal auf diesem Hang ist? — Ohne Zweifel. — Und was ist Freiheit?

Sagen wir es ein für alle Mal: Die Freiheit besteht nicht nur im zugestandenen RECHT, sondern in der MACHT, die dem Menschen gegeben ist, seine Fertigkeiten auszuüben, zu entwickeln, unter Herrschaft der Gerechtigkeit und unter Wahrung des Gesetzes.

Und dies ist keine lehre Unterscheidung: Ihr Sinn ist tief, ihre Folgen sind gewaltig. Denn sobald man zugesteht, dass der Mensch, um wahrhaft frei zu sein, die MACHT braucht, seine Fertigkeiten auszuüben und zu entwickeln, folgt, dass die Gesellschaft jedem ihrer Mitglieder angemessene Bildung schuldet, ohne die sich der menschliche Geist nicht entfalten kann, sowie Mittel zur Arbeit, ohne die die menschliche Tätigkeit nicht begonnen werden kann. Nun, durch wessen Eingriff wird die Gesellschaft jedem ihrer Mitglieder angemessene Bildung und die nötigen Arbeitsmittel geben, wenn nicht durch den Eingriff des Staates?

So ist die Freiheit die Macht. — Und worin besteht diese MACHT? — Darin Bildung und Arbeitsmittel zu besitzen. — Wer wird Bildung und Arbeitsinstrumente vergeben? — Die Gesellschaft, die sie schuldet . — Durch wessen Eingriff wird die Gesellschaft Arbeitsmittel an die, die sie nicht haben, vergeben? — Durch den Eingriff des Staates. — Von wem wird der Staat sie nehmen?

Mag der Leser antworten und sehen, wohin all dies führt. Eines der seltsamsten Phänomene unserer Zeit – das wahrscheinlich unsere Nachkommen sehr erstaunen wird – ist, dass die Lehre, die sich auf diese dreifache Hypothese: die radikale Leblosigkeit der Menschheit, die Allmacht des Gesetzes, die Unfehlbarkeit des Gesetzgebers stützt, das Glaubensbekenntnis derjenigen Partei ist, die allein sich demokratisch nennt.

Es ist wahr, dass sie sich auch sozial nennt.

Soweit demokratisch hat sie grenzenlosen Glauben in die Menschheit.

Soweit sozial achtet sie sie wie den letzten Dreck.

Handelt es sich um politische Rechte, handelt es sich darum, aus seiner Mitte den Gesetzgeber hervorgehen zu lassen, ja dann hat, ihrer Meinung nach, das Volk die Weisheit mit Löffeln gefressen. Es ist ausgestattet mit bewundernswertem Feingefühl, sein Wille ist immer recht, der Allgemeine Wille kann sich nicht irren. Das Wahlrecht kann nicht allgemein genug sein. Niemand schuldet der Gesellschaft irgendeine Garantie. Der Wille und die Fähigkeit gut zu entscheiden verstehen sich von selbst. Kann das Volk sich täuschen? — Leben wir nicht im Zeitalter der Aufklärung? Was also! Soll das Volk ewig bevormundet werden? Hat es nicht seine Rechte mit genügend Mühe und Opfern erkämpft? Hat es nicht genügend Beweise seiner Intelligenz und Weisheit gegeben? Ist es nicht zur Mündigkeit gelangt? Ist es nicht in der Lage für sich selbst zu urteilen? Kennt es nicht seine Interessen? Wagt da etwa ein Mann oder eine Klasse, das Recht zu fordern, sich an die Stelle des Volks zu setzen, für es zu entscheiden und zu handeln? Nein, nein, das Volk will frei sein und wird es sein. Es will seine eigenen Angelegenheiten regeln und wird sie regeln.

