Rezension in der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

von Karen Horn


Was man sieht - und was man nicht sieht

Ein Brevier über den französischen Freihändler Claude Frédéric Bastiat


In Göteborg haben randalierende Globalisierungsgegner so viel Unheil angerichtet, dass die G8 nicht mehr recht wissen, wie sie tagen können. Auf dem Frankfurter Kirchentag haben Gläubige so eifrig wie eifernd gegen die Hochfinanz demonstriert. Die blanke Ablehnung alles Wirtschaftlichen scheint in Mode: "Diese Sekten erheben sich mit Eifer gegen das, was sie die Vermittler nennen. Sie würden gern den Kapitalisten, den Bankier, den Spekulanten, den Unternehmer, den Kaufmann und den Händler abschaffen, mit der Anklage, dass sie sich zwischen die Produktion und den Verbrauch stellen, um beide zu schädigen."

Wer das verbreitete Ressentiment so treffend beschreibt, tat dies vor langer Zeit: der vor zweihundert Jahren geborene Ökonom Frédéric Bastiat, den Friedrich August von Hayek als den "wahrscheinlich genialsten Publizisten des ökonomischen Liberalismus" bezeichnet hat. Marianne und Claus Diem haben einige von Bastiats Schriften zusammengetragen, Detmar Doering hat sie klug kommentiert. Das Brevier sei unbedingt zur Lektüre empfohlen - auch wenn die Übersetzung wenig elegant daherkommt. Schade: Das ganze Buch scheint mit heißer Nadel gestrickt.

Oft beschränkt sich bei der Lektüre alter Texte der Genuss auf ein Staunen darüber, dass so kluge Ideen schon so früh formuliert worden sind. Bei Bastiat ist das anders, die Bewunderung ist unmittelbar, das Vergnügen überwältigend angesichts seiner klaren, biestigen Argumentation. So schreibt er: "Der Sophismus der Sozialisten besteht darin, der Öffentlichkeit zu zeigen, was sie den Vermittlern im Tausch für ihre Dienste zahlt, und ihr zu verbergen, was sie dem Staat zahlen müsste." Die Unterscheidung zwischen dem, "was man sieht", und dem, was man nicht sieht - also zwischen Kosten und Opportunitätskosten -, ist Bastiats schärfste, auch heute nicht stumpfe Waffe.

Nicht nur die Sozialisten, sondern auch die Theorien eines John Maynard Keynes hätte es gar nicht geben dürfen; Bastiat hatte sie vorab widerlegt. Während Keynes später nicht davor zurückschreckte, bei Nachfrageschwäche Löcher graben und wieder zuschütten zu lassen, schrieb Bastiat: "Aber wenn man ableitet, dass es gut ist, Scheiben zu zerschlagen, dass das Geld in Umlauf bringt, dass dadurch die Industrie im allgemeinen gefördert wird, sehe ich mich gezwungen, aufzuschreien: Haltet ein! Ihre Theorie bleibt bei dem stehen, was man sieht." Der Bürger, der die Scheibe ersetzen müsse, hätte sein Geld lieber anders verwendet und damit ebenfalls die Wirtschaft angekurbelt. Bastiat kannte das "Crowding out" lange vor dem Begriff.

Den Staat bedenkt er nur mit Spott: "Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben." Mehr hat die moderne politische Ökonomie auch nicht zu sagen - und das mit weniger Prägnanz. Nach Bastiat liegt die einzige legitime Aufgabe des Kollektivs darin, die Herrschaft des Gesetzes durchzusetzen, das heißt, jedem Bürger Freiheit und Eigentum zu garantieren.

Mit purer Logik erstickt der französische Freihändler auch unqualifiziertes Geschrei über "Vermittler": "Wenn der Magen, der Hunger hat, in Paris ist und der Weizen, der ihn stillen kann, in Odessa, kann das Leiden nicht aufhören, wenn nicht der Weizen zu dem Magen kommt. Es gibt drei Mittel für diese Zusammenkunft: 1. Die hungernden Menschen können sich selbst den Weizen holen; 2. Sie können sich an die wenden, die diesem Beruf nachgehen; 3. Sie können sich vereinigen und öffentliche Beamte mit dieser Operation betrauen. Zu allen Zeiten, in allen Ländern, und umso mehr, je freier, je aufgeklärter, je erfahrener sie waren, haben die Menschen freiwillig das zweite gewählt." Bastiat führt das näher aus und schließt: "Es ist also nicht möglich, sich eine Organisation vorzustellen, die besser am Interesse derer ausgerichtet ist, die Hunger haben, und die Schönheit dieser Organisation, die von den Sozialisten nicht wahrgenommen wird, kommt genau daher, dass sie frei ist." Gerechtigkeit durch Freiheit: Ein treffsicheres Plädoyer für Markt und Wettbewerb.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 2001, S.14