Rezension im Handelsblatt

von Sascha Tamm



Der Ökonom Frédéric Bastiat trat Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich mit der Macht einer klaren, bildhaften Sprache für Freihandel ein

Lehrstücke gegen den Irrglauben an staatliche Intervention

Nach Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard und Ludwig von Mises ist Frédéric Bastiat der fünfte Freiheitsdenker, dessen Hauptwerk nun in ansprechender "Brevier"-Form nachzulesen ist.
 

Bis heute ist die Überzeugung verbreitet, ein freies Wirtschaftssystem benachteilige die "schwachen" Individuen und die Entwicklungsländer. Staatliche Intervention müsse dem entgegenwirken. Ganze Generationen von Politikern zogen und ziehen ihre Existenzberechtigung daraus.

Viele Ökonomen haben die zugrunde liegenden ökonomischen Vorstellungen als Aberglauben entlarvt - das Schrifttum ist gewaltig. Auch in der aktuellen Globalisierungsdebatte bleiben indes die Befürworter von Protektionismus und Regulierung davon unbeleckt. Daher lohnt es, immer wieder an die Vordenker und Verfechter freier Märkte zu erinnern - erst recht dann, wenn sie Meister des geschliffenen Arguments sind wie Claude Frédéric Bastiat, dessen 200. Geburtstag am 30. Juni dieses Jahres viel zu wenig Aufmerksamkeit fand.

Bastiats kurze Karriere als Publizist und Politiker erstreckte sich nur über die 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war in Frankreich wie in ganz Europa eine Zeit der Krise und des politischen Aufbruchs. In England hatten sich die Manchester-Liberalen im Kampf für die Abschaffung der Getreidezölle an die Spitze einer Massenbewegung gestellt. Im Gegensatz zur späteren Rezeption wurde der Kampf für den Freihandel damals übrigens von großen Teilen der Arbeiterschaft unterstützt. Bastiat verstand sich als Speerspitze dieser Bewegung in Frankreich, er war persönlich mit ihrem Führer Cobden bekannt und sah ihn als Vorbild. Der Kampf gegen die Allzuständigkeit des Staates war seine Lebensaufgabe. Im Sozialismus beraube mit Hilfe des Gesetzes jeder jeden.

Festigkeit und Genauigkeit der Prinzipien auf der einen und ein allgemein verständlicher Stil auf der anderen Seite geraten oft in Konflikt. Der französische Ökonom und Philosoph war eine Ausnahme. Seinen Schriften fehlt es weder an bildhafter, anschaulicher Sprache noch an polemischer Schärfe. Zugleich gelang ihm eine kaum zu übertreffende Präzision in der Formulierung.

Von beidem kann sich der Leser im jetzt erschienenen Bastiat-Brevier "Der Staat - die große Fiktion" überzeugen. Es ist sowohl der klaren Sprache des Originals als auch der sprachlich sehr frischen und klaren Übersetzung durch Marianne und Claus Diem zu verdanken, dass sie den Leser bis heute fesseln können. Einige Nachlässigkeiten und allzu starke Modernisierungen trüben den positiven Eindruck kaum.

Der Edition ist ein kurzer Abriss des Lebens von Bastiat beigefügt. In einem Nachwort würdigt Detmar Doering die Bedeutung von Bastiats Werk sowohl für die Wirtschaftswissenschaften als auch für die Theorie des Liberalismus. Bastiat gibt dem heutigen Leser griffige Erklärungen wirtschaftlicher Phänomene, vor allem aber Argumente im Kampf gegen jenen ökonomischen Unverstand, der die öffentliche Debatte bis heute stark beherrscht.

Neben der weithin bekannten "Petition", in der das Streben der Kerzenfabrikanten nach allgemeiner Verdunklung als Form staatlicher Protektion karikiert wird, ist vor allem der Text "Was man sieht und was man nicht sieht" hervorzuheben. Wenn eine Glasscheibe eingeworfen werde, so hat das unmittelbar sichtbare positive Folgen für den örtlichen Glaser. Die unsichtbaren Leidtragenden sind die anderen Gewerbe - ihnen entgehen Aufträge, die ihnen der Geschädigte sonst gegeben hätte. Wenn heute Subventionen für eine Industrie gefordert werden, so liegt das gleiche naive Denken in "sichtbaren Folgen" zugrunde. Die vermeintlich positiven Folgen sind sofort sichtbar: Bergleute oder Bauern erzielen Einkommen (und bewahren Ruhe). Unsichtbar bleibt wieder der Verlust für andere Verwendung der Ressourcen.

Eine Frage stellt sich jedem, der sich Bastiats Gedanken nicht entziehen kann: Warum gibt es auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts so wenige Menschen, die den Unsinn des Staatsinterventionismus erkennen? Selbst Bastiat verliert bei der Antwort auf diese Frage seinen Optimismus. Der Staat wird zum Medium des "primitiven Egoismus", des Strebens "auf Kosten anderer zu leben und sich zu entwickeln.
 
 

Handelsblatt, 17. Juli 2001