Aber ist Gesetzgeber einmal durch Wahl aus den Wahlversammlungen hervorgegangen, ja dann ändert sich die Sprache. Die Nation fällt in die Passivität zurück, in die Trägheit, ins Nichts; und der Gesetzgeber wird allmächtig. Sein die Erfindung, sein die Richtung, sein der Antrieb, sein die Organisation. Die Menschheit muss sich nur gehen lassen, die Stunde des Despotismus hat geschlagen. Und bemerken Sie, dass dies fatal ist; denn das Volk, eben noch so aufgeklärt, so gesittet, so vollkommen, hat nun keine Neigungen mehr, oder, wenn es welche hat, führen sie alle zum Niedergang. Und wenn man ihm ein bisschen Freiheit ließe! Aber wissen Sie nicht, dass — nach Herrn ConsidérantFreiheit schicksalhaft zum Monopol führt? Wissen Sie nicht, dass die Freiheit die Konkurrenz ist? Dass Konkurrenz — nach Herrn L. Blanc — für das Volk ein System der Vernichtung, für die Bourgeoisie eine Ursache des Ruins ist? Dass deshalb die Völker umso ausgerotteter und ruinierter sind, je freier sie sind, dies bezeugen die Schweiz, Holland, England und die Vereinigten Staaten? Wissen Sie nicht, dass die Konkurrenz — immer nach Herrn L. Blanc — zum Monopol führt und dass aus dem selben Grund niedrige Preise zu Teuerungen führen? Dass die Konkurrenz dazu neigt, die Quellen des Konsums auszutrocknen und die Produktion in eine alles verschlingende Tätigkeit treibt? Dass die Konkurrenz die Produktion zwingt zu wachsen und den Konsum zu schrumpfen — woraus folgt, dass freie Völker produzieren, um nicht zu konsumieren. Dass sie zugleich Unterdrückung und Wahnsinn ist, und dass es absolut notwendig ist, dass Herr L. Blanc sich hier einmischt?

Übrigens, welche Freiheit könnte man den Menschen lassen? Etwa Gewissensfreiheit? Aber sie werden alle die Erlaubnis nutzen, um Atheisten zu werden. Die Freiheit in der Lehre? Aber die Väter werden sogleich Lehrer bezahlen, um ihren Söhnen Sittenlosigkeit und Irrtum zu lehren. Im Übrigen wäre — glaubt man Herrn Thiers —, die Lehre, die der nationalen Freiheit überlassen worden wäre, nicht mehr national und wir würden unsere Kinder in den Ideen der Türken und Hindus unterrichten, anstatt dass sie dank dem gesetzmäßigen Despotismus der Universitäten das Glück haben, in den edlen Ideen der Römer aufgezogen zu werden. Die Freiheit der Arbeit? Aber das ist die Konkurrenz, die dafür sorgt, dass alle Produkte unkonsumiert bleiben, das Volk ausgerottet und die Bourgeoisie ruiniert wird. Den Freihandel? Aber bekanntlich, die Protektionisten haben es zur Genüge bewiesen, ruiniert ein Mensch sich, wenn er frei handelt und man muss, um reich zu werden, ohne Freiheit Handel treiben. Versammlungsfreiheit? Aber nach der sozialistischen Lehre schließen sich Freiheit und Versammlung aus, denn die Menschen sollen ja nur ihrer Freiheit beraubt werden, um sie zwangszuvereinigen.

Sie sehen also wohl, dass die sozialistischen Demokraten den Menschen guten Gewissens keinerlei Freiheit lassen können, da diese aus sich heraus, wenn jene Herren hier nicht für Ordnung sorgen, in jeder Hinsicht zu Verfall und Amoral neigen.

Bleibt zu erkunden, auf welcher Grundlage man in diesem Fall für sie mit solcher Hartnäckigkeit das allgemeine Wahlrecht fordert.

Die Ansprüche der Organisatoren rufen eine andere Frage hervor, die ich ihnen oft gestellt habe, und auf die sie, soweit ich weiß, nie geantwortet haben. Wenn die natürlichen Neigungen der Menschheit so schlecht sind, dass man ihr die Freiheit nehmen muss, wie kommt es dann, dass die Neigungen der Organisatoren gut sind? Gehören die Gesetzgeber und ihre Vertreter nicht zur Menschheit? Sind sie aus anderem Lehm geknetet als der Rest der Menschen? Sie sagen, die Gesellschaft müsse, sich selbst überlassen, schicksalhaft in den Abgrund laufen, weil ihre Instinkte pervers sind. Sie geben vor, sie auf diesem Hang aufzuhalten und ihr eine bessere Richtung aufzuzwingen. Sie haben also vom Himmel eine Intelligenz und Tugenden bekommen, die sie außerhalb und über die Menschheit stellen — sollen sie ihre Titel vorweisen. Sie wollen Hirten sein, sie wollen, dass wir die Herde sind. Dieses Verhältnis setzt bei ihnen eine überlegene Natur voraus, für die wir wohl das Recht haben, im vorhinein einen Beweis zu fordern.

