von André F. Lichtschlag
Jeder versucht, auf Kosten des anderen zu leben
Radikal(st)er Freiheitsdenker
Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben, so Frédéric Bastiat in seinem Essay "Der Staat" im Jahre 1848. Der "Staat - die große Fiktion" lautet denn auch der Titel des neuesten Freiheitsdenker-Breviers aus dem Ott-Verlag. Nach den im Vergleich eher gemäßigten Denkern Erhard, Röpke und Hayek erschien zuletzt das Ludwig-von-Mises-Brevier. Der nun zu seinem 200. Geburtstag publizierte Bastiat-Band geht an freiheitlicher Radikalität noch einen Schritt weiter, und damit für viele sicherlich auch in puncto Lesevergnügen.
Neuübersetzung
Die Herausgeber Marianne und Claus Diem sowie die Unterstützer Gerd Habermann und Detmar Doering, allesamt bekannte und bekennende ef-Autoren, haben mit der von Marianne Diem erarbeiteten Neuübersetzung von sechs Bastiat-Essays ein kleines Meisterwerk gehoben.
Was man nicht sieht
Sicherlich, "Der Staat" und "Das Gesetz" galten schon zu Lebzeiten Bastiats als Klassiker. Mein persönlicher Lieblingsessay ist jedoch "Was man sieht und was man nicht sieht". Hayek, so erfahren wir im Nachwort Detmar Doerings, hat in dieser kleinen Schrift gar "das entscheidende Argument für die wirtschaftliche Freiheit gefunden". Denn in der Tat berechnen noch heute die meisten "Ökonomen" - bis auf jene der österreichischen Schule, deren Vorläufer Bastiat war Wirtschafts(makro)daten alleine nach dem, was man sieht. Dass jedes Staatshandeln (was man sieht) freiwillige andere Handlungen unterdrückt, die man nicht sieht, wird dezent außer Acht gelassen.
Volksmund
So kommt es, dass der Volksmund in einer zerbrochenen Scheibe eine Wirtschaftsankurbelung für den Glaser zu erkennen scheint, wie Bastiat aufführt, ohne zu erkennen, dass der Besitzer der zerbrochenen Scheibe das Geld lieber anderweitig investiert hätte.
Und "Experten"
Und so kommt es, dass, wie Doering hier richtig andeutet, der Bergarbeiter an Rhein und Ruhr subventioniert wird, während Zukunftsindustrien deshalb belastet werden oder gar nicht erst entstehen. Frédéric Bastiat, der große Manchestermann aus Frankreich, ist heute aktueller als je zuvor.
eigentümlich frei, Juli / August 2001