Beachten Sie: Ich streite ihnen nicht das Recht ab, soziale Kombinationen zu erfinden, sie zu verkünden, zu ihnen zu raten, sie bei sich selbst, zu ihrem Gewinn und auf ihr Risiko, auszuprobieren. Aber ich streite ihnen wohl das Recht ab, sie uns über die Vermittlung des Gesetzes — das heißt der öffentlichen Gewalten und Gelder — aufzuerlegen.

Ich fordere, dass die Cabétisten, Fouriéristen, Proudhonier, Akademiker, Protektionisten nicht ihre besonderen Ideen aufgeben, sondern jene Idee, die ihnen gemeinsam ist, uns gewaltsam in ihre Gruppen und Klassen zu zwingen, in ihre Genossenschaftswerkstätten, ihre Gratisbank, ihre griechisch-römischen Moral, ihre Fesselung des Geschäftslebens. Was ich von ihnen fordere, ist uns die Möglichkeit zu lassen, ihre Pläne zu prüfen und uns nicht in ihre Pläne direkt oder indirekt hineinzuziehen, wenn wir finden, dass diese unsere Interessen verletzen, oder wenn sie unserem Gewissen zuwiderlaufen.

Denn die Anmaßung, Macht und Steuer eingreifen zu lassen, unterdrückt und raubt nicht nur, sie setzt auch wieder dieses Vorurteil voraus: Die Unfehlbarkeit des Organisators und die Unfähigkeit der Menschheit.

Und wenn die Menschheit unfähig ist, für sich selbst zu urteilen, was redet man uns dann von allgemeinem Wahlrecht?

Dieser Widerspruch in den Ideen spiegelt sich leider in den Tatsachen, und während das französische Volk alle anderen in der Eroberung seiner Rechte überholt hat, oder eher seiner politischen Garantien, ist es nichtsdestoweniger das regierteste, dirigierteste, verwaltetste, besteuertste, eingeengteste und ausgebeutetste aller Völker geblieben.

Es ist unter allen auch jenes, wo die Revolutionen am unmittelbarsten drohen, und das muss so sein.

Solange man von der Idee ausgeht, die von allen Publizisten und so energisch von Herrn L. Blanc in diesen Worten vertreten wird: „Die Gesellschaft empfängt den Antrieb durch die Macht“, solange die Menschen sich selbst für empfänglich aber passiv halten, unfähig, sich durch eigene Wahrnehmung und aus eigener Energie zu irgendeiner Moral zu erheben, zu einem Wohlbefinden, und nur alles vom Gesetz erwarten — mit einem Wort, wenn sie annehmen, dass ihr Verhältnis zum Staat das der Herde zum Hirten ist — dann ist klar, dass die Verantwortung der Macht gewaltig ist. Das Wohl und Übel, Tugend und Laster, Gleichheit und Ungleichheit, Überfluss und Elend, alles leitet sich von ihr ab. Ihr wird alles angerechnet, sie unternimmt alles, sie macht alles. Also verantwortet sie alles. Wenn wir glücklich sind, fordert sie mit gutem Recht unsere Dankbarkeit, aber wenn wir elend sind, können wir nur ihr die Schuld dafür geben. Verfügt sie nicht im Prinzip über unsere Person und unser Hab und Gut? Ist das Gesetz nicht allmächtig? Indem sie das Monopol für Universitäten geschaffen hat, hat sie es auf sich genommen, die Hoffnungen der Familienväter zu erfüllen, die dann keine Freiheit mehr haben; und wenn diese Hoffnungen enttäuscht werden, wer hat die Schuld? Indem sie die Industrie reguliert hat, hat sie es auf sich genommen, sie gedeihen zu lassen, sonst wäre es unsinnig gewesen, ihr die Freiheit zu nehmen; und wenn sie leidet, wer hat die Schuld? Indem sie eingreift, um durch das Jonglieren mit Zöllen die Handelsbilanz auszugleichen, hat sie es auf sich genommen, den Handel blühen zu lassen; und wenn er, weit davon entfernt zu blühen, zusammenbricht, wer hat die Schuld? Indem sie den Schifffahrtsindustrien Schutz im Tausch für ihre Freiheit zugesteht, hat sie es auf sich genommen, sie lukrativ zu machen; und wenn sie Verlust machen, wer hat die Schuld?

So gibt es kein Leiden in der Nation, für das die Regierung sich nicht freiwillig verantwortlich gemacht hätte. Ist es dann erstaunlich, dass jedes Leiden Grund zur Revolution ist?

Und was soll das Heilmittel sein? Den Bereich des Gesetzes unendlich zu erweitern, das heißt, die Verantwortung der Regierung.

Aber wenn die Regierung es auf sich nimmt, die Löhne zu erhöhen und zu regeln, und kann es nicht; wenn sie es auf sich nimmt allem Unglück beizustehen, und kann es nicht; wenn sie es auf sich nimmt, die Renten aller Arbeiter zu sichern und kann es nicht; wenn sie es auf sich nimmt, alle Arbeiter mit Arbeitsmitteln auszustatten und kann es nicht; wenn sie es auf sich nimmt, allen Überschuldeten Gratiskredite zu gewähren und kann es nicht; wenn, nach den Worten, die wir mit Bedauern aus der Feder von Herrn de Lamartine fließen sehen haben, „der Staat sich die Aufgabe stellt, die Seele der Völker aufzuklären, zu entwickeln, zu vergrößern, zu stärken, zu vergeistigen und zu heiligen“, und scheitert, — ist dann nicht offensichtlich, dass am Ende jeder, leider! mehr als wahrscheinlichen Enttäuschung, eine nicht weniger unausweichliche Revolution steht?

Ich nehme meine These wieder auf und sage: Unmittelbar nach der Volkswirtschaft und am Beginn der Politologie stellt sich eine entscheidende Frage. Das ist diese:

Was ist das Gesetz? Was muss es sein? Was ist sein Wirkungsfeld? Was sind seine Grenzen? Wo hören folglich die Zuständigkeiten des Gesetzgebers auf?

Ich zögere nicht zu antworten: Das Gesetz ist die organisierte Kollektivgewalt, um der Ungerechtigkeit Widerstand zu leisten; oder kurz: DAS GESETZ IST DIE GERECHTIGKEIT.

Es ist nicht wahr, dass der Gesetzgeber über unsere Personen und unsere Besitztümer absolute Gewalt hat, denn sie existierten vorher und seine Aufgabe ist es, sie mit Garantien zu umgeben.

Es ist nicht wahr, dass das Gesetz zur Aufgabe hat, unsere Gewissen zu regieren, unsere Ideen, unseren Willen, unsere Bildung, unsere Gefühle, unsere Arbeit, unseren Handel, unsere Gaben, unsere Genüsse.

Seine Aufgabe ist, zu hindern, dass in einer dieser Angelegenheiten das Recht des Einen in das Recht des Anderen übergreift.

Das Gesetz, weil es als notwendige Sanktion die Gewalt hat, kann keinen anderen legitimen Bereich haben, als den legitimen Bereich der Gewalt, nämlich: die Gerechtigkeit.

Und wie jedes Individuum nur das Recht hat, im Falle legitimer Verteidigung auf Gewalt zurückzugreifen, kann die kollektive Gewalt, die nur eine Vereinigung individueller Gewalten ist, vernünftigerweise nicht zu einem anderen Zweck angewendet werden.

Das Gesetz ist also nur die Organisation des vorherbestehenden Rechtes auf legitime Verteidigung.

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

Dass es – selbst mit philanthropischen Ziel – Personen unterdrücken oder Besitztümer rauben kann, ist so falsch, wie es seine Aufgabe ist, diese zu beschützen.

Und man sage nicht, dass es zumindest philanthropisch sein könnte, vorausgesetzt es enthielte sich jeder Unterdrückung, jedes Raubes. Dies ist widersprüchlich. Das Gesetz kann nicht über unsere Personen und unser Wohl verfügen. Wenn es sie nicht garantiert, verletzt es sie allein dadurch, dass es verfügt, durch seine reine Existenz.

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

Sehen Sie, was so klar ist, einfach, perfekt definiert und eingegrenzt, jeder Intelligenz zugänglich, jedem Auge sichtbar, denn die Gerechtigkeit ist eine gegebene Größe, unwandelbar, unveränderbar, die weder mehr noch weniger zulässt.

Gehen Sie darüber hinaus, machen Sie das Gesetz religiös, brüderlich, angleichend, philanthropisch, industriell, literarisch, künstlerisch, sofort sind sie im Unendlichen, im Ungewissen, im Unbekannten, in einer aufgezwungenen Utopie, oder, was schlimmer ist, in der Vielzahl der Utopien, die darum kämpfen, sich des Gesetzes zu bemächtigen und sich umzusetzen. Denn die Brüderlichkeit, die Philanthropie haben nicht wie die Gerechtigkeit feste Grenzen. Wo machen Sie halt? Wo macht das Gesetz halt? Der eine, wie Herr de Saint-Cricq, wird seine Philosophie nur auf einige industrielle Klassen anwenden, und er wird vom Gesetz fordern, dass es über die Konsumenten zu Gunsten der Produzenten verfügt . Der andere, wie Herr Considérant, wird das Anliegen der Arbeiter in die Hand nehmen und er wird für sie vom Gesetz ein garantiertes MINIMUM fordern, Kleidung, Wohnung, Nahrung und alle zum Unterhalt notwendigen Dinge . Ein Dritter, Herr L. Blanc, wird mit Recht sagen, dass dies nur der Anfang der Brüderlichkeit ist und dass das Gesetz allen Arbeitsmittel und Ausbildung geben muss. Ein vierter wird zur Geltung bringen, dass ein solches Arrangement noch Ungleichheit Raum lässt und dass das Gesetz in die abgelegensten Weiler Luxus, Literatur und Künste bringen muss. Sie werden so bis zum Kommunismus kommen, oder eher wird die Gesetzgebung — wie sie es jetzt schon ist — das Schlachtfeld aller Träumereien und aller Begehrlichkeiten sein.

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

So erhält man eine einfache, unerschütterliche Regierung. Und woher sollte auch der Gedanke an eine Revolution kommen, an einen Aufstand, an eine einfache Meuterei gegen eine öffentliche Gewalt, die darauf beschränkt ist, die Ungerechtigkeit zu unterdrücken. Unter einer solchen Herrschaft gäbe es mehr Wohlstand, der Wohlstand wäre gleichmäßiger verteilt, und niemand dächte daran, die Regierung für Leiden anzuklagen, die von der Menschheit untrennbar sind, denen sie ebenso fremd gegenüber stünde wie den Veränderungen der Temperatur. Hat sich das Volk jemals gegen das Kassationsgericht erhoben oder ist in den Amtssitz des Friedensrichters eingefallen, um den Minimallohn zu fordern, den Gratiskredit, die Arbeitsmittel, Zollvergünstigungen, oder die Genossenschaftswerkstatt? Es weiß wohl, dass diese Einrichtungen außerhalb der Macht des Richters liegen, und es würde genauso lernen, dass sie außerhalb der Macht des Gesetzes liegen.

Aber stellen Sie das Gesetz auf den Grundsatz der Brüderlichkeit, verkünden Sie, dass sich von ihm Wohl und Übel ableiten, dass es für jeden individuellen Schmerz verantwortlich ist, für jede soziale Ungleichheit, und Sie werden einer endlosen Folge von Klagen, Hass, Problemen und Revolutionen Tür und Tor öffnen.

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

Und es wäre ganz merkwürdig, wenn es billigerweise etwas anderes sein könnte! Ist nicht die Gerechtigkeit das Recht? Sind die Rechte nicht gleich? Warum greift dann das Gesetz ein, um mich den sozialen Plänen der Herren Mimerel, de Melun, Thiers, Louis Blanc zu unterwerfen, statt diese Herrn meinen Plänen zu unterwerfen? Bin ich denn nicht von Natur mit genug Vorstellungsvermögen ausgestattet, um auch eine Utopie zu entwerfen? Ist die Rolle des Gesetzes, eine Wahl zu treffen zwischen so vielen Chimären und die öffentliche Gewalt einer von ihnen dienstbar zu machen?

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

Und man behaupte nicht unablässig, dass das Gesetz, so konzipiert — atheistisch, individualistisch und ohne Bindungen —, die Menschheit nach seinem Bild formen wird. Dies ist ein absurder Schluß, wohl würdig jener abgöttischen Bewunderung der Regierung, die das Gesetz für die Menschheit hält.

Was also? Daraus, dass wir frei sein werden, folgt dass wir aufhören werden zu handeln? Daraus, dass wir keinen Antrieb vom Gesetz erhalten, folgt, dass wir antriebslos werden? Daraus, dass das Gesetz sich darauf beschränken wird, uns die freie Ausübung unserer Fertigkeiten zu garantieren, folgt, dass unsere Fertigkeiten mit Energielosigkeit belegt werden? Daraus, dass das Gesetz uns nicht Formen der Religion, Arten der Vereinigung und Methoden der Lehre, Vorgehensweisen der Arbeit, Ausrichtungen des Handels und Planungen der Wohltätigkeit auferlegen wird, folgt, dass wir uns geradewegs in den Atheismus stürzen werden, in die Isolation, die Unwissenheit, das Elend und den Egoismus? Folgt, dass wir nicht mehr die Macht und Güte Gottes zu erkennen wüssten, wüssten, uns zu vereinigen, für einander einzustehen, zu lieben und unseren unglücklichen Brüdern beizustehen, die Geheimnisse der Natur zu studieren und die Vervollkommnung unseres Wesens anzustreben?

Das Gesetz ist die Gerechtigkeit.

Und unter dem Gesetz der Gerechtigkeit, unter der Herrschaft des Rechts, unter dem Einfluss der Freiheit, der Sicherheit, der Stabilität, der Verantwortung, wird jeder Mensch zu seinem vollen Wert kommen, zur vollen Würde seines Wesens, und die Menschheit wird mit Ordnung, mit Ruhe – ohne Zweifel langsam – aber mit Gewissheit den Fortschritt vorantreiben, der ihre Bestimmung ist.

Es scheint mir, dass die Theorie auf meiner Seite ist. Denn jede Frage, die ich zur Erwägung stelle, ob sie religiös ist, philosophisch, politisch, volkswirtschaftlich; ob es sich um den Wohlstand handelt, um Moral, um Gleichheit, um Recht, um Gerechtigkeit, um Fortschritt, um Verantwortung, um Solidarität, um Eigentum, um Arbeit, um Handel, um Kapital, um Löhne, um Steuern, um Bevölkerung um Kredit, um Regierung; an welchen Punkt am wissenschaftlichen Horizont ich auch den Ausgangspunkt meiner Untersuchungen lege, immer ende ich unverändert dabei: die Lösung des sozialen Problems liegt in der Freiheit.

Und habe ich nicht auch die Erfahrung für mich? Werfen Sie einen Blick auf den Globus! Welches sind die glücklichsten Völker, die moralischsten, die friedlichsten? Diejenigen, wo das Gesetz am wenigsten in die private Tätigkeit eingreift, wo sich die Regierung am wenigsten fühlbar macht, wo die Individualität den größten Spielraum hat und die öffentliche Meinung am meisten Einfluss, wo die Räderwerke der Verwaltung am wenigsten zahlreich und am unkompliziertesten sind, die Steuern am wenigsten drückend und am wenigsten ungleich, die Unzufriedenheiten des Volkes am wenigsten heftig und am wenigsten zu rechtfertigen, wo die Verantwortung der Individuen und der Klassen am regsamsten ist und wo folglich die Sitten, wenn sie nicht perfekt sind, unfehlbar danach streben, sich richtigzustellen, wo Transaktionen, Konventionen, Vereinigungen am wenigsten beschränkt sind, wo die Arbeit, das Kapital, der Glaube an Gott am meisten in den Erfindungen der Menschen vorwiegt, diejenigen mit einem Wort, die die folgende Lösung am besten treffen: in den Grenzen des Rechts, alles über die freie und vervollkommnungsfähige Spontanität des Menschen, nichts über das Gesetz oder die Gewalt außer der universellen Gerechtigkeit.

Es muss einmal gesagt werden: Es gibt zu viele große Männer auf der Welt; es gibt zu viele Gesetzgeber, Organisatoren; Einrichter von Gesellschaften, Führer des Volkes, Väter der Nation, etc. Zu viele Menschen stellen sich außerhalb der Menschheit, um sie zu regieren, zu viele Menschen machen einen Beruf daraus, sich um sie zu kümmern.

Man mag entgegnen: Sie kümmern sich ganz gut darum, Sie die sprechen. Das ist wahr. Aber offenbar geschieht dies in einem ganz anderen Sinne und von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, und wenn ich mich unter die Reformatoren mische, geschieht das nur, um sie dazu zu bringen abzulassen.

Ich kümmere mich darum nicht wie Vaucanson um seinen Automat, sondern wie ein Physiologe des menschlichen Organismus: um ihn zu studieren und zu bewundern.

Ich kümmere mich darum in dem Geiste, der einen berühmten Reisenden beseelte.

Er traf auf einen wilden Stamm. Ein Kind war gerade geboren worden und ein Gedränge von Wahrsagern, Hexern, Empirikern umringten es, bewaffnet mit Ringen, Haken und Bändern. Der eine sagte: „Dies Kind wird nie den Duft einer Friedenspfeife riechen, wenn ich ihm nicht die Nasenflügel verlängere.“ Ein andere: „Es wird des Gehörs beraubt sein, wenn ich ihm nicht die Ohren bis zu den Schultern herabziehe.“ Ein dritter: „Es wird nicht das Licht der Sonne sehen, wenn ich nicht seinen Augen eine schräge Ausrichtung gebe.“ Ein vierter: „Es wird sich niemals aufrecht halten, wenn ich ihm nicht die Beine krümme.“ Ein fünfter: „Es wird nicht denken, wenn ich nicht sein Hirn zusammendrücke.“ „Zurück“, sagt der Reisende. „Gott weiß, was er tut; habt nicht den Anspruch, mehr davon zu verstehen als er, und da er dieser zerbrechlichen Kreatur Organe gegeben hat, lasst seine Organe sich entwickeln, sich kräftigen durch Übung, durch Erprobung, Erfahrung und Freiheit.“

Gott hat auch in die Menschheit alles gelegt, was sie braucht, um ihre Bestimmung zu erfüllen. Es gibt eine gesellschaftliche Physiologie der Vorsehung wie es eine menschliche Physiologie der Vorsehung gibt. Auch die gesellschaftlichen Organe sind ausgelegt, um sich harmonisch zu entwickeln unter der großartigen Luft der Freiheit. Zurück also Empiriker und Organisatoren! Zurück ihre Ringe, ihre Ketten, ihre Haken, ihre Zangen! Zurück ihre künstlichen Mittel! Zurück ihre Genossenschaftswerkstätten, ihre kommunistische Produktionsgemeinschaft, ihr Regulierungswahn, ihre Zentralisierung, ihre Zölle, ihre Beschränkungen, ihre Moralisierung oder ihre Angleichung durch Steuer! Und nachdem man vergeblich dem gesellschaftlichen Körper so viele Systeme auferlegt hat, möge man da enden, wo man hätte beginnen sollen, möge man die Systeme zurückweisen, möge man endlich die Freiheit auf die Probe stellen — die Freiheit, die ein Akt des Glaubens an Gott und sein Werk ist.

  1. Man beachte, dass dieser Text 13 Jahre vor Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs geschrieben wurde. (Die Übersetzer) []